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Kommentar: Angriffe auf Journalisten wird es öfter geben

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 3 Min.
Immer mehr Leute informieren sich nur noch innerhalb ihrer gedanklich festgezimmerten Echokammer statt über traditionelle (und professionelle) journalistische Kanäle. (Symbolbild: Marijan Murat/dpa)
Immer mehr Leute informieren sich nur noch innerhalb ihrer gedanklich festgezimmerten Echokammer statt über traditionelle (und professionelle) journalistische Kanäle. (Symbolbild: Marijan Murat/dpa)

Die Attacken häufen sich. Und der Bedarf, Chronisten auf die Nase zu geben, macht sich breit. Es stärkt ja die eigene Blase.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Und wieder hat es Wumms gemacht. Am vergangenen Mittwochabend erwischte es einen Tontechniker, der zu einem Kamerateam der ARD (Achtung: „Staatsfunk“) gehört, als ein Demonstrant nach ihm trat – es ging um eine spontane Kundgebung vorm Reichstag, um die angebliche Verteidigung der angeblich ausgehebelten Grundrechte wegen Corona.

Solche Attacken verstehe ich nicht. Eine Demo ist im Kern eine öffentliche Angelegenheit, da will man einen Inhalt durch sich sichtbar machen. Eigentlich sollten Journalisten bei einer Demo hochwillkommen sein, verstärken sie doch jene Aufmerksamkeit, die gesucht wird. Und wenn es um die Verteidigung der Demokratie und die Abwehr eines neuen Regimes geht, wie die „Hygiene“-Demonstranten meinen, bräuchten sie für ihr Anliegen eine Menge Aufmerksamkeit.

Aber wie man es als Journalist auch macht, macht man es falsch.

Eine Szene von der „Hygiene“-Demo am vergangenen Samstag in Berlin. Da führten zwei Polizisten einen jungen Mann ab, der rief mehrmals: „Ich wollte doch nur zu meinem Kind!“ Keine Ahnung, ob das stimmte. Die Demonstranten jedenfalls buhten, zwar etwas müde, aber immerhin, und zückten ihre Handys. „Das kommt ins Netz“, rief eine junge Frau. Da kam ein Pressefotograf angelaufen, den Polizisten hinterher. Der wollte auch ein Foto von dem abgeführten Mann machen, da aber kam Bewegung in die Umstehenden. „Ja, schnell laufen, nicht wahr? Ihr Geier!“, rief einer. Und dann plötzlich riefen mehrere: „Lügenpresse, Lügenpresse“.

Merke: Die einen dürfen bildlich dokumentieren, die anderen nicht. Kann mir das jemand bitte erklären?

Eins, zwei, Streiterei

Als ich dann einen Demonstranten später fragte, warum er denn demonstriere, sagte er: „Ich verteidige die Meinungsfreiheit.“ Als ich ihm sagte, die Meinungsfreiheit sei doch gegeben, er könne doch frei reden, schaute er mich überrascht an. Meinte er zuerst, ich sei auch ein Mitdemonstrant? Jedenfalls dauerte es keine zwei Minuten, und er beschimpfte mich als „Schwuchtel“ und „linker Affe“; es gab übrigens eine Menge ziemlich alternativ aussehender Mitdemonstranten, welche die Szene teilnahmslos und schweigend beobachteten; womöglich kehrten sie am Abend in ihre Brandenburger Hippiekommune zurück und erzählten ihrem schwulen Mitbewohner, wie ultracool dieser ganze Widerstand sei.

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Diese Gewalt kommt meist von rechts, aber sie scheint sich zu normalisieren, von einer breiteren Gruppe getragen oder eben schweigend toleriert zu werden. Die Krawalle bei G20 in Hamburg oder in Leipzig zeigten, dass sie auch von links kommt.

Und es wird nicht daran liegen, dass Journalismus in Deutschland im Lauf der Jahre so unheimlich viel schlechter geworden wäre. Auch glaube ich nicht, dass die Geduld der Bürger nun langsam ein Ende finde. Nein: Ein Hauptproblem ist, dass wir Journalisten einen dreckigen Job verrichten, indem wir unserer Chronistenpflicht nachgehen. Da eckt man halt an. Denn die Wirklichkeit kriegt immer mehr Perspektiven.

Das Problem mit den eigenen Wänden

Immer mehr Leute informieren sich nur noch innerhalb ihrer gedanklich festgezimmerten Echokammer. Informationen, die von einer bestimmten Losung abweichen, dringen nicht mehr durch. Die Leute informieren sich weniger über traditionelle (und professionelle) journalistische Kanäle, sondern über Meinungsbeiträge in den Sozialen Medien. Diese sind längst nicht mehr alternativ. Sie sind parallel. Und um Chronik geht es da bestimmt nicht. Denn sowas kann lästig sein.

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Daher gibt es die Angriffe auf Journalisten, und es wird zunehmen. Journalisten sind nämlich potenzielle Eindringlinge in die Blasen. Sie schauen von außen drauf. Und diese eine Spitze erlaube ich mir: Je dümmer die Inhalte, desto stärker der Vorbehalt gegen Journalisten. Was die „Hygiene“-Demonstranten bisher auf die Straße brachten, ist erschütternd dämlich. Da wundert es nicht, dass eine kritische Beobachtung im Zweifel unerwünscht ist.

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