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Der Joe Biden-Effekt: US-Autokonzerne investieren massiv in E-Autos

Kort, Katharina Demling, Alexander Jahn, Thomas
·Lesedauer: 6 Min.

Die Autobauer aus Detroit haben den Trend der E-Mobilität größtenteils verschlafen. Unter der neuen Regierung beginnt nun die Aufholjagd auf Tesla.

Joe Biden ist gerade einmal drei Wochen im Amt. Doch er wirkt: Die traditionellen Hersteller aus Detroit überstürzen sich mit Ankündigungen zu Investitionen in E-Mobilität. So auch Mary Barra. Die Chefin von General Motors erklärte am Mittwoch, allein in diesem Jahr sieben Milliarden Dollar in die Entwicklung von E-Autos zu stecken.

Die GM-Chefin hatte bereits vor zwei Wochen die komplette Elektrifizierung der Modellpalette bis 2035 angekündigt. Dafür will sie bis 2025 insgesamt 27 Milliarden Dollar investieren. Ford zog eine Woche später nach und will nun bis 2025 immerhin 22 Milliarden Dollar in E-Autos investieren. „Wir beschleunigen alle unsere Pläne“, sagte CEO Jim Farley.

Das ist neu. Mit Tesla haben die USA zwar den weltweit wichtigsten Treiber der Elektromobilität. Aber die großen Traditionskonzerne haben lange geschlafen. Nun haben die Erfolge von Elon Musk die Vorstände in der Autostadt Detroit doch aufgerüttelt. Mit dem Amtsantritt der neuen Regierung in Washington haben die „großen drei“ noch endgültig die Kehrtwende zur Elektromobilität eingeschlagen.

„Präsident Joe Biden ist gegenüber E-Autos deutlich positiver eingestellt als die vorherige Regierung“, stellt Michelle Krebs, Chefanalystin von Cox Automotive fest. So habe Biden Donald Trumps Klage gegen Kalifornien zurückgezogen. Trump hatte dagegen geklagt, dass sich Kalifornien eigene, strengere Emissionsauflagen gibt. Zudem ist Biden dem Pariser Klimaabkommen wieder beigetreten und hat einen Zwei-Billionen-Dollar-Plan zur Bekämpfung des Klimawandels vorgelegt: Neben Steuervergünstigungen zählt dazu auch der Aufbau eines landesweiten Ladenetzes. Bundesbehörden und das Militär sollen künftig elektrisch fahren.

Noch „hinken die USA China und Europa allerdings weit hinterher“, sagt die Branchenkennerin Krebs. Der Elektroanteil bei den Neuwagen beträgt derzeit rund zwei Prozent. Europa kommt nach jüngsten Zahlen auf einen E-Anteil von zehn Prozent, Plug-in-Hybride eingerechnet. Doch das könnte sich nach Ansicht der Analysten von Evercore mit dem neuen Kurs in Washington bald rasant ändern. Sie rechnen damit, dass die E-Autos schon in vier Jahren 25 bis 30 Prozent der Neuzulassungen in den USA ausmachen werden – das wären bis zu fünf Millionen Stück pro Jahr.

GM ist am stärksten aufgestellt

Auch wenn Detroit die Kehrtwende einleitet: Bisher stehen Tesla und Volkswagen im Rennen um die Elektro-Vorherrschaft eindeutig vorn. VW investiert bis 2024 rund 35 Milliarden in die E-Mobilität. Bis 2030 wollen die Wolfsburger 26 Millionen E-Autos produzieren. Aber insgesamt können es die US-Autohersteller mit den Deutschen aufnehmen. Das ergibt eine aktuelle Analyse des Center of Automotive Management. Das deutsche Forschungsinstitut analysierte alle Hersteller auf ihre Innovationsstärke in Sachen Elektromobilität, in Kategorien wie Reichweite, Ladeleistung, Beschleunigung oder Stromspeicherkapazität.

Laut Innovationsranking ist GM am stärksten unter den „großen dreien“. Der Konzern konnte zwei Plätze im Vergleich zum Vorjahr gutmachen. Auch Fiat Chrysler und Ford verbesserten sich, liegen aber mit Platz 14 und 17 immer noch enttäuschend weit hinten. Allerdings: Auch Daimler und BMW schaffen es nur ins Mittelfeld.

In Detroit hat GM unter Barras Führung als Erstes auf die neue Welt jenseits des Verbrennungsmotors gesetzt. Bis 2035 sollen alle Autos, die aus den GM-Werken kommen, auf Batterie-Antrieb basieren. Bis 2025 will Barra jährlich eine Million Elektroautos verkaufen und würde damit sogar an Tesla vorbeiziehen.

GM gilt unter Analysten vor allem wegen seiner Batterietechnologie als ernst zu nehmender Spieler in der neuen E-Autowelt. Neben Volkswagen und Tesla ist GM einer der wenigen Hersteller, die ihre eigene Batteriefabrik bauen. Die Ultium-Batterien sollen laut GM Reichweiten von einem E-Fahrzeug von bis zu 720 Kilometern garantieren.

Ford bleibt hintenan

Durch die Beimischung von Aluminium brauchen die GM-Speicher außerdem weniger von dem seltenen Kobalt, was sie günstiger und nachhaltiger macht. „Unsere Ultium-Batterien kosten schon jetzt 40 Prozent weniger als die im Bolt und die nächste Generation sogar 60 Prozent weniger“, sagte Barra am Mittwoch. Bis 2025 will GM insgesamt 30 verschiedene E-Modelle auf den Markt bringen. Noch Ende dieses Jahres soll etwa die elektrische Version des Riesen-SUV GMC Hummer auf die Straße.

Ford hat wohl den größten Nachholbedarf. Der Konzern hatte sich 2017 mit Jim Hackett eigentlich extra einen autofernen Außenseiter an Bord geholt, um Ford in die Zukunft zu führen. Doch auch unter ihm ging die Kehrtwende nur langsam voran. Im Herbst übernahm der Elektrofan Jim Farley. Der plant nun 22 Milliarden Dollar Investitionen in E-Mobilität bis 2025.

Bisher hat Ford nur den amerikanischen Kultwagen Mustang Mach-E als reines E-Auto auf dem Markt. Der Analyst Emmanuel Rosner von der Deutschen Bank begrüßt den neuen Kurs bei Ford. „Das zeigt, dass der neue CEO Jim Farley die Transformation des Unternehmens Richtung elektrische und vernetzte Zukunft wirklich beschleunigt.“ Investoren warteten jedoch gespannt auf die Details, die Ford im Frühjahr bekannt geben will.

Die genauen Angaben zu den E-Auto-Plattformen, der Performance der Batterien und Volumenziele werden zeigen „ob das Unternehmen eines Tages ein glaubwürdiger Auto-2.0-Spieler werden kann“, schreibt Rosner. Fords größter Vorteil gegenüber seinen fortgeschrittenen Konkurrenten: Der Konzern kann noch von Steuervergünstigungen in Höhe von 7500 Dollar pro Auto profitieren, die Tesla und GM bereits ausgeschöpft haben.

Stellantis, das aus der Fusion von Fiat Chrysler und PSA hervorgegangen ist, hat bisher noch die zaghaftesten Pläne. Der Konzern mit seinen 14 Marken von Jeep über Alfa Romeo bis Peugeot will in den kommenden vier Jahren sämtliche Modelle auch als Hybrid- oder als reines E-Modell herausbringen. Detailliertere Pläne wird CEO Carlos Tavares vielleicht bei der Vorstellung der Quartalszahlen am 3. März präsentieren.

US-Markt schrumpft

In dem Ranking des Center of Automotive Management schafft es PSA immerhin auf Platz sieben, Fiat Chrysler gerade einmal auf Platz 14. Vor allem unter dem langjährigen Vorstandsvorsitzenden Sergio Marchionne hatte der Konzern Zukunftsthemen wie E-Mobilität und autonomes Fahren vernachlässigt und lieber auf die lukrativen SUVs und Pick-ups gesetzt.

Noch bleibt Tesla mit Abstand der größte E-Auto-Hersteller der USA. Der Pionier der Branche steht dennoch stark unter Druck. Nach seiner Raketenfahrt im Jahr 2020 vom kriselnden Autobauer zum wertvollsten Konzern der Branche muss Tesla die gewaltigen Erwartungen der Börse erfüllen. Nach rund 500.000 verkauften Autos weltweit will Elon Musk in diesem Jahr die Marke von 750.000 klar überspringen.

Der US-Markt spielt dabei eine große Rolle. Während Tesla in Europa bereits 2020 weniger E-Autos verkaufte als der Volkswagen-Konzern oder Renault, führte der Pionier die Elektro-Verkaufsstatistik in seinem Heimatmarkt 2020 noch klar an.

Doch der US-Markt für Elektroautos ist 2020 schon zum zweiten Mal in Folge geschrumpft, von 361.000 verkauften Modellen im Jahr 2018 auf zuletzt 296.000 im vergangenen Jahr. Das Energiemarkt-Analysehaus S & P Platts Analytics geht in einer Prognose von Ende Januar davon aus, dass sich der Absatz erst 2022 wieder von der Coronakrise erholen wird, um dann bis 2025 auf mehr als eine Million zu steigen.

Dabei sind mögliche neue Subventionen unter Biden jedoch noch nicht mit eingerechnet. Musk scheint jedenfalls zuversichtlich, seinen Teil des Kuchens verteidigen zu können: In diesem Jahr noch soll Teslas zweites US-Werk in Austin Autos produzieren.