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Kommentar: Sag mal, Deutschland

Yasmine M'Barek
·Freie Autorin
·Lesedauer: 4 Min.
Corona-Demo im April in Berlin (Bild: Reuters/Christian Mang)
Corona-Demo im April in Berlin (Bild: Reuters/Christian Mang)

Sag mal Deutschland, wie geht es dir eigentlich?

Nicht so gut, oder? Du bist ja eigentlich ein großer Meister im Meckern, aber du kannst durchaus einstecken. Und schuld bist du ungerne. Gestehst du dir deshalb vielleicht gerade nicht ein, wie schlecht es dir geht? Du redest vieles schön. Dass du manchmal gerne vertuschst, wissen wir. Dieses Jahr hast du viele neue “Wahrheiten” erfunden. Denn du glaubst immer, es geht gegen dich, deutsches Volk. Du siehst dich gerne in der Opferrolle und tust so, als sei jemand am Ausbruch des Virus schuld.

Übrigens, weil du so auf die Schuldfrage stehst, Deutschland: Ja, du bist schuld, wenn du egoistisch bist. Du bist schuld an einer unterschätzten zweiten Welle, an illegalen Raves, an großen Glühweintreffen, an Demonstrationen und an Krankenhäusern, deren Kapazitäten ausgelastet sind. Du bist auch schuld an dem viel zu harten Lockdown, weil du die Stimmen der Vernunft als verblendet, überzogen und totalitär gebrandmarkt hast. Hier sind wir nun, im zweiten Lockdown, ohne Silvester und mit über 600 Toten am Tag, aber du bist immer noch wütend, Deutschland.

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Sag mal Deutschland, wieso denkst du, dein System würde unendlich funktionieren? Das liegt daran, dass du deine Privilegien nicht kennst. Deswegen denkst du nicht mal daran, was passiert wenn dein System nicht mehr will. Wenn Pfleger*innen und Ärzt*innen streiken, wenn das öffentliche Gesundheitssystem zusammenbricht. Du denkst, du darfst nichts sagen, während du offen rassistisch und antisemitisch vor dem Bundestag randalierst, aber du denkst nicht an diejenigen, die noch nicht angefangen haben zu sprechen. Du wirst dich verantworten müssen, Deutschland. Du bekommst eine neue soziale Frage, dies ist gewiss.

Deine Konsequenz lässt dich im Stich

Sag mal, Deutschland, eigentlich bist du doch unglaublich konsequent. Du bist penetrant. Du knallst aggressiv den Warentrenner zwischen dich und mich im Supermarkt, aber seit Corona spüre ich deinen warmen Atem in Nacken, wenn ich meine Avocado bei Rewe bezahle, und rieche genau, was du zuletzt hattest: Stollen, Zigarette oder schlicht ungeputzte Zähne. Du könntest frei sein wie Neuseeland oder Australien, Deutschland. Du könntest an Silvester böllern, Deutschland. Aber deine Konsequenz lässt dich wahrlich im Stich.

Sag mal Deutschland, wir verlieren das Vertrauen ineinander, merkst du das? Ich verbinde mit Lockdown keine Sicherheit, weißt du wieso? Weil ich weiß, dass du Regeln nicht unbedingt einhältst. Christian Lindner mag Eigenverantwortung, ich lebende Familienmitglieder. Du bist auch Schuld daran, dass unsere Regierung keine Schuldeingeständnisse wagen kann. Sie haben wegen dir viel zu spät durchgegriffen, weil sie Angst vor deiner Wut hatten. Und jetzt wissen wir nicht, ob du es schaffst, dich ein paar Tage lang zusammenzureißen.

Behandlung eines Corona-Patienten im Oktober in Berlin (Bild: Reuters/Fabrizio Bensch)
Behandlung eines Corona-Patienten im Oktober in Berlin (Bild: Reuters/Fabrizio Bensch)

Sag mal Deutschland, hast du keine Angst vor dem System, das du selbst aufgezogen hast? Wer soll dich pflegen, nachdem du dich mit zehn Leuten zum saufen triffst, weil du die Kanzlerin hysterisch findest und dich infizierst mit dem Virus, das Hunderte Menschen am Tag tötet, weil es ja nur eine Grippe ist? Du sprichst von individueller Freiheit, Deutschland, aber dein egoistisches Gehabe führt dazu, dass Pfleger*innen Überschichten arbeiten, unter den Masken, unter denen du vermeintlich 20 Minuten nicht atmen kannst, sie tragen sie in Doppelschichten ohne Unterbrechung.

Die Sache mit der Freiheit

Sag mal Deutschland, weißt du überhaupt, was deine vermeintliche Freiheit, dein Liberalismus bedeutet? Du magst es sehr wohl nicht, wenn deine Freiheiten eingeschränkt werden. Nur bist du so ein Egoist, dass du gegen deine eigene Forderung verstößt. Es ist leider so, schneidest du meine Freiheit ein, so schneide ich deine ein. Daran ändert deine Argumentation der kollektiven Selbstverantwortung auch nichts. Solange du das nicht verstehst, lockdownen wir bis zur letzten Impfdosis. Achja, die magst du ja auch nicht.

Sag mal Deutschland, merkst du eigentlich, dass du ein neues Generationentrauma entstehen lässt? Eines, das bereits vorher existent war, weil du die Klimakrise auch nicht ernst nimmst. Und jetzt machst du es wieder, du generalisierst. Dass du mit sieben Freunden ein Glas Wein trinkst, ist verständlich, aber die Jugend auf den Parkbänken, dass ist der Grund weshalb Corona grassiert, deiner Meinung nach. Die rücksichtslose Jugend? Deutschland, ich muss dir leider sagen, du enttarnst dich selbst. Denn du denkst, weil du verantwortungslos in deiner Jugend warst, müssen es alle anderen nun auch sein. Aber lass mich dir die Illusion nehmen, Deutschland. Du hast deinen Kindern keinen guten Planeten überlassen. Du hast deiner Jugend Aufgaben gegeben, die nicht die Aufgaben junger Menschen sein dürften.

Kommentar: Jetzt wird es still

Sag mal Deutschland, wieso investierst du deine Wut in Protest für das vermeintlich Richtige, obwohl nebenbei deine Oma, dein Bruder oder Nachbarin elendig stirbt, erstickend, auf dem Bauch, während sie dein verzerrtes Gesicht auf FaceTime beobachtet? Du hast auch gegen 5G protestiert, deswegen hörst du vielleicht das letzte “Ich liebe dich” gar nicht mehr. Für Liebe scheinst du sowieso unempfänglich, der Hass hat dich zerfressen, mein liebes Deutschland.

Sag mal Deutschland, fragst du dich manchmal nicht, ob du falsch liegst? Lass uns doch mal ins Gespräch kommen.

Ich bete für dich Deutschland, ich habe ein Herz für dich, ich sorge mich um dich.

Gezeichnet,

Yasmine M’Barek

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