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Lufthansa hat 26.000 Mitarbeiter zu viel – Verhandlungen werden zur Nervenprobe

Das Management und die Arbeitnehmervertreter haben am Mittwochen über den Beitrag der Mitarbeiter zur Rettung gesprochen. Der Einigungsdruck ist hoch.

Während das Rettungspaket für die österreichische Tochter steht, wird in Deutschland noch mit den Gewerkschaften verhandelt. Foto: dpa

Die hart von der Coronakrise getroffene Lufthansa muss tiefe Einschnitte bei den Personalkosten vornehmen. Der Einbruch des Passagierflugverkehrs führt zu einem noch höheren Personalüberhang als bisher bekannt.

Die Airline-Gruppe brauche nach der Krise rechnerisch 22.000 Vollzeitstellen oder rund 26.000 Mitarbeiter weniger als heute, erklärte die Lufthansa am Mittwochabend nach einem Tarifgipfel mit den Gewerkschaften UFO, Verdi und Vereinigung Cockpit in Frankfurt. Bisher war offiziell von deutlich mehr als 10.000 Arbeitsplätzen die Rede. Gerade unter Oppositionspolitikern sorgte die neue Zahl für Aufruhr.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat zwar versprochen, möglichst viele Lufthanseaten an Bord zu halten, doch das geht nur, wenn alle verzichten. „Entweder wir verteilen die Arbeit auf mehr Köpfe, oder viele Tausende müssten gehen. Spätestens dann, wenn die Kurzarbeit ausläuft“, erklärte Spohr kürzlich in einem Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Und fügte hinzu: „Ich bleibe optimistisch und setze auf die Solidarität der Lufthanseaten.“

Wie Spohr sich das vorstellen könnte, zeigt das Beispiel aus Österreich. Nicht nur die dortige Regierung und der Mutterkonzern Lufthansa beteiligen sich an dem gerade beschlossenen Rettungspaket für die österreichische Austrian Airlines (AUA) mit einem Volumen von 600 Millionen Euro. Auch die rund 7000 Mitarbeiter leisten einen signifikanten Beitrag. Durch einen Gehaltsverzicht steuern sie 300 Millionen Euro bei.

Nur durch diese Zugeständnisse sei es letztlich möglich, dass AUA nach dem Ende der harten Lockdown-Phase wegen der Corona-Pandemie bald wieder abheben könne, lobte Alexis von Hoensbroech, der CEO der österreichischen Airline, das Entgegenkommen der Belegschaft. Und Lufthansa-Chef Carsten Spohr sprach von einem Modellcharakter auch über die Grenzen Österreichs hinaus.

Bezogen war diese Aussage vor allem auf die Mischung aus der unternehmerischen Freiheit und ökologischen Vorgaben, die in dem Rettungspaket festgezurrt ist. Aber vielleicht hatte Spohr bei dieser Aussage auch die Zugeständnisse der AUA-Belegschaft im Kopf. Denn eine ähnliche Lösung braucht der oberste Lufthanseat nun auch in Deutschland.

Und das möglichst schnell. Möglichst noch vor der außerordentlichen Hauptversammlung am 25. Juni soll feststehen, welchen Beitrag die deutschen Mitarbeiter zur Stabilisierung der Airline-Gruppe leisten. An dem Tag sollen die Investoren über die neun Milliarden Euro schwere Finanzhilfe der deutschen Regierung abstimmen.

Vor allem über den Einstieg des deutschen Staats mit 20 Prozent des Grundkapitals und der zumindest vertraglich zugesicherten Möglichkeit, auf bis zu 30 Prozent aufzustocken, sollte Lufthansa die staatlichen Kredite und stillen Einlagen nicht zurückzahlen können. Allein das ist schon schwere Kost für die Aktionäre, bedeutet das doch eine massive Verwässerung ihres Aktienbesitzes. Hinzu kommt der „Vorzugspreis“ für den Bund von nur 2,56 Euro pro Aktie.

Gipfel am Mittwoch

„Angesichts dessen wollen die Investoren wenigstens sicher sein, dass die Rettung nicht noch am Ende an der fehlenden Unterstützung der Mitarbeiter scheitert“, sagt eine Führungskraft von Lufthansa. Entsprechend hoch ist der Zeit- und Einigungsdruck. Am späten Mittwochnachmittag ist ein zweiter sogenannter Sozialpartner-Gipfel geplant. Spitzenvertreter des Unternehmens und der Gewerkschaften wollen dort über die Sparmaßnahmen sprechen.

Lufthansa will sich zu den Details der Verhandlungen nicht äußern. „Wir befinden uns in intensiven Gesprächen mit unseren Sozialpartnern. Es braucht ein klares Commitment von allen Beteiligten, damit Lufthansa auch nach der Krise zukunfts- und wettbewerbsfähig ist“, sagte ein Sprecher.

Aus Gewerkschaftskreisen ist zu hören, dass die Verhandlungen schwierig sind. Hintergrund sind die hohen Forderungen des Managements. Lufthansa will die Flotte von zuletzt rund 760 Flugzeugen um 100 Jets verkleinern. An jedem Flugzeug hängen direkt etwa 100 Mitarbeiter. Hinzu kommen den Flugzeugen zugeordnete Funktionen, etwa in der Administration oder auch der Wartung.

Während Spohr auf die Solidarität der Angestellten setzt, wird gerade diese Solidarität in den Augen vieler Gewerkschafter arg strapaziert. Auf bis zu 30 Prozent ihrer Einkünfte sollen die Mitarbeiter nach Informationen aus dem Unternehmensumfeld verzichten. Auch die Altersversorgung steht auf der Agenda.

„Die Verhandlungen sind schwierig. Uns ist die Situation des Unternehmens absolut bewusst“, sagt Nicoley Baublies, Geschäftsführer der Kabinengewerkschaft UFO: „Aber für die geforderten hohen Einsparungen beim Personal brauchen wir im Gegenzug nicht nur die Sicherheit, dass die Maßnahmen nur für die Dauer der Krise gelten, sondern natürlich auch eine Arbeitsplatzgarantie, und zwar eine harte. Das verweigerte Lufthansa bisher.“

Der Spielraum sei auf beiden Seiten klein, auch aufseiten der Gewerkschaft, so Baublies. „Wir müssen die Maßnahmen gegenüber den Mitarbeitern rechtfertigen. Und die schauen im Moment auch auf die noch ein Jahr laufende Jobgarantie aus dem bestehenden Tarifvertrag und ihre Erfahrungen aus den letzten Jahren.“

Die Vereinigung Cockpit (VC), die Interessenvertretung der Piloten, hat sich angesichts der prekären Situation und des enormen Zeitdrucks am Dienstagabend dazu bereiterklärt, zunächst befristet bis Ende des Jahres 2020 bedingungslos auf einen Teil der Gehälter zu verzichten. Doch das allein dürfte kaum reichen. Keiner weiß, wie schnell sich der Luftverkehr erholen wird, wie schnell die Flugzeuge wieder gut gefüllt sein werden. Lufthansa-Chef Spohr rechnet mit einer weitgehenden Normalisierung der Nachfrage nicht vor 2023.

Jobgarantie im Gegenzug für Gehaltsverzicht

Für einen längerfristigen Verzicht verlangt aber auch die VC Gegenleistungen. „Unser Angebot an den Konzernvorstand der Lufthansa von etwa 350 Millionen Euro pro Jahr liegt nun seit einigen Wochen auf dem Tisch“, sagt VC-Sprecher Janis Schmitt: „Natürlich erwarten wir verbindliche Zusagen des Konzernvorstandes, dass mit dieser Investition in das Unternehmen ein Bekenntnis zum Cockpitpersonal, welches die Zugeständnisse erbringt, verbunden ist.“

Bisher habe sich der Lufthansa-Vorstand aber nicht dazu durchringen können, die angedachten Projekte gemeinsam mit den Betroffenen zu gestalten. Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat den Joberhalt ganz oben auf die Agenda gesetzt. „Arbeitsplätze und Einkommen, nicht nur bei der Lufthansa, sondern in der ganzen Branche, müssen nachhaltig gesichert werden“, schrieb Mira Neumaier, Bundesfachgruppenleiterin Luftverkehr, kürzlich in einem Statement anlässlich der Einigung über das Rettungspaket für Lufthansa.

Der massive Einsatz von Steuergeldern müsse auch zu mehr gesellschaftlichem Einfluss in den Unternehmen führen. „Es ist wichtig, dass für die Beschäftigten ein tatsächlicher Schutz garantiert wird und reine Lippenbekenntnisse verworfen werden“, so Neumaier. Doch eine verbindliche Arbeitsplatzgarantie ist für das Unternehmen ein heikles Versprechen.

Die Corona-Pandemie sorgt dafür, dass sich der weltweite Luftverkehrsmarkt neu sortiert. Viele Fluggesellschaften wollen oder müssen schrumpfen, andere werden komplett verschwinden. In Deutschland etwa will die Ferienfluggesellschaft Tuifly die Flotte halbieren. Der Rivale Condor muss nach der wegen Corona gescheiterten Übernahme durch die polnische PGL einen neuen Investor finden. Keiner weiß heute, wie der Markt in drei oder fünf Jahren aussehen wird und wie viel Personal dann gebraucht wird.

Andererseits wollen die Airlines ihr Streckennetz möglichst schnell wieder vollständig anbieten, wenn auch mit einer reduzierten Kapazität. Es ist also gut möglich, dass die Unternehmen schon bald wieder den größten Teil ihrer Belegschaft für den Betrieb brauchen. Eine vertrackte Gemengelage, die die Verhandlungen zwischen den Tarifparteien bei Lufthansa nicht einfacher macht.

Trotz aller Schwierigkeiten sagen hinter vorgehaltener Hand alle, dass es am Ende – vielleicht erst in letzter Minute vor der Hauptversammlung – eine Lösung geben wird. Es muss nämlich eine geben. Denn die Alternative – das Scheitern des Rettungspakets – wäre die denkbar schlechteste Variante für alle Beteiligten: die Insolvenz. Das wird man sich sicherlich auch bei AUA in Österreich gesagt haben.