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Dieser Italiener ruft die Turnschuh-Revolution aus

Die Coronakrise ist kaum vorüber, da bringt Marco Redini seine erste Sneaker-Kollektion in die Läden. Es ist nur eines seiner vielen Zukunftsprojekte.

Marco Redini hat nur darauf gewartet, dass Europa nach der Coronakrise wieder zu neuem Leben erwacht. Denn nun kann der Eigentümer der italienischen Sportfirma Trerè Innovation endlich seine erste Schuh-Kollektion verkaufen. 75.000 Paar liefert der 55-Jährige in diesen Tagen an Läden auf dem ganzen Kontinent aus.

So wie einst Adi Dassler in Herzogenaurach angetreten ist, die Welt des Sports mit seinen Adidas-Fußballschuhen umzukrempeln, so will Redini jetzt die Branche mit gestrickten Sneakers revolutionieren.

Für den Unternehmer aus Asola, ein paar Kilometer südlich des Gardasees, sind es die „technologisch fortschrittlichsten Schuhe, die jemals entwickelt wurden“. Sohle und Obermaterial seien verbunden wie bei keinem anderen Sneaker, die Schuhe seien ökologisch, da aus Merinowolle, und würden in der Waschmaschine wieder sauber.

Es ist nicht selbstverständlich, dass Redini in diesen Tagen mit Volldampf sein Geschäft vorantreibt. Denn seine Firma sitzt in der Lombardei, jener vom Coronavirus verheerend getroffenen Region in Norditalien. Sein Betrieb allerdings ruhte während der Ausgangssperre nur ein paar Tage. Als die Pandemie das ganze Land lahmlegte, stellte der Patron seine Fertigung schnell auf Masken um. Bis heute habe er mehr als zwei Millionen Stück produziert.

Damit nicht genug: Redini hatte für die langen Wochen des Lockdowns genau die richtigen Produkte im Angebot. Mit seiner Marke Uyn stellt er unter anderem Laufbekleidung her, die dieses Frühjahr hochbegehrt ist. Die Fitness-Studios waren überall geschlossen, doch Joggen vielerorts erlaubt. Unter dem Label „Uyn“ bietet er jetzt auch die Schuhe an. Es spricht sich wie das Englische „Win“.

Mit Titici wiederum gehört ihm ein italienischer Hersteller maßgefertigter Räder. Die würden ihm gerade aus den Händen gerissen, behauptet Redini; genauso wie die Radshirts und -shorts, die er mit dem Namen „For.Bicy“ vertreibt.

Das Geschäft wächst kräftig

So sei das Geschäft im Mai und nun auch im Juni im Vergleich zum Vorjahr deutlich gewachsen. Und die Aussichten seien glänzend: „Es wird ein Superjahr“, betont Redini. Das dürften momentan wahrscheinlich nicht viele italienische Unternehmer behaupten. Denn die Pandemie hinterlässt tiefe Spuren in der Wirtschaft. Die EU-Kommission schätzt, dass das Bruttoinlandsprodukt in dem Land 2020 um 9,5 Prozent schrumpft, nur Griechenland steht in der Gemeinschaft schlechter da.

Der Umsatz von Redinis Gruppe dürfte dieses Jahr indes auf knapp 110 Millionen Euro steigen. Neben seinen eigenen Marken produziert und entwickelt der Kaufmann auch für andere Konzerne. Die Kundenliste reicht vom Sportdiscounter Decathlon bis zum Luxuslabel Prada. So unterhält Redini unter anderem zwei Fertigungsstandorte für Bekleidung in Bosnien.

Das Familienunternehmen mit seinen rund 1000 Mitarbeitern ist gut 70 Jahre alt. Redini selbst stieg vor mehr als 30 Jahren ein. Lange Zeit lebte die Firma nicht zuletzt davon, Socken und Textilien für X-Bionic zu produzieren, einen in der Schweiz ansässigen Mittelständler. Die Partnerschaft endete 2018. Zeitgleich schuf Redini die Marke Uyn.

Ein Selbstläufer ist es momentan gleichwohl nicht, neue Produkte in den Markt einzuführen. Denn bei vielen Händlern stapelt sich die Ware, weil sie mehrere Wochen schließen mussten. „Der Sport tut sich im Gegensatz zur Fashionindustrie zum Glück nicht ganz so schwer“, sagt Stefan Herzog, Generalsekretär im Verband des Deutschen Sportfachhandels. Schließlich seien viele Kollektionen eher zeitlos.

Trotzdem stünden die Ladenbesitzer und die Sportmarken unter Druck. Herzog: „Die Rabatte sind massiv.“ Dass die Kunden in den nächsten Wochen die Läden stürmen, sei auch nicht zu erwarten. „Eine Aufholwelle gibt es nicht“, warnt Herzog.

Immerhin, in der Branche haben Redinis neue Sneaker schon für Aufsehen gesorgt. Auf der Sportmesse Ispo wurde die Linie Anfang des Jahres zum besten neuen Produkt im Fitnessbereich gekürt. In den vergangenen Jahren seien die Innovationen eher in den Sohlen zu finden gewesen, urteilte die Jury.

So gelang es etwa dem Schweizer Start-up On, mit außergewöhnlichen Sohlen weltweit die Sportläden zu erobern. Bei Uyn lobten die Experten nun vor allem das Obermaterial, das für frische Luft im Schuh sorge, gleichzeitig aber vor Nässe schütze und dazu noch bequem sei.

Eine Akademie für den Nachwuchs

Corona hin oder her, der begeisterte Skifahrer Redini verfolgt seine Expansionspläne unbeirrt weiter. Die neuen Schuhe sind dabei nur ein Projekt unter vielen. So ist der Unternehmer gerade dabei, eine Nachwuchsakademie aufzubauen. Mehr als 100 Studierende will er künftig jeweils für ein halbes Jahr auf seinem Campus unterbringen.

Dazu hat er sich unter anderem mit den Universitäten von Bologna und Verona zusammengetan. Die sollen weltweit nach Talenten fahnden. Fast zwei Millionen Euro wird das im Jahr kosten. Redini hält es trotzdem für sinnvoll. „Wenn ich das nicht mache, wie kann ich dann die besten Leute finden?“ Textilingenieure will der Unternehmer genauso einladen wie junge Social-Media-Spezialisten. Denn: „Heute ist nicht mehr nur das Produkt wichtig, sondern auch die Kommunikation.“

Parallel dazu erweitert er in Italien die Fertigung von Rädern aus Carbon. Bislang könne er 500 Stück im Jahr bauen, künftig sollen es im Monat so viele sein. „Die Nachfrage ist viel, viel größer, als wir bedienen können“, so Redini. Im August will er zudem ein neues E-Bike-Modell vorstellen, das er gemeinsam mit Shimano für 7500 Euro ins Schaufenster stellt.

Inzwischen dürfen auch die Italiener wieder reisen, und so machte sich der umtriebige Familienvater bereits in dieser Woche wieder auf nach Bosnien. Auf dem Balkan will er in die Schuhproduktion investieren. Bislang sind alle seine Modelle „made in Italy“. Daher kostet die günstigste Variante stolze 99 Euro. Das ist deutlich mehr, als Adidas oder Nike in den Eingangspreislagen verlangen. Bosnien sei da als Produktionsstandort attraktiver: „Dort ist es wie in Italien, nur günstiger.“

Als wäre das nicht genug, ist Redini gerade dabei, fünf neue Geschäfte in italienischen Metropolen zu eröffnen. Von September bis Januar möchte er zudem einen Pop-up-Store in Paris betreiben. Ein Träumer ist der Italiener aber nicht. Er weiß sehr wohl, dass ihm das Virus noch einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Der neue Corona-Ausbruch in Peking sei eine Warnung, meint Redini. Ausgerechnet im Wachstumsmarkt China liegen seine Umsätze 60 Prozent unter Vorjahr.