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Lanxess, Evonik, Covestro: So stabil kommt die Chemieindustrie durch die Krise

·Lesedauer: 4 Min.

Viele Chemiekonzerne gehen schon wieder Wachstumsprojekte an und halten nach Zukäufen Ausschau. Nicht nur China stützt aktuell das Geschäft.

Beim Spezialchemiehersteller Lanxess sind die Schichtarbeiter in den Produktionsanlagen im Augenblick die Helden: „Die Kolleginnen und Kollegen in den Werken haben ganz entscheidend dazu beigetragen, dass wir während der Krisenzeit unser Geschäft am Laufen halten konnten“, lobt der Vorstandsvorsitzende Matthias Zachert seine Belegschaft. Nun gibt es für alle Mitarbeiter eine Sonderprämie in bis zu vierstelliger Höhe.

Leisten kann sich der Kölner Konzern dies allemal: Lanxess hat am Donnerstag seine Gewinnprognose für 2020 bestätigt und ist bisher stabil durch die Krise gekommen. Das gilt aktuell für die deutsche Chemieindustrie insgesamt: Die Erholung war in den vergangenen Wochen teils deutlich. Viele Konzerne gehen schon wieder Wachstumsprojekte an und halten nach Zukäufen Ausschau.

Bei der Wortwahl sind die CEOs der großen Chemieunternehmen noch vorsichtig. Lanxess-Chef Zachert spricht von „echten Lichtblicken“, der BASF-Vorstandsvorsitzende Martin Brudermüller sieht eine „sich abzeichnende Widerstandsfähigkeit der Nachfrage in wichtigen Abnehmerbranchen“. Die Analysten der Baader Bank beobachten, dass das Wachstum aus konjunkturgetriebener Nachfrage kommt und nicht, weil die verarbeitende Industrie nur ihre Läger auffüllt.

Die Erholung steht aber auf keiner sicheren Basis: „Die Coronakrise ist noch lange nicht vorbei, die Visibilität bleibt sehr gering“, sagt Ute Wolf, Finanzchefin des Essener Spezialchemiekonzerns Evonik. Tatsächlich fahren die Chemiefirmen auf kurze Sicht: Einen, maximal zwei Monate im Voraus sei das Geschäft aktuell überhaupt planbar, heißt es in der Branche mit Blick auf die vielen Unsicherheiten.

Aktueller Lockdown trifft die Industrie kaum

Dazu zählt auch die unklare Lage bei der US-Präsidentenwahl, die noch Wochen andauern könnte. Vor allem aber geht es um den Umgang mit der Corona-Pandemie und den wirtschaftlichen Folgen. „Unsere Geschäftsentwicklung in den nächsten Monaten wird wesentlich davon abhängen, ob es mit Blick auf die weltweit steigenden Infektionszahlen erneut zu scharfen Restriktionen kommt“, sagt Rudolf Staudigl, Vorstandschef der Münchener Wacker Chemie.

Den aktuellen „Lockdown light“ in Deutschland sehen die Chemiemanager nicht als direkte Bremse, weil vor allem Servicebetriebe betroffen sind und nicht die Industrie. Die Werke laufen weiter. Lanxess-CEO Zachert warnt aber vor einer möglicherweise sinkenden Kauflaune der Konsumenten in den kommenden Monaten.

In China ist ein solcher Effekt nicht zu sehen – im Gegenteil: Der Fokus der Regierung auf die Stärkung des Konsums im Land und die V-förmig verlaufende Konjunktur waren der entscheidende Treiber für die Chemie in den vergangenen Wochen und Monaten. „China präsentiert sich quer durch alle Branchen bärenstark und wird von der Pandemie profitieren“, sagt Markus Steilemann, CEO des Kunststoffherstellers Covestro.

Europa habe sich im dritten Quartal aufgerappelt, die US-Wirtschaft sei aus dem Krisenmodus gekommen und zeige sich stabil, berichtete Zachert bei der Vorlage der Quartalszahlen am Donnerstag. Dazu kommt, dass die für die Chemie wichtige Autoindustrie wieder Boden gutgemacht hat.

Diese Signale aus der Chemie sind auch für die Gesamtwirtschaft wichtig, denn die Branche belieferte nahezu alle Industriezweige mit Chemikalien und Kunststoffen und registriert konjunkturelle Veränderungen recht früh.

Konsumnahe Geschäfte stützen

All das bringt der Chemie allerdings keine blendenden Ergebnisse: Die Umsätze und operativen Gewinne liegen bei allen Herstellern – bis auf Covestro – im dritten Quartal deutlich unter denen des Vorjahres. Bei BASF brach der Gewinn um 55 Prozent ein, bei Lanxess sind es 28 Prozent. Zachert begründete dies auch mit dem starken Ebitda-Vergleichswert aus dem Jahr 2019, als das Geschäft noch gut lief.

Bei den Kölnern zeigten sich wie schon im zweiten Quartal die konsumnahen Spezialchemiegeschäfte robust. Lanxess hat eine neue Sparte namens Consumer Protection geschaffen, in der Desinfektionsmittel, Wasseraufbereitung und Pharma-Inhaltsstoffe gebündelt sind. Bei Evonik stabilisierten Zusatzstoffe für Nahrungsmittel und Kosmetik sowie Produkte für Bauwirtschaft und erneuerbare Energien das Geschäft.

Jetzt, wo die Chemieindustrie wieder Boden unter den Füßen spürt, öffne sich auch wieder das Fenster für Fusionen und Übernahmen, beobachtet Markus Mayer von der Baader Bank. Lanxess-Chef Zachert bestätigte, dass man sich bereits wieder zahlreiche interessante Unternehmen auf dem Markt anschaue, woraus sich kommendes Jahr Möglichkeiten ergeben würden.

Covestro hat im Oktober bereists zugegriffen und für 1,5 Milliarden Euro die Beschichtungssparte der niederländischen DSM gekauft. Evonik wiederum hat am Mittwoch die Übernahme des amerikanischen Katalysator-Spezialisten Porocel abgeschlossen.

Für Zachert hat die Fokussierung auf eine hohe Liquidität in der aktuellen Phase an Priorität verloren – er will wieder mehr investieren. Zum einen verfügt der Konzern über ausreichend Mittel. Zum anderen gebe es – anders als während der Finanzkrise 2009 – keine Schwierigkeiten, an den sehr liquiden Märkten Kapital aufzunehmen.