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Ein Kanzler für die Geschichtsbücher

Helmut Kohl hat sich konsequent auf die historische Figur hin entworfen, als die er der Welt einmal in bester Erinnerung bleiben wollte. Nachruf auf einen Staatsmann, der am Ende ein Opfer seiner Hybris wurde.


Hat die Politik von Helmut Kohl die deutsche und europäische Geschichte mehr beeinflusst als „die Geschichte“ Helmut Kohls Deutschland- und Europa-Politik? Eine Antwort auf diese Frage ist gar nicht so leicht. Aber aufwerfen muss sie, wer sich dem Phänomen Helmut Kohl nähern, sein Regierungshandeln verstehen, seine Lebensleistung einordnen will. Denn Helmut Kohl war der einzige – und vermutlich letzte – deutsche Bundeskanzler, für den Geschichte Erinnerungspflicht und Lehrmeisterin zugleich, aber auch etwas Erhebendes, ja: Waltendes, Geistiges, Göttliches war – etwas, das mächtiger ist als die Welt, von der sie Zeugnis ablegt.

„Geschichte“, so wie Helmut Kohl sie verstand, ist etwas Transzendentes, das in den Menschen west, sie durchflutet, sie mit einem Gefühl von Bedeutung und Verantwortung ausstattet. Konrad Adenauer, der legendäre Gründungskanzler Westdeutschlands, hat in den 1950er Jahren Geschichte gemacht mit Wiederaufbau und Westbindung. Willy Brandt, der große Sozialdemokrat, hat in den 1970er Jahren Geschichte geschrieben mit Entspannung und Ostpolitik. Helmut Kohl allein aber hat in den 1980/90er Jahren Geschichte stilisiert und aufgeladen, vor ihr bestehen und in sie eingehen wollen. Seine Politik allein war „geschichtlich“ im umfassendsten Sinn des Wortes.

Einerseits geprägt von der Erinnerung an deutsche Schuld und millionenfaches Leid, an Krieg und Holocaust, an die Gräuel der Nazis und die Zerstörung Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Andererseits immer auch rührig anverwandelte, emotional vergegenwärtigte, Gegenwart und Zukunft beseelende Geschichtspolitik.



Helmut Kohl hat „Geschichte“ dreidimensional gedacht, als Ereignisgeschichte, Erinnerung und Gedächtniskultur. Als Nacherzählung ferner Zeiten (history) zitierte er sie schuljungenhaft unverblümt (sehr zum Leidwesen seiner Mitarbeiter und Kaminrundenfreunde), als ploetzhistorische Erzählung der Kaiser, Könige und Päpste, der Reiche, Revolutionen und Entscheidungsschlachten. Als frisch erinnerte Zeit seiner Väter und Großväter (memory) fasste er sie gegenwartspolitisch-moralisch auf, als Friedensauftrag und europapolitische Mission. Als bewältigte Vergangenheit und schwarz-rot-gold anverwandelte Zeitgeschichte wiederum (history of memory) schien sie ihm mit Blick auf eine prosperierende Gegenwart und Zukunft vor allem volkspädagogisch gesund und kulturell erbaulich.

Aber Helmut Kohl hat „Geschichte“ nicht nur zur Referenz seiner Politik der nationalen Selbstaussöhnung und ausgestreckten Hand, der gutnachbarlichen Freundschaft und des vaterländischen Stolzes erhoben. Er hat seine Politik auch ex antehistorisiert, sie historisch eingebettet, verortet, überhöht, um sie gleichsam ex post bewundern zu können: aus der Perspektive des Geschichtsbuchs, in das er sich zeit seiner Regierungsjahre eingehen sah. "Kanzler der deutschen Einheit” und "Kanzler der europäischen Einigung” – Helmut Kohl hat sich konsequent auf die historische Figur hin entworfen, als die er der Welt einmal in bester Erinnerung bleiben wollte. Sein Gefühl für den geschichtspolitischen Auftrag war so felsenfest wie seine Überzeugung, der Geist der Geschichte nehme in ihm selbst seine schönste Gestalt an.



Die Geschichtspolitik von Helmut Kohl war daher immer auch Kulissenpolitik. Die Kaiserdome in Aachen und Speyer, die Gräberfelder von Verdun und Bitburg, das Hambacher Schloß, die Berliner Mauer und das Brandenburger Tor – das alles waren Bühnenbilder, in denen er die Vergangenheit vergegenwärtigend inszenierte und sich selbst in zeithistorischer Hauptrolle aufführte. Kohl wollte mit Symbolen, Bildern und Gesten (be-)rühren, nicht zuletzt sich selbst, weshalb ihm sogar das Gedenken an die eigene Kanzlerschaft zum Besinnungsereignis geriet: Mit einem Großen Zapfenstreich nahm Deutschland, nahm Helmut Kohl am 17. Oktober 1998 Abschied von einem großen Staatsmann. Zu den Klängen von Bachs Orgel-Toccata und vor dem Hintergrund des in der Dämmerung angestrahlten Doms in Speyer, der Grablege des Salierkönigs Konrad II., der die Größe und den Glanz der mittelalterlichen Kaiseridee verkörpert, endete die politische Karriere von Helmut Kohl. "Es sind unwiederbringliche Momente“, schreibt der Kanzler damals in sein Tagebuch: „Meine Gefühle lassen sich nicht in Worte fassen.“



Historische Linien

Nicht alle Inszenierungen glücken. Als sich Kohl und der französische Staatspräsident Francois Mitterand am 22. September 1984 in Verdun zum Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft minutenlang die Hände reichen, ist der Spott der Zeitgenossen groß. Das förmliche Erinnern an die Schlacht von 1916 wirkte wie ein diplomatisches Kompensationsgeschäft für die ausdrückliche Nicht-Einladung der Bundesrepublik zur 40-Jahresfeier des D-Day drei Monate zuvor. Es fehlt ein Anlass, ein Ereignis, ein runder Jahrestag; die Geste scheint einstudiert, die Innigkeit berechnet. Vollends daneben gerät wenige Monate später die symbolische Versöhnung mit den USA auf dem Soldatenfriedhof Kolmeshöhe bei Bitburg. Obwohl auch Mitglieder der Waffen-SS hier beerdigt sind, spricht US-Präsident Ronald Reagan nur ganz allgemein von Opfern des Krieges und Tätern, die sich vor Gott zu verantworten hätten, während Helmut Kohl sich eine Träne aus den Augenwinkeln wischt...

Was viele Beobachter damals befremdet, ist nicht die Vorliebe Helmut Kohls für emphatisches Erinnern, nicht seine Neigung, den „Frieden in Europa“, die „transatlantische Freundschaft“ und die „westliche Wertegemeinschaft“ mit symbolischen Gedenkakten zu bekräftigen. Sondern sein Bedürfnis, Deutschland im gemeinsamen Rückblick zugleich rehabilitiert und entlastet zu wissen. Warum sonst spricht Kohl damals von der „Gnade der späten Geburt“? Er tritt den westlichen Partnern als Vertreter einer Nachkriegsgeneration entgegen, die nicht (mehr) haftbar gemacht werden kann für die Verbrechen der Nationalsozialisten, historisiert die Fragen von Schuld und Verantwortung und verallgemeinert „die Kriegsopfer“ auf beiden Seiten, um Verbindlichkeit herzustellen. Sein zeremonielles Trauern ist zutiefst missverständlich, paradox: voller Demut und frei von Bußfertigkeit zugleich – erinnernder Schlussstrich und mahnende Selbstamnestie. Drei Tage nach seiner Bitburg-Visite wird Helmut Kohl von Bundespräsident Richard von Weizsäcker, dem Kanzler seit langem in herzlicher Abneigung verbunden, für seine gefühlig diffuse Geschichtspolitik zurecht gewiesen. „Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung“, stellt Weizsäcker in einer stilbildenden Rede 40 Jahre nach Kriegsende im Deutschen Bundestag klar, und: „Wir dürfen den 8. Mai nicht vom 30. Januar 1933 trennen.“



Richard von Weizsäcker, der kühle Kopf, nicht Helmut Kohl, findet damals die richtigen Worte. Aber Helmut Kohl, der emotionale Macht- und Tatmensch, nicht Richard von Weizsäcker, stellt damals die richtigen Weichen. Gleich nach seiner Wahl zum Regierungschef am 1. Oktober 1982 schlägt er den außenpolitischen Kurs ein, der seine Kanzlerschaft prägen wird – ein Kurs, der auf die Vertiefung der wertegebundenen Freundschaft zu den Vereinigten Staaten und auf die „Irreversibilität“ des europäischen Einigungsprozesses abzielt. Zur Erinnerung: Die weltpolitische Lage ist damals von der Bipolarität des Ost-West-Konflikts bestimmt, von zwei Supermächten, die sich mitten in Deutschland waffenstarrend gegenüber stehen, vom Propagandakrieg zweier Weltanschauungssysteme, die sich mit Vernichtung und Atomtod drohen. Kohl, in historischen Linien denkend, außenpolitisch prinzipienfest bis zur Starrköpfigkeit, zerstreut damals, in einer „Schicksalsstunde Deutschlands“, die Sorgen der Amerikaner, die deutsche Regierung könne einer Friedensbewegung nachgeben, die Hunderttausende von Demonstranten gegen die „Nachrüstung“ mobilisiert. Und Kohl drängt zugleich, in denkbar enger Zusammenarbeit mit dem einstigen Erzfeind Frankreich, auf das, was in Europa heute selbstverständlich geworden ist: auf durchlässige Grenzen und eine eng abgestimmte Sicherheits- und Verteidigungspolitik, auf einen offenen Wirtschaftsraum und eine gemeinsame Währung.

Vor allem aber knüpft Kohl persönliche Beziehungen, die auf Vertrauen und Respekt, auf politische Freundschaft, mindestens aber auf Berechenbarkeit und Verlässlichkeit gegründet sind. Sie werden 1989/90 die Voraussetzung sein für das Gelingen der deutschen Einheit. Der konservative Texaner George Bush sen. (US-Präsident 1989 bis 1993) zum Beispiel ist im Juni 1983 Reagans Vize, als Kohl ihm in Krefeld persönlich sein Wort gibt: Deutschland wackelt nicht beim Nato-Doppelbeschluss. Der stolze Sozialist Francois Mitterrand (Französischer Staatspräsident 1981 bis 1995), der sich vom Ausbau der Europäischen Union einen Prestigeverlust der Grande Nation erwartet und zugleich eine wirtschaftspolitisch dominante Bundesrepublik fürchtet, konvertiert an der Seite Kohls zum Anhänger einer Europa-Politik, die Deutschland aufs Freundschaftlichste fesselt. Selbst Margaret Thatcher (Premierministerin Großbritanniens 1979 bis 1990), die für Kohls geschichtliches Pathos und seine postnationalen Träumereien nur Verachtung übrig hat, die schon früh vor einem europäischen Solidar- und Superstaat warnt und die deutsche Einheit zunächst strikt ablehnt, willigt am Ende in den Souveränitätsvertrag ein: Die Gefahr eines sich sich absichtsvoll verzwergenden Deutschlands, das Brüssel-Europa dominiert, scheint ihr berechenbarer zu sein als die Gefahr einer berlin-deutschen Mittelmacht in einem Europa der Nationalstaaten.


Politisches Meisterwerk

Und Michail Gorbatschow, der KP-Chef in Moskau, der seit 1985/86 versucht, die ihrem Bankrott entgegen stürzende Sowjetunion zu reformieren? Nun, Helmut Kohl hält „Glasnost“ (Offenheit) und „Perestroika“ (Umbau) für reine Entspannungspropaganda, vergleicht Gorbatschows Fähigkeiten in punkto „Public Relation“ mit denen von Joseph Goebbels – und knüpft erst spät (1988/89) Gespräche an, die vor allem um wirtschaftliche Interessen kreisen. Doch als die Mauer fällt, schaltet Kohl flugs um auf joviale Strickjackendiplomatie. Er ringt dem letzten Sowjet die Einheit, kurz darauf auch die Verankerung Gesamtdeutschlands im Westen ab – und heizt die deutsch-russischen Beziehungen mit seiner „Sauna-Freundschaft“ zu Russlands Boris Jelzin auf. Kein anderer verzahnt persönliche Nähe so geschickt mit Realpolitik. Kein anderer übersetzt kühl kalkulierte Interessen so lückenlos in warme, symbolische Bilder. Als politische Zeitzeichen gehen sie bis heute um die Welt. Helmut Kohl – ein früher Meister der „ikonischen Wende“.


Doch die Unbeirrbarkeit Helmut Kohls und seine geschichtlich aufgeladene Politik haben ihren Preis. Der Weg zur deutschen Einheit und zur Verankerung des neuen deutschen Staates im westlichen Institutionengefüge, der Weg in den Euro und zur Osterweiterung der Europäischen Union ist mit deutschen Milliarden gepflastert. Helmut Kohl kauft seine politischen Erfolge ein, auch das gehört zur Wahrheit, und hinter der Kulisse der politischen Freundschaften geht es oft zu wie auf einem orientalischen Basar. Speziell die europäischen Staatschefs lassen sich die obsessive Machtvergessenheit Kohls, seinen postheroischen Internationalismus und seinen ostentativen Willen zur deutschen Selbstbeschränkung reich vergüten. „Jede für Europa ausgegebene Mark ist gut angelegtes Geld“ – davon ist Helmut Kohl, der Anti-Bismarck, überzeugt – und seine Amtskollegen in Paris und London wissen das auszunutzen. Margaret Thatcher braucht das Projekt Europa nur in Frage zu stellen, schon gewährt Kohl ihr den „Britenrabatt“ (1983). Frankreich braucht nur ein wenig zu stöhnen über teure Agrarreformen – schon ist Kohl bereit, die Deutschen zur Kasse zu bitten (1984). Auf dem Höhepunkt seiner Kanzlerschaft, 1990, finanziert die Bundesrepublik fast 70 Prozent der EU-Nettotransfers.


Mit der Einheit nimmt Helmut Kohls „Bimbes-Politik“ beinah’ obszöne Züge an. 18 Milliarden Mark lässt er 1990 für die USA und die Frontstaaten springen, um Deutschland eine militärische Beteiligung am ersten Golfkrieg zu ersparen und die Amerikaner bei Laune zu halten während des Vereinigungsprozesses – mehr als Washington erbeten hat. Mehr als 100 Milliarden Mark überweist Kohl bis 1996 in die Sowjetunion, die osteuropäischen Länder und die GUS-Staaten, sei es für den Abzug der russischen Streitkräfte, sei es in Form von Wirtschaftshilfen, Kreditgarantien, Hermes-Bürgschaften, Investitionszuschüssen. Noch mehr Geld fließt als direkte Aufbauhilfe in die neuen Bundesländer; hinzu kommen die Kosten für die Währungsumstellung, Sozialtransfers, die Beseitigung von Altlasten.

Kohl ist damals wie im Rausch. Plötzlich ist es, als fügten sich alle Mosaiksteine seiner Außenpolitik zu einem politischen Meisterwerk, als sei all’ sein Wirken zwangsläufig auf diesen welthistorischen Moment hinaus gelaufen: auf das denkbar beste Ende eines fürchterlich gewaltsamen 20. Jahrhunderts. Kohl spürt den „Rockzipfel der Geschichte“, fühlt sich wie ein Werkzeug von Hegels Weltgeist, der alles zum Besten ordnet. Er will „blühende Landschaften“ herbei zaubern, Deutschland mit Polen, Tschechien, Ungarn und Europa mit sich selbst versöhnen – und er wischt mit der Nonchalance eines Traumwandlers die Bedenken derer beiseite, die er im göttlichen Moment glückender Geschichte nur für Knauser und Knicker, für politische Kleinkrämer und ökonomische Erbsenzähler halten kann. Geld? Was für eine Profanität: „Zur Not drucken wir halt ein bisschen mehr.“


Regno, ergo sum

Kein Wunder, dass Kohl es auch mit der Stabilität der D-Mark nicht so genau nimmt. Nach der geglückten deutschen Einheit muss es jetzt auch schnell vorwärts gehen mit den „Vereinigten Staaten von Europa“. Die politischen Lokomotiven in diesem Prozess sollen eine zügige Osterweiterung der EU und eine gemeinsame Währung sein. In Frankreich, das sich gerade von einer Franc-Krise erholt hat, kann man sich 1988 nicht einmal im Traum vorstellen, dass Deutschland auf die D-Mark verzichtet: „Die Macht Deutschlands“, weiß Mitterrand, „beruht auf der Wirtschaft, und die D-Mark ist Deutschlands Atombombe.“ Doch Kohl („Führen heißt, eine Vision in die Realität umsetzen.“) ist auch diesmal bereit, Deutschland zur europäischen Subsidiarmacht zu schrumpfen – koste es, was es wolle. Gegen den Willen seiner Finanzminister, gegen den Einspruch der Bundesbank und erst recht gegen die Wirtschaftsdaten einiger Euro-Länder, verzichtet Kohl auf Deutschlands Status einer finanziellen Nuklearmacht und setzt 1991 in Maastricht seinen Fahrplan zur Währungsunion durch. Der Euro soll forcieren, was geschehen muss, weil in den Geschichtsbüchern von morgen geschrieben steht: Und siehe, Europa ward friedlich, einig, eins. Noch 2002, bei der Einführung des Euro, ist Kohl von der historischen Tragweite seiner Entschlusskraft, vom „Geist der Geschichte“ ergriffen: „Ich bin mir sicher: In fünf oder sechs Jahren werden auch die Briten mit dem Euro zahlen… In zehn Jahren wird es die einheitliche Währung auch in Zürich geben.“


Man hat Kohl viel vorgeworfen, damals und heute: ruchlosen Optimismus (Wilhelm Hennis), politischen Unverstand (Johannes Gross), einen merkwürdigen Willen zur „währungspolitischen Selbstentmächtigung Deutschlands“ (Hans Peter Schwarz). Diese Rügen treffen ins Schwarze – und doch auch wieder nicht. Denn der stupenden Naivität, mit der sich Kohl Europa „als großen, farbenprächtigen Blumenstrauß“ vorstellte, stand eine störrische Unbeirrbarkeit entgegen, mit der er die EU – das avantgardistischste internationale Projekt der Nachkriegszeit – seiner mutmaßlichen Vollendung entgegentrieb. „Die Alternative heißt, zurück zu Wilhelm II., das bringt uns nichts“, sagte Kohl – er war der letzte deutsche Kanzler, der überhaupt noch fähig war, einen solchen Satz zu denken. Ein visionärer Kanzler, der Deutschlands Zukunft konsequent von der Vergangenheit her entwarf, das heißt: von der Geschichte eines Landes, das seine historische Schuld zur Staatsräson und zum postnationalen Programm erhoben hatte. Anders gesagt: Kohl war, im neutralen Sinn des Wortes, ein Mann von gestern. Er hat im Blick zurück alles richtig gemacht – und war eben deshalb im Blick nach vorn beängstigend scheuklappenblind. Margaret Thatcher hat bereits 1989 beeindruckend scharf gesehen, in welche Verwicklungen Kohl das Land mit seiner Geschichtsbesessenheit führen wird: „Weil die Deutschen eine Scheu davor haben, sich selbst zu regieren, versuchen sie ein europaweites System zu schaffen, in dem sich keine Nation mehr selbst regiert… Wenn die Deutschen glauben, auf diese Weise ihre Probleme lösen zu können, unterliegen sie einem Trugschluss.“

Ein Mann von gestern war Kohl auch in der Innenpolitik. Seine Kanzlerschaft (1982 – 1998) ist zweifellos der Schlussstein der Bonner Republik – und es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet er mit der Steuerung des neuen, vereinten Deutschlands in einer blockfreien, globalisierten, technisch vernetzten Welt überfordert war. Kohl bringt, spätestens seit seiner Wiederwahl 1994, nicht mehr die Kraft auf, der sozial-korporativen Marktwirtschaft einen frischen Anstrich zu geben. Die Deutschland AG tuckert wie ein verrosteter Supertanker durchs neuerdings umtoste Weltwirtschaftsmeer… Haushaltsnöte und Zinszahlungen fressen seine Bimbes-Spielräume auf… Die Zahl der Arbeitslosen verdoppelt sich auf vier Millionen… – allein Kohl sieht sich von lauter Miesmachern umstellt, bunkert sich in ein System von Macht, Gefolgschaft, Treue ein, doziert stundenlang über alle Einwände hinweg. Mit Wolfgang Schäuble, dem Fraktionschef der Union im Bundestag, kommt es damals zum Zerwürfnis. Kohl trägt ihm seine Nachfolge an, verspricht ihm die Staffelübergabe bis 1998. Doch weil der Kanzler sich inzwischen von Zweiflern, Kritikern und Feinden umstellt sieht und Schäuble auf Einhaltung des Versprechens drängt, heizt er seinerseits das Klima des Misstrauens an, um den innerparteilichen Machtkampf auf die Spitze zu treiben und sich noch einmal als Meister des politischen Hauptfachs zu erweisen: Regno, ergo sum – ich walte, also bin ich. 


Helmut Kohl, die Machtmaschine

Helmut Kohl, die Machtmaschine – man darf nicht vergessen, dass es ihr in jungen Jahren nicht an inhaltlichen Antriebsstoffen fehlte. Kohl steigt in der rheinland-pfälzischen CDU als polternder, polemischer Modernisierer auf. Er glänzt durch politische Omnipräsenz im Stadtparlament von Ludwigshafen, im Vorstand der Landes-CDU und in der Landtagsfraktion und ist permanent damit beschäftigt, Mehrheiten für seine Positionen zu organisieren. 1966 erringt er den Parteivorsitz im Land, 1969 wird er Ministerpräsident, 1973 erobert er die Spitze der CDU. Kohl gibt sich bürgernah und diskussionsoffen und überzieht das Schlusslicht-Bundesland Rheinland-Pfalz mit Reformen. Er ordnet Regierungsbezirke neu und gründet Universitäten, beschleunigt den Strukturwandel und siedelt Industriebetriebe an, reformiert das Gefängniswesen und öffnet Konfessionsschulen – und er steigt dadurch zum „Kurfürsten von Mainz“ (Hans Peter Schwarz) auf, der Journalisten gerne zum Tafeln in die Staatskanzlei einlädt, um sich von ihnen als Mann der Tat, des Machtwillens und des herablassenden Spotts bewundern zu lassen. Schon damals verbreitet Kohl die sonnenkönigliche Aura eines Menschen, der im Glanze seiner imposanten Leiblichkeit zum natürlichen Anziehungspunkt eines jeden Raumes wird, den er betritt. Schon damals tritt er mit der biedermeierlich-barocken Brutalität seiner politischen Urteile in Erscheinung. Schon damals fällt er mit gemütlicher Saumagen-Kälte seine Verdikte über jeden, der sich seinem Machtanspruch zu entziehen gedenkt.


Kohl ist kein glänzender Redner, kein intellektueller Feingeist – vielen, die mit ihm aufsteigen, stößt seine bräsig-rohe Selbstherrlichkeit auf, auch seine ausgeprägte Bereitschaft, von sich selbst gerührt zu sein. Die bösen Urteile über seine rhetorische Ungeschliffenheit, seine volkstümelnden Hölderlin-Patriotismus, seine jungenstolz walzende Kraftnatur sind Legende. „Vorsitzender der Mainzer Provinzialregierung“ spottet Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) 1976 – und Franz-Josef Strauß (CSU), der schnaufende Polterer aus München, mit dem sich Kohl bis 1980 ein Duell auf offener Politbühne liefert, spricht ihm schlicht das Format eines Staatsmannes ab: „Helmut Kohl wird nie Kanzler werden. Der wird mit 90 Jahren Memoiren schreiben: Ich war 40 Jahre lang Kanzlerkandidat. Lehren und Erfahrungen aus einer bitteren Epoche.“ Doch Kohl, „der Dicke“, wie er bald genannt wird, die „Birne“, die „Riesenschildkröte“, legt sich einen Trotzpanzer zu, steckt alle Tiefschläge ein – und schlägt mit der Schwinge eines taumelnden Schwergewichtsboxers zurück. Nach seiner missglückten Kandidatur (1976) und der erfolglosen Bewerbung von Strauß (1980) bringt er 1982 große Teile der FDP an seine Seite, stürzt Schmidt vom Kanzlerthron und steht endlich da, wo er seiner Auffassung nach hingehört, an der Regierungsspitze Deutschlands: Helmut Kohl, „weder ein Fachmann noch ein Dilettant“, so Richard von Weizsäcker mit blankem Sarkasmus, „sondern ein Generalist mit dem Spezialwissen, wie man politische Gegner bekämpft.“

Die dröhnende Machtarroganz von Helmut Kohl – das ist das Eine. Das andere ist die vernichtende Herablassung, die Kohl zeit seines politischen Lebens von Parteifreunden und Leitmedien entgegen schlägt. Die „geistig-moralische Wende“, die er dem Land verordnet, weil er bei den Deutschen ein Patriotismusdefizit diagnostiziert hat, der verordnete Bau zweier schwarz-rot-gold glänzender Museen, das falsche Geschichtspathos mit Reagan und Mitterrand, die Wahlkampflüge von den „blühenden Landschaften“, seine Vorlieben fürs Pfälzische und Pfadfinderische, fürs Wandern und den Wolfgangsee, für Zierfische und Pfeifenrauch – permanent stellt man ihm das Zeugnis intellektueller Dürftigkeit aus, zeiht ihn der personifizierten Provinzialität, des regierungsamtlich gewordenen Kleingeistes. Kein Kanzler vor und nach ihm ist derart persönlich diskreditiert worden – für das, was er ist. Auch deshalb zwingt Kohl alle Nörgler und Besserwisser in den Staub, die ihn für eine „politische Null“ (Kurt Biedenkopf) halten. Auch deshalb gleichen Partei und Kanzleramt 1998 spätmittelalterlichen Fürstenhöfen, an denen Angst, Gehorsam, Gunsterweis und Vasallentreue herrschen. Kohls Macht ist damals längst zu ihrem bloßen Erhalt versteinert, sein „Aussitzen“ von Problemen zum Stilbegriff des politischen Stillstands geworden. Kohl tritt nichts als Kanzler ab, sondern als Denkmal seiner selbst – ist endlich: Geschichte.


Was bleibt von Helmut Kohl?

Aber halt, natürlich, da fehlt noch was: das hässliche, erschütternde Postskriptum. Helmut Kohl wird von der Geschichte eingeholt, genauer: von seiner Geschichte – von seiner Bimbes-Politik, von seiner verletzten und verletzenden Art, von seiner Denkmalhaftigkeit. Die CDU-Schwarzgeldaffäre, in deren Zentrum ein von Kohl installiertes System geheimer Konten zur Verschleierung von illegalen Parteispenden steht, reißt die Union 1999 beinahe in den politischen Abgrund. Kohl behindert die Aufräumarbeiten, betreibt den Sturz von Parteichef Wolfgang Schäuble und vereitelt die Strafverfolgung der Spender. Er wird in der CDU zur persona non grata erklärt; an Jahrestagen der deutschen Einheit ehrt man nicht ihn, sondern sein Standbild. Im Juli 2001 scheidet Kohls Ehefrau Hannelore nach langer Krankheit aus dem Leben; seit 2005 lebt er an der Seite seiner zweiten Frau Maike Kohl-Richter. Kohls Söhne sind 2008 nicht zur Hochzeit eingeladen; sie werfen Maike Kohl-Richter „Heldenverehrung“ vor, es kommt zum Zerwürfnis: „Besuche sind nicht möglich. Es wurde uns mit Verhaftung gedroht – vor dem eigenen Elternhaus.“ Kohls Gesundheit ist seit Jahren labil; seit 2008 ist er infolge eines Sturzes schwer gezeichnet von einem Schädel-Hirn-Trauma: Das Sprechen fällt ihm schwer, und er benutzt bei seinen seltenen öffentlichen Auftritten einen Rollstuhl. Trotzdem bringt er die Kraft auf für das Schreiben seiner Memoiren – und für Rechtsstreitigkeiten mit seinem Ghostwriter Heribert Schwan, dem er die Verbreitung unautorisierter Zitate untersagen lässt.

Was also bleibt von Helmut Kohl? Nun – exakt das, wovon er träumte: die Erinnerung an den „Kanzler der deutschen Einheit“ und an den „Kanzler der europäischen Einigung“. Sicher, der ökonomische Preis seiner postnationalen Europapolitik wird heute viel höher veranschlagt als damals – und die politische Dividende niedriger. Mehr noch: Der EU droht heute ausgerechnet von Seiten jener Gefahr, die Europa als politischen Wert an sich verheiligen, es sich gleichzeitig zur Beute ihrer nationalen Egoismen machen und meinen, es mit dem ökonomischen Einmaleins nicht so genau nehmen zu müssen. Kohl selbst hat sich das Ausmaß falsch verstandener Solidarität nicht vorstellen können und den Kosten des Euro die Chancen eines integrierten Wirtschaftsraumes entgegengehalten, nicht zuletzt für die deutsche Exportindustrie – ein Argument, das in Stellungnahmen von Verbandsvorständen und Top-Managern bis heute nachhallt. Unumstritten bleiben seine Verdienste um die deutsche Einheit. Kohl hat damals, als Intellektuelle, Linksliberale und Politiker aller Parteien feuilletonistischen Gespenstern von Zweistaatlichkeit und Kulturnation nachjagten, das „Fenster der Geschichte“ aufgehen sehen und mit mutiger Entschlusskraft die Weichen gestellt für die blockfreie, dezentrierte Welt, in der wir heute leben. Es ist töricht, Kohls beherzte Politik gegen auf die aufopferungsvolle Freiheitsbewegung in der DDR oder Gorbatschows Perestroika auszuspielen, um seine, ja: historische Großtat zu relativieren. Für den langen Moment der Weltwende 1989/90 schien Helmut Kohl damals das „Ende der Geschichte“ gekommen, schienen historischer Auftrag, programmatische Mission und eine sich gegenwärtig vollziehende politische Wirklichkeit ineinander zu fallen: Geschichte als Subjekt – Helmut Kohl ihr Werkzeug. Man hat ihn sich in jenen Monaten als glücklichen Menschen vorzustellen.