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„Der letzte Sargnagel“ – Mallorcas Tourismusbranche steht nach Reisewarnung unter Schock

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Die mallorquinische Reisebranche trifft die Entscheidung der Bundesregierung hart. Hoteliers und Gastronomen vor Ort fürchten um ihre Existenz.

In der die Insel Mallorca wirtschaftlich prägenden Tourismusbranche sitzt der Schock tief. Nachdem das Robert Koch-Institut am Freitag fast ganz Spanien als Risikogebiet eingestuft und die Bundesregierung kurz darauf eine Reisewarnung für das Land ausgesprochen hat, fürchten viele Hoteliers um ihre Existenz.

„Das war’s jetzt für diese Saison“, resümiert ein Hotelier an der Playa de Palma. Ohne die deutschen Touristen könne er sein Hotel eigentlich wieder schließen. „Ich schätze, dass hier in spätestens zehn Tagen alles leer ist.“ Der Wirt einer Bar direkt an der Strandpromenade drückt es krasser aus: „Diese Reisewarnung war der letzte Sargnagel für uns.“

Nachdem Mallorca einen siebenwöchigen Lockdown mit strikter Ausgangssperre erlebt hat und der Tourismus erst ab Juli langsam wieder hochgefahren werden konnte, trifft die Branche die deutsche Reisewarnung besonders hart. So abhängig vom Tourismus wie die Balearen sind in Spanien sonst nur die Kanaren, die jedoch aufgrund niedriger Fallzahlen von der Reisewarnung ausgenommen sind. In beiden Regionen trägt die Branche rund 35 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei.

Die Auslastung der Hotels liegt auf Mallorca wegen der Coronakrise aktuell bei rund 50 Prozent. Viele Hoteliers hatten zunächst abgewartet, wie sich die Buchungslage entwickelt, und ihre Häuser erst kürzlich wiedereröffnet. Weitere wollten dieser Tage folgen. Zimmermädchen, Kellner, Mitarbeiter bei Mietwagenfirmen oder Souvenirverkäufer bangen nun um ihre Jobs. Viele befürchten nach Ende der desaströsen Saison im Winter den finanziellen Ruin.

Wegen ihrer Abhängigkeit vom Tourismus sind die Balearen stark von Kurzarbeit und Freistellungen betroffen. Gerade einmal 40 Prozent der Arbeitstätigen sind dort in ihr angestammtes Beschäftigungsverhältnis zurückgekehrt. Knapp 87.000 Angestellte befanden sich auf den Balearen bis Ende Juli noch in Kurzarbeit. So sind beispielsweise am Flughafen Palma knapp drei Viertel der für die Gepäckwagen zuständigen Mitarbeiter noch freigestellt. Diejenigen, die arbeiten, klagen über das hohe Arbeitspensum und streiken an den Wochenenden.

Umbuchungen angeboten

„Nach all den Anstrengungen, die wir Hoteliers und Reiseveranstalter unternommen haben, um ein Minimum an touristischer Aktivität in dieser Saison aufrechterhalten zu können, ist es eine sehr schlechte Nachricht für uns“, kritisierte María Frontera von Mallorcas Hoteliervereinigung FEHM die Entscheidung aus Berlin. Dies würde „sofortige Auswirkungen“ haben.

So hat Tui bereits alle Pauschalreisen nach Spanien abgesagt und bietet gemäß Rechtslage Umbuchungen an. Mallorca-Reisende können auf Wunsch früher als geplant nach Hause fliegen. Auch Alltours will es Kunden selbst überlassen, ob sie ihren Urlaub auf der Insel verbringen möchten. Bis zum 15. September können Urlauber bei vielen Anbietern kostenlos stornieren.

Neubuchungen sind aber bei vielen weiterhin möglich. Derzeit weilen nach Angaben des Deutschen Reiseverbandes (DRV) rund 30.000 deutsche Pauschaltouristen auf den Balearen – geschätzt 90 Prozent auf Mallorca.

Die Landesregierung der Balearen reagiert gemäßigt auf die Entscheidung der deutschen Bundesregierung. Man wolle versuchen, so schnell wie möglich einen „sicheren Korridor“ zwischen Mallorca und den wichtigsten touristischen Märkten wie Deutschland zu schaffen. Trotz der steigenden Fallzahlen auf den Inseln sei die Situation unter Kontrolle. Sowohl die Nachverfolgung von Infektionsketten als auch die medizinische Versorgung funktionierten derzeit gut.

Die Regierung in Palma betonte, dass die Einreise internationaler Touristen auf die Balearen weiterhin erlaubt sei. Die Opposition im Balearen-Parlament machte indes Ministerpräsidentin Francina Armengol mitverantwortlich für die Lage, bezeichnete die Linksregierung als „unfähig“ und warf ihr ein „desaströses touristisches Management“ vor.

„Fühlen uns sicher“

Bei einigen Urlaubern vor Ort stößt die Entscheidung der Bundesregierung auf wenig Verständnis. „Wir sind sehr überrascht, wie diszipliniert und auf Abstand bedacht sich hier alle verhalten“, sagte etwa Jürgen Hakenjos aus Lörrach, der derzeit auf Mallorca Urlaub macht. „Wir fühlen uns hier wirklich sicher.“ Viele Hotels, Bars und Restaurants seien noch immer geschlossen, die Strände sind weitestgehend nur wenig belegt. „Hier ist ja nichts los – entsprechend kann man gut Abstand einhalten.“

Zentrales Kriterium für die Einstufung als Risikogebiet war jedoch nicht, wie voll Strände oder Innenstädte sind, sondern ob es in den jeweiligen Staaten oder Regionen in den vergangenen sieben Tagen mehr als 50 Neuinfizierte pro 100.000 Einwohner gegeben hat. Für das ganze Land gab das Gesundheitsministerium in Madrid diesen Wert zuletzt mit mehr als 58 für die vergangenen sieben Tage an. Auf den Balearen liege er sogar bei über 77.

Zuletzt hatte die Balearen-Regierung zahlreiche neue Regelungen auf den Weg gebracht, die die Corona-Ansteckungsgefahr auf den Inseln verringern sollen. Dazu zählt neben der allgemeinen Maskenpflicht ein Verbot von Trinkgelagen, Personenzahlbeschränkungen bei privaten Treffen, die Schließung aller Discos und Tanzlokale sowie zahlreiche Hygieneauflagen für Restaurants und Hotels. Mallorcas Hoteliers setzen darauf, dass die Maßnahmen schnell wirken: „Vielleicht besteht ja doch noch ein kleiner Funken Hoffnung für uns.“