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Infektionsschutzgesetz: Experten schlagen statt Inzidenz Neuaufnahmen in den Intensivstationen als Grenzwert vor

Ulrike Bartholomäus
·Lesedauer: 3 Min.

Die Bundesregierung wird diese Woche eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes auf den Weg bringen, die eine bundesweite Notbremse festlegen soll. Über einen Beschlussentwurf des Gesundheitsausschusses soll der Bundestag am Mittwochmorgen und am Donnerstag anschließend der Bundesrat abstimmen. Besonders umstritten ist dabei die nächtliche Ausgangssperre, die es in einigen Regionen bereits gibt. In Hamburg zum Beispiel, wo die Intensivstationen nicht überfüllt sind. Aber auch in Bayern gibt es eine Ausgangssperre, nur gehen dort die Zahlen weiter nach oben.

Die geplanten Grenzwerte der regionalen Inzidenz werden von einigen Wissenschaftlern heftig kritisiert. „Die Aussagekraft der Inzidenz ist stark gekoppelt an die aktuellen Testmengen vor Ort und daher nicht länger geeignet, die relevante Infektionslage sinnvoll abzubilden“, sagt Intensivmediziner Christian Karagiannidis, Geschäftsführender Oberarzt und Leiter des ECMO-Zentrums im Klinikum Köln-Merheim. Er leitet ebenfalls das DIVI Intensivregister und hat einen Überblick, wie sich die Lage auf den Intensivstationen in den einzelnen Regionen entwickelt.

Zum einen würde zurzeit deutlich mehr getestet, daher gehe die Zahl der positiv Getesteten in die Höhe. Dies bedeute jedoch nicht, das es insgesamt mehr Infektionen gäbe. Zum anderen haben wir viele über 80-Jährige und vulnerable Gruppen bereits geimpft, deswegen werde das Krankheitsgeschehen heruntergehen, ist auch Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) aus Braunschweig überzeugt. „Die „7-Tage-Inzidenz“ ist kein guter Orientierungspunkt mehr“, sagt Krause. Dennoch stelle er fest, dass Politiker ihm zwar sagten, dass sie seine Kritikpunkte und die neuen Vorschläge verstünden. Aber die Situation sei festgefahren, „es bewegt sich wenig in der Dynamik“. Die Notbremse basiert auf einem Wert, der überhaupt nicht mehr zum Corona-Geschehen passe.

Gegenvorschläge verweisen auf neue Indikatoren, etwa die Anzahl an Neuaufnahmen auf den Intensivstationen in einem bestimmten Zeitraum. Dieser Wert könne gekoppelt werden an die Liegedauer auf den Intensivstationen, so dass Experten stets analysieren können, ob noch Kapazitäten frei sind, ober ob ein festzulegender Grenzwert für eine Stadt zum Beispiel erreicht sei. Statistikprofessor Helmut Küchenhoff vom Institut für Statistik und Leiter des Statistischen Beratungslabors an der Ludwig-Maximilians-Universität in München hat solche Werte für die Bundesländer erarbeitet. „Derzeit sehen wir in Sachsen zum Beispiel eine sehr schlechte Situation auf den Intensivstationen. In Hamburg und Schleswig-Holstein gibt es ausreichend Kapazitäten“, so der Forscher.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass die Berliner auf uns hören und vorsichtiger sind"

Aktuell kommen wieder mehr Patienten auf die Intensivstationen. Kurzfristig ist noch keine Entlastung für Ärzte sowie die Pflegekräfte in Sicht – das Gesundheitssystem steht weiter vor Extremsituationen, vor allem weil jüngere Corona-Kranke mit der britischen Variante derzeit länger auf Intensivstationen behandelt werden müssen.

Intensivmediziner Karagiannidis hat eine interessante Beobachtung gemacht: Er ist davon überzeugt, dass in einigen Städten und Regionen die Menschen ihr Verhalten jetzt schon geändert haben. So sei Berlin ein Beispiel dafür, dass dort die Zahl der Neuzugänge auf Intensivstationen nicht mehr steige. „Ich bin fest davon überzeugt, dass die Berliner auf uns hören und vorsichtiger sind“, so der Arzt.

Dabei sind in Berlin alle Läden offen. Shoppen gehen kann, wer einen Schnelltest in einem von der Stadt zur Verfügung gestellten Zentrum gemacht habe und mit der Luca-App nachweisen kann, dass er negativ sei.

Ebenfalls sind Galerien und Museen für Menschen mit Test und Luca-App offen. Der Senat verfolgt das Konzept, den Leute zu signalisieren, dass es weiter geht, nicht, dass alle wieder zurück auf Los müssen. Das hat Vertrauen und Sicherheit geschaffen – vor allem aber die Berliner dazu bewegt, mitzumachen, wie die Zahlen beweisen. Statt alles zu schließen und zu verbieten wird belohnt, wer mitmacht, Maske trägt, Abstand hält und sich testen lässt.

In Ostbayern und in Sachsen hingegen explodieren die Zahlen. In Bayern sind alle Geschäfte geschlossen, es gilt eine Ausgangssperre. Hier haben diese Bestimmungen nichts gebracht. Zeit, zu überdenken, wie man die Bürger in diesen Regionen besser schützen und mitnehmen kann. Zumal ja jetzt auch wieder Zeit sein dürfte, sich über diese Dinge Gedanken zu machen.