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Kommentar: Der schwarze Fleck von Hanau

Konstantin Delles
·Editor
·Lesedauer: 8 Min.
Gedenkort am Brüder-Grimm-Denkmal in Hanau (Bild: Reuters/Kai Pfaffenbach)
Gedenkort am Brüder-Grimm-Denkmal in Hanau (Bild: Reuters/Kai Pfaffenbach)

Als am Abend des 19. Februar 2020 ein rechtsextremer Attentäter in Hanau neun junge Menschen aus dem Leben riss, taten sich in Deutschland zwei Realitäten auf: Für die Einen ist seitdem nichts mehr wie zuvor. Die Anderen hielten vielleicht kurz inne und lebten danach weiter wie gewohnt. Darin liegt eine große Gefahr.

“In diesem Moment ist für uns die Welt stehen geblieben, ich glaube wir haben gar nicht so wirklich verstanden, was passiert ist”, beschreibt Ajla Kurtović den Augenblick, in dem sie und ihre Familie am Morgen des 20. Februar über den Tod ihres Bruders Hamza informiert wurde. Ein Schock und ein Schmerz, den viele Menschen in Deutschland teilen konnten - die, die selbst von Rassismus betroffen sind, die täglich erniedrigende Diskriminierungserfahrungen machen, die mit der realen Angst leben, dass der nächste Anschlag sie treffen könnte. Ihre erschütternden Berichte sind auch für uns, die Angehörigen der weißen Dominanzgesellschaft, leicht zugänglich, doch viel zu oft entscheiden wir uns, wegzuhören.

Natürlich gab es auch nach dem Anschlag von Hanau die üblichen Gedenkrituale. Mahnwachen, tröstende Worte von Bundespräsident und Kanzlerin, Appelle an die Gesellschaft, Willensbekundungen, es endlich besser zu machen - so wie nach jedem der rassistischen Gewaltakte, die in den vergangenen Jahrzehnten Hunderte Menschenleben gefordert haben. Doch während noch 1991 die großen Karnevalszüge wegen des Golfkriegs abgesagt wurden, wurde 2020 größtenteils unbeirrt gefeiert, Besucher:innen der Beerdigungen mussten an betrunkenen Narren vorbei.

Zwar wurde im Jahr 2020 so viel über Rassismus und rechte Gewalt debattiert wie selten zuvor, befeuert auch durch durch den Mord an Walter Lübcke, den Anschlag von Halle und die weltweiten “Black Lives Matter”-Proteste nach dem gewaltsamen Tod George Floyds. Doch während ein Jahr später wieder der Opfer gedacht wird, fällt die Bilanz der Hinterbliebenen und der Überlebenden des Anschlags ernüchternd aus. In jedem der zahlreichen Interviews, die zum Jahrestag erschienen sind, machen sie deutlich, wie enttäuscht sie über den Mangel an greifbaren Konsequenzen sind und wie alleingelassen mit den zahlreichen Fragen, die seit der Tat immer noch offen sind. “Ich würde mir wünschen, dass der Sachverhalt lückenlos und vollständig aufgeklärt wird und dass man aus den Fehlern, die passiert sind, Konsequenzen zieht”, erklärte Ajla Kurtović vergangene Woche in einem Pressegespräch des Mediendienstes Integration. “Und somit würde ich sagen, dass ich bisher keine sichtbaren Konsequenzen gesehen habe, was den Anschlag von Hanau angeht.”

Gedenken an den Gräbern von Ferhat Unvar, Hamza Kurtović und Said Nesar Hashemi (Bild: Thomas Lohnes/Getty Images)
Gedenken an den Gräbern von Ferhat Unvar, Hamza Kurtović und Said Nesar Hashemi (Bild: Thomas Lohnes/Getty Images)

Dass der Täter sich durch den eigenen Tod einem einem Prozess entzog, wirkt dabei fast zweitrangig. Seine rassistischen Motive hat er, der Logik des Terrors folgend, in seinem Manifest hinreichend dargelegt. Für die Angehörigen und Überlebenden stehen andere Fragen im Vordergrund: “Die entscheidendste Frage ist eigentlich, was in der Tatnacht passiert ist und wie der Einsatz verlaufen ist”, sagt Ajla Kurtović. “Ob es tatsächlich, wie von Tatzeugen und Überlebenden geschildert wurde, Verzögerungen gab, ob man den Täter denn hätte stoppen können.”

Viele weitere Fragen werden von ihr und den anderen Hinterbliebenen immer wieder gestellt: Wie konnte der Täter unbehelligt von einem Tatort zum nächsten und anschließend wieder nach Hause fahren? Warum war der Notruf in der Tatnacht nicht erreichbar? Warum war der Notausgang der Arena Bar verschlossen? Warum konnte der Täter trotz mehrerer Alarmzeichen eine Waffenerlaubnis besitzen? Welche Rolle spielte sein Vater, der offenkundig seine rassistische Ideologie teilt? Viele dieser Umstände kamen überhaupt erst durch die Hartnäckigkeit der Angehörigen und einiger Journalisten nach und nach ans Licht, die offenen Fragen wurden immer mehr. Die Polizei verweigert indes bis heute jeden Dialog mit den Betroffenen. “Dass da keinerlei Verantwortung übernommen wird, das macht mich fassungslos”, sagt Ajla Kurtović.

Dazu kommt ein skandalöser Umgang mit den Opfern und ihren Angehörigen in der Tatnacht und danach. Die Familien wurden stundenlang im Ungewissen gelassen, teils mit falschen Angaben hingehalten. Ihre Bedürfnisse wurden grob missachtet, Autopsien ohne Einwilligung durchgeführt und ein würdevoller Abschieds so unmöglich gemacht. Es wurden falsche Totenscheine ausgestellt, der blonde und blauäugige Hamza Kurtović in den Akten offenkundig nur aufgrund seines Namens als “südländisch” beschrieben. “Von einem Rassisten getötet, und der Rassismus geht weiter”, kommentiert sein Vater Armin Kurtović in der HR-Dokumentation “Hanau - Eine Nacht und ihre Folgen”. Die Familie von Ferhat Unvar weiß bis heute nicht genau, wann und wie ihr Sohn und Bruder starb. Teilweise wurden die Angehörigen selbst wie eine Gefährdung behandelt, im extremsten Fall wurde die Familie von Mercedes Kierpaczs, die am Tatort auf Informationen wartete, durch ein Sonderkommando der Polizei mit gezogenen Waffen bedroht. Als der Vater des Täters in sein Haus zurückkehrte, bekamen die Hinterbliebenen eine Gefährderansprache - dass der rassistische Vater selbst eine mögliche Bedrohung darstellt, erfuhren sie erst aus den Medien. Auch hier: Keine Erklärung, keine Entschuldigung. “Beim nächsten Mal machen wir es besser”, sagte Hessens Ministerpräsident Bouffier laut “Spiegel” den Angehörigen ins Gesicht. Ob ihm wohl der Zynismus seiner Worte irgendwann noch bewusst wurde?

Ein großer Teil der Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit bleibt bei den Hinterbliebenen hängen, die sich dessen mit einem bewundernswerten Einsatz annehmen. Und weit darüber hinaus arbeiten sich überwiegend nicht-weiße Aktivist:innen und Kreative das ganze Jahr an Hanau ab, organisieren Veranstaltungen, recherchieren, veröffentlichen oftmals selbstorganisiert Bücher, Kunstwerke und Lieder und erinnern am 19. jeden Monats an die Tat. Sie halten die Namen der Opfer im Gedächtnis und schaffen eine neue Erinnerungskultur für Fatih Saraçoğlu, Gökhan Gültekin, Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Kaloyan Velkov, Mercedes Kierpacz, Said Nesar Hashemi, Sedat Gürbüz und Vili Viorel Păun. Und natürlich gibt es dafür auch Zuspruch, doch im Großen und Ganzen müssen sie immer noch gegen die Mehrheitsgesellschaft arbeiten, anstatt mit ihr. Denn ein Jahr später sind die typischen Muster so präsent wie eh und je: Ignoranz, Verdrängung, Täter-Opfer-Umkehr.

Wiederholt wurden größere Gedenkveranstaltungen zu Hanau mit Verweis auf die Pandemielage untersagt, die Organisatoren fügten sich stets und improvisierten dezentrale Mahnwachen und Online-Events. Dafür konnten Verschwörungsideolog:innen und andere Rechtsextreme, die geistigen Geschwister des Täters, auf Corona-Demos monatelang zu Tausenden ungehindert in ganz Deutschland aufmarschieren. Nach einem halben Jahr forderten lokale CDU-Politiker:innen im Sinne einer “Rückkehr zur Normalität”, die Gedenkstätten am Brüder-Grimm-Denkmal und anderen Orten in der Stadt abzuräumen - wie sich später zeigen sollte, teilten sie diesen Wunsch mit dem rechtsextremen Vater des Attentäters.

Menschen, die teilweise noch im Sommer auf der “Black Lives Matter”-Welle mitgeschwommen waren, fühlten sich nun in einer Talkrunde durch Kritik an der Verwendung des Z-Wortes “terrorisiert”, völlig unberührt von der Tatsache, dass im realen Terror von Hanau auch drei Rom:nja ermordet wurden. Über eine satirische Kolumne über Rassismus in der Polizei wurde schärfer diskutiert, als über den Rassismus in der Polizei selbst. Die CDU biedert sich nun in der Frühphase des Wahlkampfs mit einem klischeebeladenen Clip zum Thema “Clankriminalität” bei der AfD-Klientel an.

Gedenken am Vorabend des Jahrestags an den Tatort (Bild: Reuters/Kai Pfaffenbach)
Gedenken am Vorabend des Jahrestags an den Tatort (Bild: Reuters/Kai Pfaffenbach)

Migrantifa-Gruppen, die sich vielerorts nach dem Anschlag gebildet hatten, werden von rechtskonservativen Politikern und Journalisten als neues Feindbild entdeckt, antirassistisches Engagement wird wieder zunehmend delegitimiert und unter Extremismusverdacht gestellt, bis hin zur Arbeit der Hinterbliebenen. “Wir wollen ja nichts Unrechtmäßiges. Wir wollen hier auch keinen Systemumsturz. Wir wollen das gar nicht”, sagt dazu Armin Kurtović in dem Podcast “190220 - Ein Jahr nach Hanau”. “Es wird ja versucht, uns so hinzustellen. Jetzt sind wir auf einmal die Antifa, jetzt sind wir links, jetzt sind wir, was wir gar nicht sind. Wir wollen doch nur, was dieses Grundgesetz uns zusichert, mehr wollen wir doch nicht.”

Man sollte sich öfter vor Augen führen, dass die Tat von Hanau einer der fünf schlimmsten Terrorakte der Nachkriegsgeschichte ist. Mehr Todesopfer gab es nur beim Anschlag auf die israelische Olympia-Mannschaft, dem Oktoberfestattentat und dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz, die jeweils zwölf Leben forderten. Genausoviele Menschen starben beim Brandanschlag von Lübeck, zugleich eines der fatalsten Beispiele für das Versagen der Ermittlungsbehörden. Wie kann es sein, dass dieses Trauma von einer Mehrheit der Bevölkerung nicht ernst genommen wird? Wie kann es sein, dass nach der jahrzehntelangen Serie des rechten Terrors immer noch dieselben Debatten geführt, dieselben Versprechungen gemacht werden?

“Wir hatten 40 Jahre lang Zeit, aus Fehlern zu lernen. Nach dem 19. Februar 2020 ist es zu spät, noch etwas zu lernen”, sagt Emiş Gürbüz, die Mutter des ermordeten Sedat Gürbüz, in einem Video der Initiative 19. Februar Hanau. “Durch ihren Fehler hab ich mein Kind verloren. Ich werde ihn nie mehr wieder sehen. Für uns war der 19. Februar 2020 eine schwarze Nacht. Für Deutschland wird diese Nacht ein schwarzer Fleck bleiben, der niemals weggeht.”

In der Coronakrise wurde und wird viel über Solidarität und Zusammenhalt geredet, vor einer Spaltung der Gesellschaft gewarnt. Die tiefen Gräben, die der Rassismus schon viel länger hinterlässt, bleiben dabei für die weiße Mehrheit erneut ein Nebenschauplatz. Das muss sich dringend ändern - sonst werden wir womöglich eines Tages feststellen, dass die schlimmste unverheilte Wunde des Jahres 2020 nicht eine Folge der Pandemie ist, sondern der schwarze Fleck von Hanau.

Wichtige Initiativen und Projekte:

Video: Der rassistische Anschlag von Hanau