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Laptops für Schulen, Munition für die Bundeswehr: Soldat baut ein Check24 für den Staat

Sascha Soyk bietet Behörden eine Plattform für komplizierte Beschaffungsverfahren an, die sich so leicht wie Check24 oder Amazon bedienen lassen soll.  - Copyright: GovRadar GmbH
Sascha Soyk bietet Behörden eine Plattform für komplizierte Beschaffungsverfahren an, die sich so leicht wie Check24 oder Amazon bedienen lassen soll. - Copyright: GovRadar GmbH

Spätestens nach der Zeitenwende-Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz ist es kein Geheimnis mehr, dass der öffentliche Sektor ein Problem hat. Verfahren in der öffentlichen Beschaffung weisen eklatante Mängel auf, heißt es immer wieder. Ein prominentes Beispiel ist der Digitalpakt Schule, im Rahmen dessen 6,5 Milliarden Euro für die Digitalisierung von Bildungseinrichtungen bereitgestellt wurden. Drei Jahre nach dem Start wurde laut eines Berichts des deutschen Schulportals, einer Onlineplattform für Lehrkräfte und Schulleitungen, nur ein kleiner Teil abgerufen.

Milliarden an Steuergeldern werden freigegeben, dann aber nicht genutzt – davor fürchtet sich Finanzminister Christian Lindner, der Mitte Juni dieses Jahres einen Brandbrief an Verteidigungsministerin Christine Lambrecht und Bundeskanzler Olaf Scholz schrieb, wie der Spiegel zuerst berichtete. Darin kritisiert er Beschaffungsverfahren in der Bundeswehr und macht deutlich, dass es keine Verschleppung und Verzögerung von Projekten mehr geben sollte.

„Wir müssen das Vergaberecht einfacher anwendbar machen“

Sascha Soyk, gebürtiger Hesse, Soldat, Strategieberater und Gründer, setzt da noch einen drauf: „Es gibt keine europäische Rüstungsbehörde, die so ineffizient arbeitet.“ Damit bezieht er sich auf das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw). Dessen desolate Strukturen und erschütternde Rückständigkeit werden auch in einem Artikel der Tagesschau thematisiert. Darin erfährt man unter anderem, dass offenbar auch noch im Jahr 2022 „tonnenweise Papier zur Prüfung“ in das Hauptquartier des BAAINBw gekarrt werden.

Generell würden Investitionen zu häufig im Verwaltungssumpf der Behörden versickern – weil sie zu ineffizient arbeiten, findet Soyk. Weil Verfahren zu langwierig und bürokratisch seien. Soyk zufolge spielen Behörden zu viel E-Mail-Pingpong, kaum etwas sei digitalisiert. „Wir müssen das Vergaberecht einfacher anwendbar machen“, schlussfolgert der 37-Jährige aus den Versäumnissen der vergangenen Jahre. Dem Gründer zufolge brauchen Behörden daher eine Plattform, mit der sich Besorgungen von Rucksäcken, Monitoren und anderem Material für die Bundeswehr einfacher und schneller abwickeln ließe – quasi ein Check24 oder ein Amazon für Behörden.

Einzelne Kommunen und Landkreise nutzen Govradar bereits

Statt auf Reformen von oben zu warten, entschloss sich Soyk bereits 2020, das in München ansässige Startup Govradar zu gründen. Im Oktober 2021 ging die Plattform des Govtechs live. Erste Kunden nutzen das Tool bereits, darunter beispielsweise die Stadt Kaiserslautern, Hessens Mobilitätsdienstleister Hessen Mobil und andere Landkreisverwaltungen.

Die Plattform des Govtech-Startups soll Ausschreibungsunterlagen wie beispielsweise produkt- und anbieterneutrale Leistungsbeschreibungen für öffentliche Auftraggeber automatisiert und somit quasi per Knopfdruck erstellen können.

Was nach Fachchinesisch klingt, ist eigentlich ganz einfach. Behördenmitarbeiter geben auf der Plattform des Startups ähnlich wie auf Amazon ein, was sie benötigen. Das können beispielsweise Kameras, Laptops, Stühle oder Drucker sein. Mittels Checkboxen sollen sie eigene Präferenzen angeben können. Benötigt eine Schule etwa neue Rechner, können sie über die Plattform angeben, über welche Rechenleistung oder Anschlüsse die Geräte verfügen sollen. Im Anschluss sucht das Programm von Govradar Angebote heraus, die im nächsten Schritt von den zuständigen Behörden zur Ausschreibung weitergereicht werden können.

Das alles läuft in der Regel schnell, übersichtlich und unkompliziert. Anders sehe das bis dato in Behörden aus: Dort würde man häufig in einem Abstimmungschaos versinken, erklärt Soyk. So werden Massen an E-Mails hin- und hergeschickt, um sich untereinander, also zwischen Ländern, Kommunen und der Industrie, zu verständigen. Da gebe es wenig Digitalisierung und auch keine Plattform, auf der sich schnell und unkompliziert beschreiben ließe, was eigentlich benötigt wird und welche Anbieter dafür in Frage kämen. Die Konsequenz: Vergabeverfahren ziehen sich in die Länge, Gelder stecken in den Behörden fest, Schulen bleiben ohne Laptops und die Bundeswehr ohne Munition.

Soyk will in die Beschaffung militärischer Güter einsteigen

Die erste Finanzierungsrunde fand diesen Mai statt. So hat das Govtech-Startup aus München im Rahmen einer Pre-Seed-Finanzierungsrunde eine sechsstellige Summe eingeworben. Lead-Investoren sind Wirtschaftsmanager und Aufsichtsratsvorsitzender der Continental AG Wolfgang Reitzle sowie Andreas Kupke, Gründer des Portals Finanzcheck.

Mit dem im Mai eingesammelten Geld will Soyk die Plattform weiterentwickeln – und in die Verteidigungsbeschaffung einsteigen. Das heißt, dass dann auch Bundeswehrmaterialien hierüber besorgt werden können. Angebote für Panzer, Jets oder Fregatten sollen außen vor gelassen werden, so Soyk. Solche Anschaffungen benötigen mehr Planung als ein paar Checkboxen. Aber Munition, Ausrüstung wie Helme oder Brillen sollen Behörden künftig auch über die Plattform bestellen können, wenn es nach Soyk geht.

Der Gründer pflegt als Soldat in der Reserve der Bundeswehr eine besondere Nähe zur Truppe. Das Thema Sicherheit beschäftigt ihn sehr. „Angesichts der jüngsten geopolitischen Entwicklungen und des furchtbaren Krieges in der Ukraine wollen wir zur Stärkung westlicher Nationen und ihrer Verbündeten beitragen“, so der Gründer, der selbst alle paar Wochen sein Hemd und Jackett gegen eine Flecktarnuniform tauscht. Der 37-Jährige führt nämlich eine Reservekompanie der Gebirgsjäger. Dort übt der Gründer den Überlebenskampf, biwakiert in der Wildnis und überwindet Berggipfel.

Für den Reservedienst bei der Bundeswehr tauscht Gründer Sascha Soyk sein weißes Hemd gegen eine Flecktarnuniform und übt für den Krisenfall.  - Copyright: Sascha Soyk
Für den Reservedienst bei der Bundeswehr tauscht Gründer Sascha Soyk sein weißes Hemd gegen eine Flecktarnuniform und übt für den Krisenfall. - Copyright: Sascha Soyk

Von der Strategieberatung über Palantir zum eigenen Business

Seit 2005 ist Soyk Reserveoffizier bei der Bundeswehr. Nebenher absolvierte er ein BWL-Studium in Frankfurt am Main und in Mannheim. Nach seinem Master fing er als Strategieberater bei Roland Berger an, wechselte dann als Director of Finance and Operations ins Cyber Innovation Hub der Bundeswehr. Anschließend ging er zur umstrittenen US-Datenfirma Palantir. Es soll seine Aufgabe gewesen sein, Lösungen zu erarbeiten, wie man das Datenanalysetool der Firma an die Polizei und Nachrichtendienste in Deutschland bringen kann. Doch weil Palantir so sehr in der Kritik stand, entschloss sich Soyk dazu, das Unternehmen wieder zu verlassen – und mit Govradar ein eigenes Business zu starten.

Für die Gründung holte sich Soyk den TU-München-Absolventen Daniel Faber als CTO an Bord. Die beiden lernten sich über eine Ausschreibung kennen, die Soyk 2020 startete und über einen Verteiler des Center for Digital Technology and Management (CTDM) verschickte. Faber leitete vorher acht Jahre lang die Softwareabteilung bei Attocube, einem bayerischen Nanotechnologieunternehmen.

Mit dem Programm sollen auch Startups eine Chance haben, mit dem öffentlichen Sektor zu arbeiten

Ziel der Plattform des Münchener Govtechs sei es auch, Startups eine Chance zu geben, an Ausschreibungsverfahren im öffentlichen Sektor zu partizipieren. So sollen Produkte und Angebote von jungen Firmen auch in der Datenbank von Govradar berücksichtigt werden - wenn die Anforderungen öffentlicher Auftraggeber mit den Angeboten eines Startups übereinstimmen. Häufig sei es nämlich so, erklärt Soyk, dass große, etablierte Konzerne bessere Chancen in Ausschreibungs- und Vergabeverfahren haben, weil zuständige Behördenmitarbeiter lieber auf Nummer Sicher gehen und keine Experimente oder Risiken mit jungen Firmen eingehen wollen. Mit der Plattform ließen sich also der Bias, die vorgefassten Meinungen, die Mitarbeiter in der manuellen Selektion in Ausschreibungs- und Vergabeverfahren mitbringen, leichter überwinden.

Bis heute ist es für Startups unattraktiv, mit dem öffentlichen Sektor zusammenzuarbeiten – eben aufgrund der Bürokratie, langwieriger Prozesse und der fehlenden Bereitschaft von Behörden, auch mal Risiken einzugehen. In Bezug auf die Bundeswehr äußerte das Verteidigungsministerium in der Vergangenheit immer wieder den Wunsch, im Bereich der Beschaffung enger mit Startups, kleinen und mittleren Unternehmen zusammenzuarbeiten, um moderner, innovativer und digitaler zu werden. Die Krux dabei: Der Bund dokumentiert nicht, wie viele Aufträge die Bundeswehr an Startups vergibt, wie im letzten Jahr aus einer Anfrage der FDP hervorging. Die liberale Partei reagierte empört: „So wird eine Förderung innovativer Startups im Keim erstickt“, kommentierte der verteidigungspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Alexander Müller.

Die Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen Sektor und Startups ist vor allen Dingen auch deshalb so unattraktiv, weil es teuer ist. Der Aufwand, an den ganzen Ausschreibungen teilzunehmen, kostet aufgrund langer Überbrückungsphasen Geld, was sich in vielen Fällen nur große Unternehmen leisten können. Das sollte jedoch kein Ausschlusskriterium sein, so Soyk. „Denn die echten Innovationen kommen aus dem Startup-Bereich.“