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Kürzere Wege, weniger Verspätungen: Das sind Brüssels Pläne für den Himmel über Europa

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Wenn es nach der EU-Kommission geht, sollen Airlines den Luftraum über Europa künftig besser nutzen und so die Treibhausgas-Emissionen senken. Doch wieso kommt Brüssel erst jetzt auf die Idee?

Künftig soll der Luftraum über Europa effizienter genutzt werden. Das soll Geld sparen und das Klima schonen. Foto: dpa
Künftig soll der Luftraum über Europa effizienter genutzt werden. Das soll Geld sparen und das Klima schonen. Foto: dpa

Wenn Adina Valean dieser Tage in den Himmel über Brüssel blickt, sieht sie strahlendes Blau – aber kaum ein Flugzeug. Seit Monaten herrscht im Luftraum über Europa wegen der Corona-Pandemie die große Leere. Doch die EU-Verkehrskommissarin arbeitet in ihrem Büro am Brüsseler Berlaymont-Gebäude bereits intensiv an den Plänen für die Zeit danach.

Am Mittwoch hat die Rumänin nun ihre Vision für den europäischen Luftraum der Zukunft vorgestellt. Das Ziel: Flugrouten sollen kürzer werden, und dadurch sollen die Emissionen im Luftverkehr sinken. Bis zu zehn Prozent an CO2 ließen sich so einsparen, rechnet die frühere Mathematiklehrerin vor. Zudem sollen Flüge künftig kostengünstiger und pünktlicher werden. „Wir geben der Luftfahrtindustrie Anreize, umweltfreundlicher zu werden“, fasst Valean die Pläne zusammen.

Für den Vorstoß bekommt die Verkehrskommissarin zwar Lob, doch mancher Experte wundert sich, weshalb der Vorschlag aus Brüssel so lange auf sich warten ließ.

Trotzdem ist Valean von ihrem Vorhaben überzeugt. Denn auch, wenn es derzeit nicht danach aussieht: Am Himmel über Europa herrscht normalerweise dichtes Gedränge. Zu allem Überfluss bewegen sich Flugzeuge häufig im Zickzackkurs zwischen verschiedenen Luftraumblöcken. Das sorgt für mehr Verspätungen und höheren Treibstoffverbrauch, bemängelt die Kommissarin. Für Abhilfe soll nun ein effizientes Flugverkehrsmanagementsystem sorgen – mit direkteren Routen und weniger Energieverbrauch.

Einen Schlüssel für die Lösung des Problems sieht Valean in der besseren Nutzung von Verkehrsdaten. So soll der Markt für Datendienste im Luftfahrtmanagement geöffnet werden. „Wir versuchen, einen Markt für Wettbewerb im Datenverkehr zu schaffen“, sagt die Kommissarin.

Ehrgeizige Ziele

Aber auch bei der Überwachung des Luftraums sieht die Rumänin noch Verbesserungspotenzial. Denn den Himmel über Europa haben die 27 Mitgliedstaaten unter sich aufgeteilt. Valean will die Überwachung nun grundsätzlich modernisieren.

Dabei geht es nicht nur ums Klima, sondern auch ums Geld. Nach Kommissionsangaben sorgten Verspätungen im vergangenen Jahr für Mehrkosten von rund sechs Milliarden Euro. Und die CO2-Emissionen seien dadurch um knapp zwölf Millionen Tonnen gestiegen.

Die Vorschläge, um durch effizientere Flugrouten die Treibhausgase zu senken, sind Teil der ehrgeizigen Klimaziele der Kommission. Präsidentin Ursula von der Leyen hatte erst in der vergangenen Woche angekündigt, die Reduzierung von Treibhausgasen von bislang 40 auf 55 Prozent bis zum Jahr 2030 zu erhöhen.

Noch sind die Pläne der Kommission nicht offiziell. Rat und Europaparlament müssen erst noch zustimmen. Die Kommissarin macht Druck: „Ich würde ihnen empfehlen, schnell eine Entscheidung zu finden, damit wir loslegen können“, sagt Valean.

Im Europaparlament kommt der Vorstoß der Kommission gut an. „Der einheitliche europäische Luftraum ist der schnellste Weg, die Luftfahrt klimafreundlicher zu machen“, sagt der verkehrspolitische Sprecher der CSU im Europäischen Parlament, Markus Ferber. Es gehe darum, Flugrouten so kurz wie möglich zu planen. „Die Rechnung ist einfach: Zehn Prozent kürzere Strecke bedeutet zehn Prozent weniger Schadstoffausstoß. Es gibt keine andere Maßnahme, die auf einen Schlag eine derartige Schadstoffreduktion bewirken könnte.“

Ein Flickenteppich am Himmel

Doch Ferber wundert sich, weshalb die Kommission das Thema erst jetzt für sich entdeckt. „Der europäische Himmel ist immer noch ein Flickenteppich nationaler Regelungen, die Flugrouten haben sich zum Teil seit den 1960er-Jahren nicht verändert. Heute ist jeder Flug im Schnitt 49 Kilometer länger als die Luftliniendistanz. Da ist noch viel für den Klimaschutz rauszuholen“, rügt Ferber. Bereits seit 17 Jahren arbeitet die Kommission daran, die Fragmentierung zu verringern. Eine Revision des europäischen Luftraums wurde bereits 2013 vorgeschlagen. Die Verhandlungen kamen aber anschließend nicht voran.

Unterdessen plagen die Airlines derzeit ganz andere Sorgen als ihr ökologischer Fußabdruck. Angesichts des extremen Rückgangs der Passagierzahlen geht es für viele Unternehmen ums nackte Überleben. Zur aktuellen Situation nahm die Verkehrskommissarin am Mittwoch allerdings nicht Stellung.