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Kommentar: Er ist wieder da

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 5 Min.
Polizisten patrouillieren in Wien nach dem Terrorangriff gestern Abend. (Bild: AP/Ronald Zak)
Polizisten patrouillieren in Wien nach dem Terrorangriff gestern Abend. (Bild: AP/Ronald Zak)

Der totgeglaubte „Islamische Staat“ (IS) meldet sich zurück. Die Terrorangriffe von Wien und von Nizza gehen auf sein Konto: Zumindest hat die Kalifatstruppe ihr Copyright. Nun muss der Westen Souveränität zeigen. Vielleicht eine andere, als viele meinen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Ein vermeintlicher Sprengstoffgürtel als Attrappe – das erklärt den Terrorangriff gestern Abend in Wien mit einem Wort. Da wollte einer zweierlei: Sichergehen, dass er Angst und Schrecken verbreitet, eben Terror. Und dass er erschossen wird. Das ist die Handschrift jener radikalislamischen Terrorangriffe, wie wir sie vor ein paar Jahren öfter in Europa hatten; manche glaubten, wir hätten sie hinter uns gelassen.

Doch der „Islamische Staat“ (IS) war nie tot. Zwar hat die sunnitische Terrortruppe mit dem hochtrabenden Namen ihre zeitweilig weiten Herrschaftsgebiete zwischen Syrien und Irak verloren. Und es ist nicht absehbar, dass der IS wieder größere Territorien derart einnehmen wird, dass er sie ernsthaft als „Staat“ deklarieren kann. Aber die Strukturen und das Geld, das er während seiner Herrschaft machte, sind immer noch da. Nach den militärischen Niederlagen haben sich die Kämpfer zurückgezogen und konzentrieren sich auf Überfälle von Patrouillen im schwer kontrollierbaren Grenzgebiet zwischen Syrien und Irak. Ihr Überleben erleichtert der Umstand, dass sich Russen und Amerikaner in der Region eher kritisch beäugen als dass sie miteinander kooperieren.

Und dann sind da noch wir.

Bataclan bleibt unvergessen – der Angriff auf den Pariser Club. Oder die Attacke auf einen jüdischen Supermarkt, natürlich Charlie Hebdo und der Breitscheidplatz in Berlin.

Was dem IS noch bleibt

Der IS hat das Geld, die Ressourcen und die Lebensverachtung, uns ihn spüren zu lassen. Der Attentäter von Nizza, der in eine Kirche eindrang, wird nicht komplett allein seine Reise von Tunesien nach Frankreich geplant haben. Und auch die gestrigen schrecklichen Terrorangriffe in Wien werden nicht aus dem Nichts heraus entstanden sein. Entweder steckt der IS als direkter Befehlsgeber und Financier dahinter, oder er kann das Copyright für die Anschläge beanspruchen; denn nach dem Zusammenbruch seines „Staates“ bleibt ihm nur noch dieser Terror. Damit geht der IS nun den Weg der vor ihm bekannten Gruppe “al-Qaida”, deren Anhänger keinen Staat gründen wollten, sondern für die eigene Galerie mordeten.

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Mit dieser vermeintlichen Stärke kann er für einen kleinen Moment übertünchen, wie jämmerlich seine Ideologie ist. Wie mickrig seine Intellektualität und wie groß seine Sünde vor Gott. Es ist ein makabrer und brutaler Budenzauber, den unschuldige Menschen mit ihrem Leben bezahlen, oder mit physischen und psychischen Verletzungen, die hoffentlich schnell verheilen. Der IS wird immer ein Verlierer sein, trotz der Schmerzen und Ängste, die er zufügt. Eine Losertruppe.

Deshalb muss der „Westen“ nun Souveränität zeigen. Polizei und Geheimdienste werden mit den Strukturen des IS und seiner Unterstützer umzugehen wissen. Ansonsten hat uns der IS nicht zu jucken.

Was wir allerdings dringend benötigen, sind ernste Debatten, so wie sie der französische Lehrer in seinem Unterricht begann und dafür von einem mordseligen Fanatiker geköpft wurde – vielleicht der Anfangspunkt einer Anlasskette für Nizza und Wien. Wenn also in Berlin-Neukölln ein paar neunmalkluge Deppen eine Straßenaufführung bringen, in der ein traditionell gekleideter Araber einen gefesselten Mann mit Macron-Maske und langen Haaren schlagend durch die Sonnenallee führt, dann sind ernste Fragen zu stellen; schließlich hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nur die Meinungsfreiheit verteidigt. Und was sollen die Haare? Ist den Laienschauspielern Macron nicht “Mann” genug, ist dies eine Anspielung auf Homosexualität - wie armselig ist das denn?

Souveränität bedeutet übrigens auch, punktgenau zu sein und diese kritischen Fragen respektvoll an Salafisten, Radikalmuslime und Islamisten zu stellen: Was sie denn von der Meinungsfreiheit halten. Nicht souverän ist, was ich in meiner Facebook-Timeline las, als jemand nach Nizza einen Muslim mit den Worten anschrieb: „Digga, wie seid ihr denn drauf?“

Das ist dann doch etwas ungenau adressiert. Bei 26 Millionen Muslimen in Europa.

Es bleibt nämlich eine stets zu bedenkende Wahrheit, dass der Spinnerhaufen des IS nicht für „die Muslime“ steht, sondern dass er von den allermeisten verabscheut wird.

Ein Knick in der Optik

Souverän bedeutet auch, nicht andauernd hier und da kritisch zu schauen, wer sich nun distanziert, sein Entsetzen bekundet. Denn eine Schieflage haben wir in Deutschland sowieso. In Berlin wurde am Wochenende ein 13-jähriger Junge in einem Park erstochen. Die Medienberichterstattung darüber war normal, eben mau. Eine schlimme Tat, aber was soll man sagen? Was indes wäre gewesen, wenn der Täter „Allahu Akbar“ gerufen hätte? Möchte jemand gegen meine Vermutung wetten, es hätte eine WELLE gegeben? Dass der Junge nun auch noch Syrer ist, verschiebt die Meldungen noch weiter nach hinten, und dass der mutmaßliche Täter ein erwachsener Deutschtürke, verschiebt sie noch ein wenig mehr.

Die Debatte mit Islamismus ist auf Augenhöhe zu führen. Neuerdings ist es Mode geworden, der politischen Linke in Deutschland vorzuwerfen, sie schaue da ein bisschen weg, weil es ihr nicht ins Konzept passe. Das Gegenteil ist der Fall: Die Auseinandersetzung mit Islamismus wurde über Jahrzehnte hinweg ausschließlich von Linken geführt, weil sich Rechte für die „Gastarbeiter“ gar nicht erst interessierten; außerdem gab es von Beginn an, ab den Sechzigern und Siebzigern, eine Nähe von Islamisten zu rechten Organisationen wie den faschistischen türkischen Grauen Wölfen.

Dass nun ein Kevin Kühnert und ein Sascha Lobo meinen, eine Entsetzensbekundungslücke bei Linken auszumachen, ist nur mit fehlender Bildung zu erklären.

Wie stark dieser Klabautermannhaufen namens IS uns beeinflussen wird, entscheiden letztendlich wir selbst.

Im Video: Attentäter von Wien war wegen Terrorismus vorbestraft