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It's the economy, stupid: Drei Gründe, warum Biden die US-Wahl gewonnen hat

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Der designierte US-Präsident gilt als Brückenbauer und erfahrener Krisenmanager. Aber auch eine alte Wahlkampfweisheit zur Wirtschaft spricht für ihn.

Der Wahlkampf hätte unterschiedlicher nicht sein können. Der amtierende US-Präsident Donald Trump hat das Bad in der Menge gesucht, setzte trotz Pandemie und entgegen dem Rat seiner Epidemiologen auf große Wahlkampfveranstaltungen, bei der seine Fans dicht gedrängt nebeneinanderstehen.

Sein Herausforderer Joseph Robinette – kurz: Joe – Biden jr. dagegen vermied solche Veranstaltungen bewusst. Er setzte auf kleinere Events mit strenger Maskenpflicht und Abstandsregeln. Immer wieder sprach er auf großen Parkplätzen bei sogenannten „Drive-in Rallys“ – bei der seine Anhänger mit dem Auto vorfuhren.

So auch am Samstagabend, als er in seiner Heimatstadt Wilmington, im US-Bundesstaat Delaware, seine Siegesrede hielt. Das sorgte im Verlauf der Kampagne für weniger eindrucksvolle Bilder, als Trump sie, etwa durch Einsatz der Präsidentenmaschine Air Force One, erzeugen konnte. Doch die Strategie ging am Ende auf. Warum Joe Biden die Präsidentschaft für sich entscheiden konnte, hat vor allem drei Gründe.

1. Erfahrung mit Krisen

Als Vizepräsident von Trumps Vorgänger Barack Obama trat Biden 2008 an, als sich Amerika mitten in der Finanzkrise befand. Die Regierung brachte die Wirtschaft und die Aktienmärkte Stück für Stück zurück in ruhigere Fahrwasser. Die umfassende Finanzreform, die 2010 verabschiedet wurde, ist heute ein wichtiger Grund dafür, dass große Banken bislang vergleichsweise gut durch die Coronakrise gekommen sind.

Auch der Leitindex S & P 500 legte in Obamas erster Amtszeit stärker zu als unter Trump, auch wenn der Republikaner immer wieder versuchte, die Rekordstimmung an der Wall Street sich selbst zuzuschreiben. Biden gilt daher als krisenerprobt. Viele Wähler trauen ihm eher als Donald Trump zu, die Pandemie unter Kontrolle zu bringen.

Schon seit März lässt sich der Demokrat regelmäßig von Experten beraten. Am Montag will er eine offizielle Corona-Taskforce einberufen, um gleich zu Beginn seiner Amtszeit bestmöglich auf die Pandemie reagieren zu können.

Derweil erkrankte in der heißen Phase des Wahlkampfes Präsident Trump selbst an Corona. Kurz darauf stiegen die Fallzahlen in den USA dramatisch an, auch in jenen Bundesstaaten, in denen Trump klassischerweise hohen Rückhalt genoss.

Am Anfang konnten viele, vor allem ländlich geprägte Staaten die Krise noch ignorieren, weil das Infektionsgeschehen weitgehend in großen Städten wie New York und Los Angeles stattfand. Das gilt jedoch längst nicht mehr. Trumps Zusicherungen, dass das Virus unter Kontrolle sei und „bald vorbei“ gehen werde, wurden immer wieder wiederlegt.

Auch für eine andere Krise ist Biden besser gerüstet: Waldbrände in noch nie da gewesenem Ausmaß wüteten in diesem Sommer in Kalifornien, den Staaten Washington, Oregon und Colorado.

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Für eine ganze Reihe von Amerikanern fühlt sich der Klimawandel sehr real an. Bidens Klima-Plan, der Investitionen in erneuerbare Energien und „grüne Jobs“ verspricht, fand Anhänger. Auch wenn angesichts der noch unklaren Mehrheitsverhältnisse im Senat derzeit nicht sicher ist, wie viel Biden davon tatsächlich durchsetzen kann.

Trump leugnet den Klimawandel, trat aus dem Pariser Klimaabkommen aus und schob die Schuld für die Waldbrände den Kaliforniern zu, die die Wälder nicht gut genug gepflegt hätten. Dabei brannten viele Gebiete, die unter die Verantwortung der Regierung in Washington fallen.

2. Mehr Rückhalt bei Unternehmen

Donald Trump gewann die Wahl 2016 auch, weil er sich als erfolgreicher Geschäftsmann profilierte, als Macher, und als bewusster Außenseiter in Washington. Die Wall Street freundete sich schnell mit ihm an. Corporate America profitierte von deutlichen Steuersenkungen und einer Deregulierungsoffensive.

Doch schon während des langwierigen Handelsstreits mit China bröckelte der Rückhalt in der Unternehmenswelt. Trumps desaströses Krisenmanagement in der Pandemie führte dazu, dass sich Unternehmen immer stärker und immer deutlicher von ihm abwendeten.
Der CEO des Softwareanbieters Expensify, David Barrett, schrieb Ende Oktober eine E-Mail an seine zehn Millionen Nutzer und rief sie dringend dazu auf, Biden zu wählen. Alles andere sei „eine Stimme gegen die Demokratie“.

Als Trump sagte, die Stimmen dürften nicht noch nach dem Wahltag ausgezählt werden, widersprachen ihm binnen weniger Stunden die wichtigsten Unternehmerverbände. Sie fürchten, dass Trump mit einem langwierigen Chaos um das Wahlergebnis das Image der USA nachhaltig schädigen könnte.

Jamie Dimon, der Chef der größten US-Bank JP Morgan Chase rief am Samstag, nachdem Biden zum Sieger erklärt wurde, zur Einigkeit auf und merkte bei seinen Glückwünschen an Biden auch süffisant an, dass man „die Entscheidung der Wähler respektieren und einen friedlichen Machtübergang unterstützen“ müsse.

Finanzmanager spendeten mit überwältigender Mehrheit für Biden, was auch dazu führte, dass sein Wahlkampfteam deutlich mehr Geld für Wahlkampfspots in wichtigen Bundesstaaten wie Florida ausgeben konnte. Wobei Bidens Kampagne ausgerechnet dort nicht verfangen hat – wohl aber in zuletzt republikanisch wählenden Staaten wie Pennsylvania oder Michigan.

Das hat auch Auswirkungen auf Trumps Partei. Die Republikaner waren in der Ära vor Trump eigentlich die Partei der Unternehmer. Schließlich standen sie für niedrigere Steuern, weniger Regulierung und für Freihandel. Doch viele Unternehmer fühlen sich in der Partei nicht mehr zu Hause, die heute eher für Protektionismus, einen aggressiven Ton und die Spaltung der Gesellschaft steht.

Mit dem „Lincoln Project“ haben sie eine Organisation geschaffen, die für eine neue, moderatere republikanische Partei kämpft, als die zu der sie Trump gemacht hat. „Eigentlich müsste man die Partei abreißen und komplett neu aufbauen“, wetterte Trumps ehemaliger Pressesprecher, Anthony Scaramucci, der nun einer seiner prominentesten Gegner geworden ist.

3. Mehr Rückhalt in der Gesellschaft

Die International Crisis Group, eine Organisation, die sich eigentlich mit der Analyse von Gewalt in Ländern wie dem Libanon oder Äthiopien beschäftigt und Konfliktlösungsvorschläge liefert, hat in diesem Jahr zum ersten Mal einen Report über die USA veröffentlicht – und kommt zu einem beunruhigenden Schluss.

„Amerikaner haben sich zwar an ein bestimmtes Level von Spannungen während der Wahlkämpfe gewöhnt. Aber sie haben in der jüngsten Geschichte noch nie die realistische Perspektive gehabt, dass der amtierende Präsident das Wahlergebnis nicht anerkennen oder dass es zu Waffengewalt kommen könnte.“ Und: „Die Brandstifter-Rhetorik von Präsident Donald Trump lässt darauf schließen, dass er Spannungen eher zusätzlich anfachen als sie beruhigen würde.“

Auch wenn es unmittelbar nach der Wahl nicht zu den befürchteten Ausschreitungen kam: Amerika blickt auf einen Sommer geprägt von massiven Demonstrationen gegen Rassismus zurück, auf gewalttätige Auseinandersetzungen, auf Plünderungen. Eine politische Diskussion zwischen Anhängern beider Parteien findet praktisch nicht mehr statt.

Die Gesellschaft ist gereizt und gespalten wie noch nie. Kein Wunder, dass nicht nur Einzelhändler in großen Städten wie New York und Los Angeles ihre Schaufenster verbarrikadieren oder am Wahltag erst gar nicht aufmachten. Auch das Weiße Haus ist abgeriegelt, aus Angst vor neuen Protesten.

Bei seiner Siegesrede am Samstag rief Biden dazu auf, die „Ära der Dämonisierung“ zu beenden. Er werde ein Präsident sein, „der nicht spaltet, sondern vereint“. Der 77-Jährige ist kein Provokateur, setzt schon seit Jahrzehnten auf Kooperation zwischen Republikanern und Demokraten, das wolle er nun auch wieder einfordern.

Ob die Republikaner dazu bereit sind, muss sich zeigen. Doch Bidens Strategie fand bei einer breiten Wählerschaft Resonanz. Biden und Harris bekamen mehr Wählerstimmen als jedes andere Kandidaten-Duo vor ihnen, wie Biden am Samstag betonte. Auch wenn sich Trump weiterhin weigert, das Wahlergebnis anzuerkennen.

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