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Der Krieg in Afghanistan trug zum Ende der Sowjetunion bei – nun führt Putins Krieg in der Ukraine Russland in eine dunkle Zukunft

Truppen der Roten Armee beim Rückzug aus Afghanistan 1989 - Copyright: DOUGLAS CURRAN/AFP via Getty Images
Truppen der Roten Armee beim Rückzug aus Afghanistan 1989 - Copyright: DOUGLAS CURRAN/AFP via Getty Images

Ältere Männer im Kreml lassen Russlands Truppen in ein Nachbarland marschieren und gehen von einem schnellen Sieg aus. Schlecht ausgebildete Wehrpflichtige werden in den Kampf gegen einen hoch motivierten Gegner geschickt, der von den USA und ihren Verbündeten finanziert wird. Russische Soldaten gehen brutal gegen die Zivilbevölkerung vor, während die staatlichen Medien den Krieg als humanitäre Mission darstellen.

Der damalige Krieg der Sowjetunion gegen Afghanistan und der heutige Krieg Russlands gegen die Ukraine weisen offensichtliche Ähnlichkeiten auf.

Wladimir Putin erlebte den Afghanistan-Krieg nur aus der Ferne, als KGB-Agent in Ostdeutschland. Als Russischer Präsident machte er das Gefühl der Verbitterung vieler Veteranen dieses Konflikts, zur herrschenden Ideologie seines Russlands gemacht, das wiedererstarken sollte.

Der gescheiterte Krieg der Sowjetunion in Afghanistan trug zum Zusammenbruch des Imperiums mit all seinen Folgen bei. Kann auch der Krieg in der Ukraine den Systemwandel in Russland beschleunigen - oder eher den Kreislauf von Demütigung und Vergeltung, der Putins an die Macht brachten.

Ein "begrenzter" Krieg

Sowjetische Truppen und Fahrzeuge bei der Ankunft in Kabul am 29. Dezember 1979. Foto: François LOCHON/Gamma-Rapho via Getty Images

Die sowjetische Entscheidung, in Afghanistan einzumarschieren, war auch eine Folge des Wettbewerbs mit den USA und China um sogenannte Klientenstaaten in Afrika, Asien und dem Nahen Osten.

1978 hatten marxistische Revolutionäre die Macht in Afghanistan übernommen. Als sie darum kämpften, die Kontrolle zu behalten, vermuteten ihre sowjetischen Verbündeten, die USA könne versuchen, das Land als Basis am Persischen Golf zu nutzen.

Nachdem sowjetische Spezialeinheiten am 27. Dezember 1979 den afghanischen Führer Hafizullah Amin ermordet hatten, behauptete die Zeitung "Prawda" auf der Titelseite, er sei ein CIA-Agent. Weihnachten 1979 marschierten die Sowjets in Afghanistan ein. Doch was als schnelle Mission zur Etablierung einer Russland-treuen Führung gedacht war, entwickelte sich zu einem zehnjährigen Kampf, in dem 13.000 sowjetische Soldaten starben, 40.000 verwundet - und über eine Million Afghanen getötet wurden.

Zu Beginn des Krieges berichteten Medien in Moskau über die Anwesenheit eines "begrenzten Kontingents sowjetischer Truppen", die beim Pflanzen von Bäumen und Verteilen von Medikamenten gezeigt wurden.

Während die Familien der Toten flehende Briefe an das Zentralkomitee der Kommunisten in Moskau schickten, blieb der Krieg für die meisten Sowjetbürger lange kaum sichtbar.

Abzug der sowjetischen Truppen aus Kabul im Februar 1989. Foto: Patrick ROBERT/Sygma via Getty Images

Diese Gleichgültigkeit wurde durch einen relativ geringen Truppenaufmarsch ermöglicht, der auf dem Höhepunkt des Krieges 120.000 Mann erreichte - weit weniger als die Zahl der amerikanischen Truppen in Vietnam auf dem Höhepunkt des Krieges dort.

Im Kreml jedoch ließen die steigenden Kosten des Krieges die sowjetische Führung zunehmend zögern, in anderen Konflikten Gewalt anzuwenden. Als KGB-Chef Juri Andropow 1980 beschloss, nicht in Polen einzumarschieren, um die Solidarność-Bewegung niederzuschlagen, sagte er, dass "das Kontingent für Interventionen im Ausland erschöpft" sei.

Die Berichterstattung über den Krieg in Moskau explodierte in den späten 1980er Jahren, als Michail Gorbatschow die Zensur lockerte. Journalisten berichteten über Gräueltaten an der Zivilbevölkerung sowie über Schikanen und Drogenkonsum in der Roten Armee.

Filme wie "Afghan Breakdown" (1990) und das Buch "Zinky Boys" der weißrussischen Schriftstellerin Swetlana Alexejewitsch, benannt nach den gefürchteten silbernen Särgen, in denen tote Soldaten zurück in die Heimat kamen, zeigten einen sinnlosen Krieg ohne Helden.

Gorbatschows Regierung unternahm einen letzten Versuch, die Lage in Afghanistan in den Griff zu bekommen, bevor es 1988 im Rahmen des Genfer Abkommens dem Abzug zustimmte. Die letzten sowjetischen Truppen verließen Afghanistan am 15. Februar 1989.

Ressentiments schüren

Demonstranten, einer mit einem Porträt des Physikers und Menschenrechtsaktivisten Andrej Sacharow, in Moskau im Dezember 1990. Foto: Marc Garanger/CORBIS/Corbis via Getty Images

Das Ende des Krieges in Afghanistan führte zu einer umfassenden Neubewertung der Verbrechen der Sowjetunion in der Vergangenheit, aber auch vieler Ungerechtigkeiten in der Gegenwart. Militärische Interventionen im Ausland wurden als Verschwendung von Ressourcen angeprangert, die im Inland eingesetzt werden könnten.

Doch die öffentliche Meinung war stets geteilt. Als der Physiker und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow im Juni 1989 auf dem Kongress der Volksdeputierten Aktivitäten der Armee in Afghanistan anprangerte, wurde er von einem Veteranen auf Krücken unterbrochen.

Der Mann, der im Krieg seine Beine verloren hatte, rief zur Verteidigung von "Vaterland, Heimat und Kommunismus" auf und wurde mit Ovationen bedacht. Seine Empörung wurde von vielen Veteranen (bekannt als "afgantsy") geteilt. Sie hatten nie die den Veteranen des Zweiten Weltkriegs zustehenden Leistungen erhalten und fühlten sich von der Gesellschaft und dem Staat verschmäht. Sacharow gab nicht klein bei und nannte Afghanistan "einen Vernichtungskrieg, eine schreckliche Sünde"

Nach einer offiziellen Untersuchung der Ursachen und Ergebnisse der Invasion verurteilte der Kongress der Volksdeputierten im Dezember 1989 den Krieg als "moralischen und politischen" Fehler. Sacharow war 10 Tage zuvor gestorben.

Der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow spricht am 12. Dezember 1989 vor den Abgeordneten des Volkskongresses in Moskau. Foto: VITALY ARMAND/AFP via Getty Images

Gorbatschow schwor offiziell zwar der Gewaltanwendung ab. Doch er schickte Spezialeinheiten, die in Afghanistan gekämpft hatten in das Baltikum und den Kaukasus um dort Demonstrationen für die Unabhängigkeit von der Sowjetunion niederzuschlagen.

Doch das Imperium, das er reformieren wollte, konnte Gorbatschow nicht erhalten. Die Sowjetunion löste sich im Dezember 1991 formell auf. Die afghanische Regierung überlebte ihren Schirmherrn nur um fünf Monate.

In den 1990er Jahren kam zu dem Gefühl des Schmerzes der Afghanistan-Veteranen, die Schmach der Veteranen, die aus Boris Jelzins Tschetschenienkrieg zurückkehrten. Gleichzeitig verloren viele Russen in den "Schocktherapie"-Reformen jener wilden Jahre ihre Ersparnisse, Alkoholismus grassierte und die Lebenserwartung der Männer in Russland sank drastisch

Als ein Heilmittel für eine gedemütigte Männlichkeit bot ein Teil der russischen Politik und Populärkultur einen gewalttätigen Nationalismus an.

In den Kultfilmen "Brother" (1997) und "Brother 2" (2000) wird ein tschetschenischer Veteran mit Babygesicht zu einem kaltblütigen Vigilanten, der sich an Russlands Feinden rächt und dabei patriotische Slogans rezitiert. Seine berühmten Slogans - "In der Wahrheit liegt die Kraft" und "Russen lassen die Ihren nicht im Stich" - setzte die russische Propaganda zur Unterstützung des Krieges in der Ukraine prominent ein.

Ein russischer Polizist in der tschetschenischen Stadt Gudermes im Oktober 2003. Foto: MAXIM MARMUR/AFP via Getty Images

Putin nutzte schon früh die Ressentiments der Veteranen, um seine Herrschaft zu legitimieren und zu festigen.

Während seiner ersten Amtszeit ordnete Putin eine brutale zweite Invasion in Tschetschenien an, die mit einem russischen Sieg endete. Er errichtete ein Denkmal für Soldaten, die in Afghanistan gekämpft hatten, in der Nähe des Moskauer Denkmals des Zweiten Weltkriegs im Siegespark.

Der russische Staat begann auch, Veteranengruppen finanziell zu unterstützen, wenn sie im Gegenzug an patriotischen Jugendlagern und Kreml-freundlichen Kundgebungen teilnahmen.

Wie die Historikerin Emily Hoge feststellte, wurden Afghanistan-Veteranen zu begeisterten Unterstützern von Putins Krieg in der Ukraine. Sie bildeten Freiwillige aus, die 2014 auf die Krim und in den Donbass geschickt wurden, zogen selbst in den Kampf und unterstützten die neue Invasion in großem Stil.

Ironischerweise stammen viele der Veteranen, die sie einst als "Brüder" willkommen hießen, aus der Ukraine.

Putins Krieg, Russlands Zukunft

Putin trifft im Oktober Soldaten in einem militärischen Ausbildungszentrum außerhalb der Stadt Rjasan. Foto: Mikhail Klimentyev/Sputnik/AFP via Getty Images

Putins Krieg in der Ukraine läuft nicht so schlecht wie die sowjetische Besatzung Afghanistans - er läuft noch schlechter.

In acht Monaten Krieg sind in der Ukraine bereits mehr russische Soldaten gefallen als in zehn Jahren Afghanistan - nach Schätzungen des US-Verteidigungsministeriums bis zu 80.000 Tote oder Verwundete.

Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte bestätigt, dass es seit Februar über 14.000 zivile Opfer in der Ukraine gegeben hat, obwohl die tatsächlichen Zahlen wahrscheinlich viel höher sind.

Angesichts der raschen Kriminalisierung Andersdenkender, der zunehmenden Auswirkungen westlicher Sanktionen auf die Wirtschaft und des Chaos der "Teilmobilisierung", bei der russische Männer von der Straße geholt und an die Front geschickt wurden - ist der Krieg im eigenen Land immer schwerer zu ignorieren.

Das gilt auch für die offensichtlichen Probleme: Grassierende Korruption hat dazu geführt, dass Panzer ohne Treibstoff und Soldaten ohne Uniformen, Lebensmittel oder Erste-Hilfe-Kästen dastehen, während Verwandte der einberufenen Männer über Messaging-Apps verzweifelt beraten, wo sie Schutzwesten kaufen können.

Truppen, die im Rahmen der russischen Teilmobilisierung eingezogen wurden, beginnen im Oktober in Rostow mit der Ausbildung. Foto: Arkady Budnitsky/Anadolu Agency via Getty Images

Die Vernachlässigung der Sicherheit und Ausbildung der in den Krieg geschickten Soldaten durch den Kreml deutet darauf hin, dass er sich, wie die späte Sowjetunion, wenig um die Heimkehrer kümmern wird. Putins Krieg wird eine neue Generation verwundeter, wütender Männer hervorbringen, und seine unangemessene Brutalität wird im Mittelpunkt der Kritik an seinem Regime stehen, wenn die Zeit einer größeren Offenheit gekommen ist.

Ein Rückzug aus der Ukraine würde wahrscheinlich die unterdrückte Opposition in Ländern wie Belarus, die von Putins Verbündeten wie Alexander Lukaschenko regiert werden, ermutigen, so wie sich viele Sowjetrepubliken einst mit antikolonialer Rhetorik gegen Moskau wandten. Die jüngsten Ereignisse in Zentralasien deuten darauf hin, dass sich mehrere dieser ehemaligen Republiken weiter von Russland entfernen.

Der Krieg hat bereits zu Rufen nach Veränderung unter hunderttausenden Russen geführt, die in diesem Jahr ins Ausland geflohen sind, und unter denen, die ihre Arbeit verloren haben oder im Gefängnis sitzen, weil sie den Krieg zu Hause kritisiert haben.

Aber es gibt auch entscheidende Unterschiede zwischen damals und heute.

In der Glasnost-Ära schockierten die Enthüllungen über den sowjetischen Krieg das Land so sehr, dass es den Rückzug unterstützte. Heute gibt es solche Enthüllungen nicht. Das russische Staatsfernsehen, verdreht schlechte Nachrichten, die im Internet kursieren, und tut dokumentierte Kriegsverbrechen als angeblich inszenierte Provokationen ab.

Solange staatstreue Medien erklären, Russland verteidige das Vaterland in einer Art Heiligem Krieg gegen die Nato, könnte es Putin gelingen, die Unzufriedenheit der Bevölkerung gegen den Westen zu lenken.

Russen vor einem Rekrutierungsbüro in Moskau während der Teilmobilisierung des Landes im Oktober. Foto: Sefa Karacan/Anadolu Agency via Getty Images

Laut einer Umfrage des unabhängigen Levada-Zentrums unter Russen ist die Zahl der Befragten, die ein positives Bild von den Vereinigten Staaten hatten (19 %), noch geringer als die Zahl derer, die eine positive Einstellung zur Ukraine hatten (23 %) - also Russlands unmittelbarem Widersacher.

Die öffentliche Selbstkritik im Zusammenhang mit dem sowjetischen Krieg in Afghanistan mag nur kurz und auch umstritten gewesen sein. Doch sie zeigte, dass eine Neubewertung imperialer Ambitionen möglich war. Der wahre Test kam jedoch später mit der Zuweisung von Schuldgefühlen.

Gorbatschow sah sich wegen des Rückzugs aus Afghanistan einer Gegenreaktion ausgesetzt, die vor allem von Veteranen ausging. Aber er gab früheren sowjetischen Führern die Schuld an dem Krieg, und die meisten Russen machten ihn nicht persönlich dafür verantwortlich. In der Ukraine kann das anders sein. Denn trotz der Tatsache, dass der Krieg in der Ukraine in hohem Maße mit Putin persönlich in Verbindung gebracht wird, könnte er sich der Schuldzuweisung entziehen, indem er das Scheitern des Krieges der Einmischung der Nato zuschreibt.

In Putins Darstellung ist jeder Schaden, den Russland anrichtet, durch seine eigene Opferrolle gerechtfertigt. Im Falle eine Niederlage in der Ukraine besteht die Gefahr, dass Putins Krieg in Russland zu einem weiteren "verlorenen Fall" wird, der gerächt werden muss.

Joy Neumeyer ist Journalistin und Historikerin für Russland und Osteuropa.

Der Artikel erschien zuerst bei Business Insider in den USA unter dem Titel: "A failed war helped bring down the Soviet Union. Now Putin's failing war in Ukraine might set Russia up for a bleak future." Das Original lest ihr hier.