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Kone-Offerte für die Aufzugsparte von Thyssen-Krupp ist überraschend niedrig

Der finnische Konzern bietet deutlich weniger für die Sparte als Finanzinvestoren. Diese will Kone mit einem anderen Angebot auf seine Seite ziehen.

Finnlands reichster Mann, Antti Herlin, hat einen Traum. Seit bald zwei Jahrzehnten träumt der Hauptaktionär des finnischen Aufzugsherstellers Kone davon, die Sparte seines Wettbewerber Thyssen-Krupp zu übernehmen – so berichten es Menschen aus seinem Umfeld. Sollte sich sein Traum erfüllen, stiege Kone mit einem Schlag zum weltgrößten Hersteller von Aufzügen und Fahrtreppen auf.

Lange hatte er keine Chance, dieses Ziel zu erreichen. Im Gegenteil wollte Thyssen-Krupp selbst eher Kone übernehmen. Doch die Existenzkrise bei dem Ruhrkonzern hat nun den für eine Übernahme freigemacht.

Thyssen-Krupp will sein Aufzugsgeschäft für Investoren öffnen. Nach dem Rauswurf des Vorstandschefs Guido Kerkhoff dürfte das einen Komplettverkauf bedeuten.

Vor einigen Tagen fanden dazu erste konkrete Gespräche statt. Zu den ersten, die in Essen ihre Aufwartung machen durften, gehörte Kone-Chef Henrik Ehrnrooth. Als früherer Investmentbanker ist er weniger für die technologische Entwicklung, sondern für die Expansion zuständig.

Bestens vorbereitet sei das Angebot der Finnen gewesen, hieß es in informierten Kreisen. Selbst für die kniffeligen Kartellfragen hätten die Kone-Emissäre Lösungen vorgestellt. Erfolgversprechend sei die Offerte aber mitnichten. Denn: „Der gebotene Kaufpreis war unter den niedrigsten, der Thyssen-Krupp genannt wurde“, hieß es. Offerten von Finanzinvestoren lägen um ein bis zwei Milliarden Euro höher.

Diese Aussage steht im krassen Gegensatz zu den Informationen, die Kone zuvor in der Öffentlichkeit gestreut hatte. Als Analysten der Wert der Aufzugssparte auf rund 15 Milliarden Euro taxierten, hat Kone ein Angebot in Höhe von 18 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Den Betrag könne Kone noch erhöhen, um andere Bieter auszustechen, so die Ansage.

Fusion mit Kone die beste Option

Begründet wurde diese optimistische Haltung mit den zu erwartenden Einsparungen. Gemeinsam könnten Kone und die Thyssen-Krupp-Sparte ihren jährlichen Gewinn im mittleren dreistelligen Millionenbereich erhöhen, war die Einschätzung. Finanzinvestoren können diese Synergien nicht heben – weshalb eine Fusion mit Kone die beste Option für alle Beteiligten sei, hatte Ehrnrooth vollmundig erklärt.

Doch beim Treffen mit dem Management von Thyssen-Krupp wurde diese aggressive Ankündigung pulverisiert. Selbst Finanzinvestoren, die nur einen Minderheitsanteil an der Aufzugssparte erwerben wollten, hätten die Skandinavier übertroffen. Das ließ die Leitung von Thyssen-Krupp ratlos zurück. Erst habe es im Vorfeld ein großes Getöse gegeben, dann sei das Angebot kläglich gewesen, hieß es in Konzernkreisen.

Zumal im Raum stehe, dass Kone eine Übernahme nicht nur mit Barmitteln, sondern auch mit eigenen Aktien bezahlen könnte. Für Thyssen-Krupp haben die wenig Wert, da der Konzern zwingend auf frisches Kapital angewiesen ist. Nur so könne die Finanzmisere ausgebügelt werden, die überhaupt erst zu den Überlegungen für einen Verkauf des profitabelsten Geschäfts geführt hatte. Thyssen-Krupp selbst wollte sich nicht zu den Angeboten äußern.

Zumindest in einem Punkt konnten die Kone-Vertreter aber auch wichtige Bedenken beiseite räumen. So hatten Beobachter bereits nach dem öffentlichen Übernahmeinteresse der Finnen daran gezweifelt, ob ein solcher Zusammenschluss von der EU-Wettbewerbskommission genehmigt würde.

Beide Unternehmen sind in Europa stark aufgestellt, kombiniert kämen sie auf eine marktbeherrschende Position. Zwar hatte Kone-Chef Ehrnrooth die Zweifel mit der Aussage auszuräumen versucht, der Aufzugsmarkt sei sehr fragmentiert. Doch ist offenbar auch ihm klar geworden, dass dieser Umstand für eine Zustimmung aus Brüssel womöglich nicht reichen könnte.


Kone könnte wichtiges Geschäft opfern

Mithilfe der Juristen von Clifford Chance haben die Finnen daher einen Alternativplan entworfen, um möglichen Bedenken zuvor zu kommen. Demnach will der Konzern seine eigenen Aktivitäten in Deutschland und womöglich auch in anderen europäischen Ländern vor einer Übernahme abgeben, um die Wettbewerbshüter milde zu stimmen.

Damit zöge sich Kone in einem ersten Schritt aus seinem wichtigsten Markt zurück. Über 40 Prozent ihres Jahresumsatzes von zuletzt 9,1 Milliarden Euro wurde hier erwirtschaftet. Deutschland ist der drittgrößte Einzelmarkt. Doch um seinen Traum vom Weltmarktführer zu erfüllen, ist Herlin offensichtlich dazu bereit, einen großen Teil seines bisherigen Geschäfts zu opfern.

Die Abspaltung wichtiger Landesgesellschaften würde das kartellrechtliche Risiko, aber auch die Einsparpotenziale verkleinern. Das könnte erklären, warum das Angebot so kläglich sei, hieß es in Konzernkreisen. Der Schritt hätte aber einen Vorteil: Bei der mächtigen Gewerkschaft IG Metall würde Kone wohl positiv angerechnet, dass der Konzern eigene Aktivitäten und nicht die von Thyssen-Krupp verkaufen würde.

Um den Vorgang zu beschleunigen, wurden die betroffenen Aktivitäten bereits Finanzinvestoren zum Kauf angeboten. Für die wäre das ein schneller Profit, da sich die Aktivitäten zügig weiterverkaufen ließen. Neben Schindler und Otis kämen dazu Anbieter aus Asien als Käufer in Frage, die daran arbeiteten, ihre Position in Europa auszubauen, hieß es.

Möglicher Finanzinvestor als Partner benannt

Doch ob eine Abgabe des Europageschäfts allein reicht, um Brüssel zu überzeugen, bezweifeln Experten. So sagte der Kartellrechtler Andreas Lotze: „Wenn Kone sein Europageschäft vor einer Fusion abgibt, könnte das Bedenken der EU-Kommission in Bezug auf den europäischen Markt ausräumen.“

Allerdings könne Brüssel auch zu dem Schluss kommen, dass für die Bewertung der Fusion bei einigen Produkten der Weltmarkt maßgeblich ist – beispielsweise bei Aufzügen für sehr hohe Hochhäuser, die nur in wenigen Städten weltweit gebaut werden. „Hier könnten dann doch Zugeständnisse der Fusionspartner notwendig sein“, so Lotze.

Dessen ungeachtet hat Kone im Gespräch mit dem Thyssen-Krupp-Management bereits einen möglichen Finanzinvestor als Partner benannt. Die deutsche Kone-Tochter könnte an CVC Capital weitergereicht werden, hieß es in Finanzkreisen. Für CVC ist eine solche Absprache heikel. Denn mit Wolfgang Colberg sitzt ein CVC-Partner im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp, der letztendlich über den Verkauf entscheidet.

Colberg versucht einen Interessenskonflikt zu vermeiden. Nach Angaben aus Kreisen des Aufsichtsrats hat er die Sitzung verlassen, als der Vorstand die einzelnen Angebote vorgestellt hat. Kone, Thyssen-Krupp und CVC äußerten sich nicht dazu.

Kone selbst dürfte kein Interesse daran haben, die Karten allzu offen vor Colberg, CVC oder anderen Finanzinvestoren auf den Tisch zu legen. Denn werde ihnen bewusst, dass die Finnen ein niedriges Angebot unterbreitet hätten, würden sich kaum mit dem Kone-Europageschäft abspeisen lassen.

Thyssen-Krupp Elevator gilt bei Finanzinvestoren als enorm lukratives Ziel. An Kapital fehlt es den Fonds nicht, was sich an der Zahl der Bieter zeigt. Dazu zählen neben CVC unter anderem Advent, Apollo, Blackstone, Brookfield, Carlyle, Clayton, Dubilier & Rice und KKR.

Ob Kone mit seiner Strategie durchkommt, wird sich bald zeigen. Einige Interessenten bekämen nun Zugang zu den Geschäftsdaten der Krupp-Sparte. Bis spätestens Januar soll der Käufer feststehen.