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Warum die Latinos über Trumps Schicksal entscheiden könnten

·Lesedauer: 8 Min.

Erstmals sind die lateinamerikanischen Bürger bei den Wahlen die größte Minderheit. Vor allem in Swing States wie Arizona könnten die Hispanics den Ausschlag geben.

Eigentlich ist es viel zu heiß für Mitte Oktober, selbst in einem Wüstenstaat wie Arizona. 37 Grad zeigt das Thermometer am frühen Abend an, als Selia Sanchez durch einen Vorort westlich von Phoenix stapft. In Birkenstock-Sandalen und mit iPad in der Hand zieht sie von Tür zu Tür, vorbei an Einfamilienhäusern, die mit Plastik-Kürbissen und -Spinnennetzen für Halloween dekoriert sind.

Sanchez wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Oberlippe und rückt ihre Maske zurecht, bevor sie an der nächsten Türe klopft, sechsmal kurz. José Alvarez wohnt hier, 43 Jahre, als Demokrat registriert – so steht es in der Wählerdatenbank auf Sanchez‘ iPad. Ein Mann mit Kugelbauch öffnet die Tür. Was ihn derzeit am meisten sorge, fragt Sanchez. „Covid“, sagt er und fügt hinzu, dass er plane, für Biden zu stimmen.

Es sind zwei Antworten, die Sanchez an diesem Abend oft hören wird. Sie selbst ist 16 Jahre alt und darf nicht wählen, trotzdem macht sie jeden Tag Wahlkampf: fünf Stunden nach der Schule, am Wochenende doppelte Schichten. „Jede Stimme zählt“, sagt sie, während sie zum nächsten Haus läuft. Die Coronakrise habe ihre Familie doppelt gebeutelt: Neun ihrer Verwandten seien am Coronavirus erkrankt, zwei daran gestorben.

Ihr Vater habe zudem seinen Job verloren. Mit ihrem Lohn als Wahlkämpferin einer Nichtregierungsorganisation hilft die 16-Jährige nun bei der Zahlung der Miete – und dabei, Arizonas Latinos an die Urne zu bringen.

Die Stimmen der Hispanoamerikaner sind der große Preis bei der Präsidentenwahl am 3. November. In wichtigen „Swing States“ wie Arizona, Florida und Texas machen sie bis zu 30 Prozent der Wahlberechtigten aus – und könnten dort für die Entscheidung sorgen.

Der Kampf um ihre Stimmen zeigt sich besonders im Grenzstaat Arizona, einem der wichtigsten Schlachtfelder bei der diesjährigen Präsidentenwahl. Hispanoamerikaner machen hier inzwischen ein Drittel der Bevölkerung und ein Viertel der Wahlberechtigten aus.

Sie spielen eine Schlüsselrolle im Plan der Demokraten, den „Swing State“ im November zu erobern. Wie bei einem Blick in die Glaskugel zeigt sich in Arizona schon heute, wie die Latinos langfristig die politische Landschaft in weiten Teilen der USA verändern dürften.

Latinos von der Krise am stärksten betroffen

Eigentlich ist Arizona eine konservative Hochburg. „Rednecks“ nennen die Küstenamerikaner die weiße Arbeiterschicht, die treu republikanisch wählt. Der Gliedstaat brachte konservative Fahnenträger wie Barry Goldwater und John McCain hervor. In den vergangenen sieben Jahrzehnten hat der „Grand Canyon State“ nur ein einziges Mal für einen demokratischen Präsidentschaftskandidaten gestimmt, nämlich 1996 für Bill Clinton.

Doch seit einigen Jahren wackelt die rote Bastion: zum einen, weil immer mehr Bürger aus teuren linksliberalen Gliedstaaten wie Kalifornien nach Arizona umsiedeln; zum anderen, weil mehr und mehr der Hispanics nach Jahrzehnten politischer Apathie wählen gehen.

Das wiederum erklärt sich mit einem radikalen Migrationsgesetz, das Arizona 2010 erließ: So mussten Polizisten jeden, der ausländisch aussah, nach seinem Aufenthaltsstatus fragen, selbst Opfer von Gewalttaten. Das Gesetz versetzte viele Hispanics in Angst und Schrecken, Kinder blieben der Schule fern, Tausende zogen zurück nach Mexiko. Die, die blieben und wählen durften, begannen, sich politisch zu organisieren – der schlafende Riese war erwacht.

Im Jahr 2016 erhielten die Demokraten einen Vorgeschmack darauf, was dank der Stimmen der Latinos möglich ist: Im Verhältnis zwei zu eins stimmten sie für Hillary Clinton, Donald Trump siegte in Arizona nur knapp mit einem Vorsprung von 3,5 Prozentpunkten. 2018 wählte Arizona dann mit Kyrsten Sinema zum ersten Mal seit 30 Jahren eine Demokratin in den Senat – auch sie wurde von den Latinos getragen, 70 Prozent stimmten für sie.

Dieses Jahr sieht es so aus, als könnten die Demokraten in Arizona groß abräumen. Joe Biden führt im Durchschnitt der Umfragen mit 3,2 Prozentpunkten vor Donald Trump, auch der Senatssitz der republikanischen Amtsinhaberin und Trump-Anhängerin Martha McSally wackelt gehörig.

Dass es für die Demokraten in Arizona ausgerechnet jetzt so gut läuft, erklärt sich auch mit der Corona-Pandemie. Diese habe Migration als wichtigstes Thema für hispanische Wähler abgelöst, sagt Lisa Magaña, Professorin an der Arizona State University. Landesweit gab es fast dreimal so viele Erkrankungsfälle unter Hispanics wie unter Weißen, auch in Arizona sind die Latinos die am stärksten gebeutelte Bevölkerungsgruppe.

Viele Latinos sind Frontline-Workers, das heißt, sie arbeiten im Dienstleistungssektor, etwa als Reinigungskräfte, und sind damit stärker exponiert. Zudem wohnen hispanoamerikanische Familien häufig auf engem Raum zusammen, das Ansteckungsrisiko ist also höher.

Viele geben Donald Trumps Krisenmanagement die Schuld daran, dass das Virus in ihren Gemeinden wütete. „Ich erwarte eine rekordhohe Wahlbeteiligung der Latinos“, sagt Magaña. Wenn Biden in Arizona gewinne, dann dank der Latinos, darin sind sich Experten einig.

Die Pandemie trifft die Latinos nicht nur gesundheitlich. Das sieht man in Westphoenix, einem typisch hispanischen Arbeiterviertel: Statt Starbucks und McDonald’s reihen sich hier Taquerias aneinander, Anwälte werben auf Spanisch mit Zuwanderungshilfe. Maschendraht umzäunt kleine Bungalows, in den Einfahrten parken verrostete Toyotas.

Über Stunden zieht sich eine Autoschlange um einen Straßenblock an der 31. Straße. Stoßstange an Stoßstange warten Familien an diesem Oktobervormittag auf die kostenlose Lebensmittelhilfe der Kirche. In den Autos sitzen auch Afroamerikaner und Native Americans, aber vor allem Latinos.

An einer Straßenecke steht eine Frau mit einem Klemmbrett unter dem Arm, „Mi Familia Vota“ steht auf ihrem blauen Poloshirt, sie klopft an die Fensterscheiben der vorbeituckernden Autos. „Sind Sie schon zum Wählen registriert?“, fragt sie auf Spanisch. Viele winken ab und sagen, sie dürften nicht wählen oder sie seien schon registriert. Manche entgegnen, sie hätten weiß Gott andere Sorgen, weil sie durch die Pandemie ihren Job verloren hätten.

Auf diese Antworten ist die Frau vorbereitet: „Mi Familia Vota“ suche Dutzende Mitarbeiter, die bis zum Wahltag helfen sollen, die Latinos an die Urne zu bringen – und zahle dafür 17 Dollar die Stunde, erklärt sie. Die Leute reißen ihr die Bewerbungsformulare buchstäblich aus der Hand.

Die überparteiliche Organisation hat es sich zum Ziel gesetzt, den Latinos in den USA eine Stimme zu geben. In Gliedstaaten mit hohem hispanoamerikanischem Bevölkerungsanteil hilft „Mi Familia Vota“ bei der Zuwanderung, der Einbürgerung – und dieser Tage vor allem bei der Wählerregistrierung. Denn diese Hürde halte viele theoretisch wahlberechtigte Latinos vom Wählen ab, erzählt Yara Marin, die die Politik der Organisation vom Hauptsitz in Phoenix aus organisiert.

Außerdem, gibt sie lachend zu, seien Latinos nicht gerade die zuverlässigsten Wähler. Das sei auch ein Grund dafür, dass der Anteil der tatsächlich wählenden Latinos oft geringer sei als der der registrierten. „Mi Familia Vota“ beschäftigt landesweit Hunderte von Angestellten, die Bürger vor Supermärkten, Kirchen und auch Lebensmitteltafeln abfangen und sie als Wähler registrieren.

Gerade hat die Organisation auch einen Rechtsstreit gegen die Regierung in Arizona gewonnen, nun dürfen sich Wähler aufgrund der Corona-Pandemie zwei Wochen länger registrieren lassen als ursprünglich vorgesehen. Bei der Registrierung ist die Organisation unparteiisch – aber die gewonnenen Daten nutzt sie, um Wahlkampf für die Kandidaten der Demokraten zu machen.

Doch Latinos sind keineswegs ein homogener Wählerblock und eine so verlässliche Stütze für die Demokraten, wie es beispielsweise Afroamerikaner sind. Knapp zwei Drittel der wahlberechtigten Latinos bezeichnen sich als Demokraten, aber eben auch ein Drittel als Republikaner.

Die politische Einstellung schwankt meist mit dem Herkunftsland: Venezolaner und Kubaner schätzen den harten Kurs der Republikaner gegen die Diktatoren in ihrer Heimat; in Florida zählen sie zu Trumps Stammwählern. Puerto-Ricaner hingegen tragen es dem Präsidenten nach, dass er ihnen nach dem zerstörerischen Hurrikan „Maria“ 2017 kaum zu Hilfe kam.

Auch wenn es die Demokraten nicht wahrhaben wollen, hat sich Trumps Ansehen unter den Latinos jüngst durchaus verbessert: In Umfragen haben heute 56 Prozent eine schlechte Meinung von ihm, vor vier Jahren – als er Mexikaner im Wahlkampf als „Vergewaltiger“ und „Kriminelle“ beschimpfte – waren es noch 78 Prozent.

Studien zeigen zudem: Je länger Hispanics in den USA leben, desto eher identifizieren sie sich mit der Grand Old Party. Wie euphorisch manche Latinos für die Republikaner und für Trump sind, sieht man in der Stadt Tucson, zwei Autostunden südlich von Phoenix gelegen. An einer Schnellstraße ist ein Bürogebäude mit Schildern mit der Aufschrift „Latinos for Trump“ tapeziert. Drinnen wuseln mehrere Latinas mittleren Alters umher.

„Mich ärgert es, wenn die Leute sagen, als Latina müsse ich gegen Trump sein“, sagt Jay Wickey, während sie T-Shirts mit dem Aufdruck „Latinos for Trump“ faltet; diese hat der Wahlkampfstab des Präsidenten gerade kistenweise vorbeigebracht. Bei einer Party, die Wickeys Mann in wenigen Tagen mit Gratispizza unterstützt, wollen sie diese verteilen. Auf Wickeys Bluse und ihren Schal sind USA-Flaggen gedruckt, als Ohrringe trägt sie rot-weiß-blaue Sterne.

Die anderen pflichten ihr bei. „Ich fühle nichts für Mexiko“, sagt Dolores Aguirre-Johnston, eine ältere Dame mit blond gefärbten Haaren. „Ich habe Familie dort, ich liebe das Essen und kenne mexikanische Lieder. Aber es ist nicht mein Land.“ Ihre Eltern seien aus Mexiko nach Arizona gekommen, wo sie geboren sei. Auch wenn sie beide Staatsbürgerschaften habe, sehe sie sich als Amerikanerin.

Die Frauen erzählen, sie schätzten an den USA das, wofür ihre Eltern einst Lateinamerika verlassen hätten: Kapitalismus statt Sozialismus, Recht und Ordnung statt Korruption. Dazu gehören für sie auch geschlossene Grenzen und eine harte Hand gegenüber illegal Zugewanderten. Die Demokraten sind für sie bei diesen Themen viel zu weich.