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„Klar, dass das in Tränen endet“

Zdrzalek, Lukas
·Lesedauer: 8 Min.

Gamestop bringt Shortseller in die Bredouille. Jetzt reden mit Fraser Perring und Fahmi Quadir zwei Promis der Zunft, wundern sich über Fehler der Konkurrenz – und erklären, warum die Gesellschaft sie braucht.

Wer diese Tage mit Fraser Perring spricht, erlebt einen Mann, der weder Angst noch Panik verspürt. Er sei, erzählt der bekannte britische Spekulant, gerade noch eine Runde mit dem Hund gegangen. Alles im Lot, alles wie immer also. Oder?

Wenn Perring mit seiner rauen Stimme loslegt, kann man ihn sich gut als Wirt eines britischen Pubs vorstellen, allerdings geht es bei Perrings Auseinandersetzungen um weit mehr als eine blutige Nase bei einer Kneipenschlägerei. Perring gehört einer seltenen Spezies an.

Der Brite aus der Nähe von London ist bekannt dafür, auf fallende Kurse zu setzen und so satte Gewinne einzustreichen. Im Finanzmärkte-Jargon heißen Investoren wie er Shortseller, auf Deutsch Leerverkäufer: Wenn sie Unternehmen attackieren, kann es auch mal um das Wohl und Wehe ganzer Konzerne gehen, weil Perring und Co. ihre Attacken gerne mit Manipulations- und Betrugsvorwürfen garnieren. Sein oder Nicht-Sein, darum geht´s – so wie das dieser Tage wieder einmal der Fall ist.

Das Problem ist nur: Die Vorzeichen haben sich gedreht: Es ist kein Unternehmen unter Druck geraten, sondern das Shortsellertum. Plötzlich steht das Geschäftsmodell von Investoren wie Perring am Pranger, ja sogar infrage. Verkehrte Welt an den Finanzmärkten – und das alles wegen eines vergleichsweisen unwichtigen Unternehmens.

Übers Internet hatte sich ein Schwarm von Privatanlegern zusammengerottet, das Ziel: Den Kurs des taumelnden Einzelhändlers Gamestop nach oben zu treiben – und so die Shortseller aus der Aktie zu drängen, die auf den Kursverfall des Papiers wetteten. Das Ergebnis dieses Unterfangens? Der Kurs der Gamestop-Aktie hat seit Jahresbeginn um mehr als 1300 Prozent zugelegt, eine Aktie kostet inzwischen umgerechnet mehr als 200 Euro.

Derweil wächst sich die Attacke der vielen Klein- gegen die wenigen Großanleger zu einer Art Klassenkampf aus. Ein Trader und Nutzer der Onlinepattform Reddit erklärte in einem offenen Brief, einer der beteiligten Shortseller-Fonds „steht für alles, was ich“ an der Zeit der Finanzkrise „gehasst habe“. Und weiter: „Ihr seid eine Firma, die Geld damit verdient, Unternehmen auszubeuten“. Wer sich dieser Tage bei den Promis der Szene umhört, merkt aber schnell: Sorgen machen sich die Short-Stars trotz dieser Umsturzversuche keine.

Perring sagt: „Ich denke nicht, dass sich mein Geschäftsmodell ändert“. Die Meinung des Briten teilen andere, etwa Daniel Yu, Gründer von Gotham City Research. Er ist in Deutschland wegen seiner Attacken auf die Beteiligungsfirma Aurelius bekannt geworden, Yu findet ebenfalls: „Langfristig wird der Fall nichts bewegen“.

Kurzfristig könne er die bereits laufende Entwicklung beschleunigen, dass einige Hedgefonds vom Markt verschwinden, was nicht nach sonderlich spektakulären Folgen klingt. „Gamestop ist wirklich ein sehr seltenes Beispiel“, meint er. Er sieht sogar Parallelen zu einem deutschen Fall, der verdeutlicht, wie Leerverkäufe funktionieren.

2008 wollte Porsche den viel größeren Konkurrenten VW übernehmen: Dann wurde bekannt, dass Porsche bereits einen Großteil der VW-Aktien besaß, der Kurs stieg. Prompt bekamen Hedgefonds und Shortseller Angst, die auf einen fallenden Kurs gewettet hatten. Der Grund: Investoren setzen auf einen sinkenden Kurs, indem sie sich die Aktie leihen und weiterverkaufen – und hoffen, das Papier später zu einem niedrigen Preis kaufen und zurückgeben zu können. Die Differenz zwischen Ver- und Ankaufspreis, beispielsweise 100 und 20 Euro, ist ihr Gewinn.

Die Leerverkäufer kauften also massenhaft VW-Aktien, um sie an die Verleiher zurückgeben zu können. Die Folge: Ein kometenhafter Preisanstieg bis auf 1000 Euro pro Aktie, die Fonds erlitten herbe Verluste. Bildlich gesprochen: Eine Horde Elefanten rannte zum Ausgang, durch den nur eine Maus passte.

Die Börse nennt das einen Shortsqueeze, die Shortseller werden hinausgedrängt. Etwas Ähnliches ist bei Gamestop passiert: Der Privatanleger-Ansturm führte zum Preisanstieg, die Leerverkäufer rannten zum Ausgang – und die Kurse erreichten neue Höhe. „Neu an diesem Fall an ist nur der exponentielle Preisanstieg“, sagt Perring.

Auch wenn das Phänomen nicht neu ist: Müssen sich Shortseller nicht darauf einstellen, dass es jetzt häufiger auftritt, weil Anleger flott am Handy eine Aktie traden? Die Antwort auf diese Frage lautet: Wohl eher nicht, wenn Leerverkäufer ihr Handwerk beherrschen.

Fahmi Quadir ist erst einige Jahre im Geschäft, aber gilt schon als Star ihrer Zunft. Die junge New Yorkerin mit der Kurzhaarfrisur hat im Sommer 2017 den Fonds Safkhet Capital gegründet, dessen Chefanlegerin sie ist. Das Konzept des Anlagevehikels: einzig und allein Leerverkäufe. Bekannt wurde Quadir, weil sie schon 2018 gegen Wirecard wettete, den inzwischen insolventen Zahlungsdienstleister.

Zwar müssten Shortseller wie sie ständig mit Shortsqueezes klarkommen. Schließlich gebe es sogar spezielle Fonds, die versuchten, aus solchen Situation Profit zu schlagen. Aber Gamestop sei nicht repräsentativ, es sei ein „Freak-Fall“. „Ich wäre erst gar nicht in eine solche Situation reingeraten“, sagt sie. Eine ihrer Leerverkaufswetten mache in der Regel nie mehr als acht bis zehn Prozent ihres Fondsvolumens aus. Sie sagt: „Ich steuere den Fonds so, dass ihn eine einzige Position nicht zerstören kann“.

Es ist eine Regel, die Melvin Capital offenbar noch lernen muss. Der Fonds war lange einer der besten an der Wall Street, allerdings mussten ihn andere Hedgefonds just mit fast drei Milliarden Dollar retten. Der Grund: Melvin Capital hatte sich prominent bei Gamestop engagiert.

Quadir achtet noch auf weitere Punkte: Sie versuche, erste Gewinne mitzunehmen, wenn der Kurs schon mal gefallen sei. Sie hat also nicht die ganze Zeit dieselbe Menge Aktien leerverkauft, sondern reduziert sie – und damit auch ihr Risiko. Zumindest auf dem Papier hätten die Gamestop-Leerverkäufer die Aktie bis Mitte Januar zu halbwegs annehmbaren Preisen zurückkaufen können. Dass ihnen das in der Realität nicht gelungen ist, dürfte auch an einem weiteren Fehler liegen, den sie begangen haben. Sie hatten sich selbst in eine Falle manövriert.

Ob Fahmi Quadir oder Fraser Perrring, beide sind sich einig: „Die Marktkapitalisierung war sehr gering, wir sprechen also über eine vergleichsweise kleine Börsenfirma“, sagt Quadir. Perring ergänzt, dass auch nur ein ganz kleiner Teil der Aktien frei handelbar sei. Tatsächlich besitzen Profiinvestoren einen Großteil der Gamestop-Aktien und bieten sie gar nicht erst zum Kauf an.

Die Folge: Der Ausgang, durch den die Shortseller wollten, ist vom Maus- aufs Ameisenformat geschrumpft – und zusätzlich ist die Zahl der Elefanten angewachsen. So hatten die Shortseller sagenhafte 140 Prozent der frei verfügbaren Gamestop-Aktien leerverkauft. Es ist diese Kombination, die erst den sagenhaften Preisanstieg ermöglicht hat.

Perring kann kaum glauben, dass Investoren trotz dieser Ausgangslage auf fallende Gamestop-Kurse gesetzt haben. „Die Gefahr war verdammt groß, dass es einen Shortsqueeze gibt“ sagt er. Die Konkurrenz hätte Hinweise missachtet, die das Risiko signalisierten. Und dann redet sich Perring erst richtig in Rage.

„Wie ist überhaupt jemand auf die Idee gekommen, dass das funktionieren kann?“. Manchmal seien die Leute einfach „unvorsichtig und bekommen dann eine Lektion erteilt“. Die Gamestop-Shortseller hätten „die Realität komplett ignoriert“, findet er. „Es war klar, dass das in Tränen endet“.

Damit Perring nicht allzu oft weint, hat der Brite „eiserne Regeln“ aufgestellt. So setze er nie bei Unternehmen auf fallende Kurse, deren Aktien zu mehr als 20 oder 25 Prozent leerverkauft seien. Selbst bei Wirecard sei nie mehr als ein Viertel der Papiere geshortet gewesen – und das auch erst kurz vor dem Untergang.

Es existiert noch ein weiterer Punkt, der erklärt, warum Quadir und Perring nicht gegen den Gamestop-Kurs gewettet haben. Er belegt, warum es keineswegs im Interesse von Privatanlegern ist, alle Shortseller zu attackieren – und zeigt, welche Spekulanten-Typen existieren.

Quadir erklärt: „Wir stellen uns gegen Unternehmen, die wir für rücksichtslos, kriminell oder betrügerisch halten.“ Ihr Fonds betreibe tiefschürfende Recherchen, um solche Firmen zu finden. „Ein sterbendes Geschäftsmodell an sich ist für uns kein Grund, gegen eine Aktie zu wetten“.

Perring agiert ähnlich, auch er war bei seinen Recherchen früh auf Wirecard gestoßen und hatte vor dem Zahlungsdienstleister gewarnt. „Diese Herangehensweise unterscheidet mich von den Gamestop-Shortsellern“, sagt Perring. Die haben schließlich keinen Betrug aufgedeckt, sondern halten das Geschäftsmodell des Einzelhändlers schlicht für veraltet.

Perring sieht sich noch stärker als andere Investoren als Überzeugungstäter. So setze er weiter auf fallende Kurse beim deutschen Finanzdienstleister Grenke. Perring hatte den Konzern vergangenes Jahr Bilanzungereimtheiten vorgeworfen, das Unternehmen wies die Vorwürfe zurück. Von Grenke beauftragte Sonderprüfer haben zwar Schwächen gefunden, aber bislang keine harten Belege für die Vielzahl von Perrings Vorwürfen. Im Gegenteil: Die Existenz von Bankguthaben haben die Prüfer sogar bestätigt.

Selbst wenn der Markt gegen ihn sei, wette er weiter gegen Unternehmen. „Nichts Anderes habe ich jahrelang bei Wirecard getan“, sagt er. Der Fall des früheren Dax-Konzerns zeige, warum es nicht im Interesse von Privatanlegern sei, gegen Spekulanten wie ihn vorzugehen. „So verhindern sie doch nur, dass wir sie vor Betrugsfällen schützen“, sagt er.

Perring meint: „Bei Wirecard waren wir immerhin besser als die Finanzaufsicht BaFin“.

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