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Wie sich der Kulturbetrieb gegen die Pandemie stemmt

Die Coronakrise trifft Kinos und Theater hart. In der Not werden die Betreiber erfinderisch – das wiederentdeckte Autokino wird zur Blaupause für die Kunstszene.

Viele Kinobetreiber setzen in der Coronakrise auf Autokinos. Foto: dpa

Zumindest auf den ersten Blick erweckt das Treiben auf dem Platz des Autokinos Drive In in Essen den Anschein, als sei alles normal. Als verbringe nicht ganz Deutschland die Abende im heimischen Wohnzimmer. Als lasse das Coronavirus nicht die gesamte Welt stillstehen. Unzählige Autos reihen sich in einer Blechlawine hintereinander, dicht an dicht geparkt. Auf der Leinwand ruft ein kommunistisches Känguru mit ausgeprägtem Temperament zum Kampf gegen den erstarkenden Rechtspopulismus auf. An diesem lauen Frühlingsabend im April locken „Die Känguru-Chroniken“ die Massen auf den riesigen Platz im Gewerbegebiet der Ruhrgebietsstadt.

Doch von Normalbetrieb kann keine Rede sein. Nichts demonstriert diesen Ausnahmezustand so sehr wie die geschlossene Snackbar. Statt den Film mit Popcorn und Currywurst zu zelebrieren, müssen sich die Besucher vorerst mit mitgebrachtem Knabberzeug begnügen. Ordner patrouillieren zwischen den Gängen, achten darauf, dass die Kinobesucher während ihres Aufenthalts in ihrem Auto bleiben und in der Warteschlange vor der Toilette der Mindestabstand gewahrt bleibt. Ohne Regeln funktioniert in Zeiten des Coronavirus nichts.

Der Abend verläuft gesittet. Denn die Sehnsucht der Menschen nach einer Flucht aus der anti-hedonistischen Tristesse ist groß.

So sehr wie die Cineasten nach Unterhaltung lechzten, so sehr leiden die Kinobetreiber und alle anderen Kulturschaffenden unter dem Stillstand. Über die Leinwände der rund 700 Kinos im Land flackert seit über einem Monat kein Film mehr, die Bühnen der zahlreichenden Theater stehen leer und die Konzerthallen vegetieren in nie da gewesener Ruhe vor sich hin.

Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Seine Prognose für die Zukunft der Kulturwirtschaft ist düster. Im allerschlimmsten Fall, das prognostiziert der Deutsche Kulturrat, werden die Einnahmen in diesem Jahr um bis zu 80 Prozent einbrechen. Im glimpflichsten immerhin um bis zu 30 Prozent. Auch wenn die ersten Theater, Museen und Galerien ihren regulären Betrieb wieder aufnehmen: Die Einnahmen werden unter dem Vorkrisenniveau liegen, so Zimmermann. Die anstehenden Sicherheitsabstände würden dazu führen, dass nur ein Bruchteil der Tickets verkauft werden könne. „Die Vorstellungen sind dann nicht mehr kostendeckend“, sagt der gelernte Kunsthändler.

Nun bemühen sich die Kulturbetriebe um Improvisation. Erfuhr der private Pkw noch vor Kurzem in der Klimadebatte eine zunehmende Verachtung, avanciert er in Zeiten von Corona zum Garanten für kulturelle Teilhabe. Immer mehr Kultureinrichtungen gehen dazu über, ihre Dienstleistungen im Autokino-Format anzubieten. Jüngst eröffnete mit dem Theater Niehbuhr in Oberhausen das deutschlandweit erste Drive-In-Theater – mit Applaus per Lichthupe. Immer mehr klassische Kinos gehen ebenfalls dazu über, Flächen zu suchen, um ein provisorisches Autokino anzubieten. Und auch die ersten Konzerte finden nun auf bislang ungewohnte Weise statt zum Teil über digitale Kanäle. Ein finanzieller Ausgleich ist das alles aber nicht, moniert Zimmermann: „Es schmälert im Moment nur die große Traurigkeit, nicht mehr Kunst machen zu können.“

Den Autokinobetreibern beschert die Coronakrise eine Renaissance. Wie sehr sich die Menschen nach der Normalität sehnen, bemerkt auch Heiko Desch. Er ist Theaterleiter von der Autokino-Kette Drive In, die in insgesamt fünf Städten Standorte betreibt. „Der Ansturm auf die Tickets ist unfassbar groß,“ sagt Desch. Rund 500 Besucher zählt er derzeit pro Vorführung – wesentlich mehr als im Regelbetrieb, wo im Durchschnitt etwas mehr als 100 Menschen die Filme sehen. Dabei haben die Autokinos ihre Kapazitäten bereits gedrosselt, um Menschenmassen zu vermeiden.

Doch so stark das Bedürfnis nach Unterhaltung dieser Tage auch ist: Auch für Autokino-Leiter Desch ist klar, dass das nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Die gestiegene Nachfrage nach Kinotickets könne die Einnahmeausfälle nicht kompensieren. Der wichtige Verkauf von Snacks entfalle gerade. Zudem müsse das Personal aufgestockt werden, um die sicherheitsrelevanten Maßnahmen umzusetzen. Hinzu kommt, dass die Trödelmärkte auf dem Gelände, die bislang für zusätzlichen Umsatz gesorgt hatten, nun wegbrechen. Und die Betreiber herkömmlicher Lichtspielhäuser, die nun auf die Alternative Autokino umgestiegen sind, schultern doppelte Kosten: Die Kinofläche und das nun neu angemietete Gelände.

Zumindest die Besucher können für ein paar Stunden die surreale Gegenwart verdrängen. Mittel- und langfristig aber könne sich die Kulturwirtschaft nicht mit provisorischen Maßnahmen über Wasser halten, warnt Zimmermann vom Deutschen Kulturrat. Die Infrastruktur der Kulturszene müsse dringend aufrechterhalten werden. „Denn wenn die kaputtgeht, bekommen auch die Künstler keine Aufträge mehr“, betont er. Der Deutsche Kulturrat fordert daher einen Infrastrukturfonds für die Kulturindustrie. Von den Bundesländern bekommen sie Unterstützung – nun liegt der Ball beim Bund, Mittel bereitzustellen. Und so lange gilt wohl die Devise: Besser weniger Einnahmen als gar keine.

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