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„Der Industriestandort Europa hat keine Chance, wenn er die höchsten Energiepreise hat“

·Lesedauer: 7 Min.

Gewerkschaftschef Michael Vassiliadis fordert im Interview eine Preisbremse für Industriestrom und eine politische Strategie für Autozulieferer.

Der Automobilzulieferer hat unlängst angekündigt, bundesweit rund 13.000 Stellen zu streichen. Foto: dpa
Der Automobilzulieferer hat unlängst angekündigt, bundesweit rund 13.000 Stellen zu streichen. Foto: dpa

Der Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Michael Vassiliadis, macht sich Sorgen um den Industriestandort Deutschland und Europa – aus zwei Gründen. Zum einen werde der Umstieg auf die klimafreundliche Produktion nicht gelingen, wenn die Bundesregierung einseitig auf „grünen“ Wasserstoff setze, der auf absehbare Zeit nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stehe.

Zum anderen brauche es dringend eine industriepolitische Strategie für die Zuliefererindustrie. Sonst „gehen nicht nur Jobs verloren, sondern die Innovations- und Produktionsschwerpunkte von Elektromobilität werden in Asien bleiben“, warnt der Gewerkschafter im Interview mit dem Handelsblatt.

Den vom Strukturwandel betroffenen Beschäftigten will Vassiliadis eine stärkere Stimme geben. Er denkt dabei etwa an die geplanten Stellenstreichungen beim Zulieferer Continental: „Wir wollen, dass Entscheidungen wie bei Conti nicht einfach vom Aufsichtsratschef durchgedrückt werden, ohne gemeinsam Alternativen gesucht zu haben.“

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Herr Vassiliadis, wie sehr leidet die chemische Industrie unter der Coronakrise?
Es gab den Pandemie-Dip, aber mit Ausnahme der Autozuliefererkette zeigte er sich vor allem in weniger schwarzen und selten in roten Zahlen. Die Chemie profitiert von der Erholung in China und davon, dass sie weniger für den Endverbraucher produziert.

In der Autozuliefererkette, in der auch viele Chemieunternehmen hängen, sieht die Situation anders aus. Sollte die Politik hier stärker eingreifen?
Viele kleinere und mittlere Unternehmen brauchen akut Unterstützung bei der Finanzierung. Die Autohersteller und die großen Zulieferer haben zu lange den Kostendruck an ihre Lieferanten weitergegeben – und jetzt kommt noch Corona hinzu. Aber Geld allein reicht nicht.

Was fehlt noch?
Die Elektromobilität wird Teile der Zuliefererkette obsolet machen, neue Geschäftsmodelle müssen entwickelt werden. Wenn man das einfach laufen lässt, gehen nicht nur Jobs verloren, sondern die Innovations- und Produktionsschwerpunkte von Elektromobilität werden in Asien bleiben. Deshalb brauchen wir eine industriepolitische Initiative – eine Art Transformationsagentur, die Politik, Unternehmen, Sozialpartner, Wissenschaft und Investoren an einen Tisch bringt.

Sie haben den Zulieferer Continental wegen geplanter Entlassungen und Werksschließungen heftig kritisiert und fordern mehr Mitsprache der Arbeitnehmer bei solchen Entscheidungen. Gerät die Mitbestimmung in der Transformation unter die Räder?
Conti ist nur der Anlass, die Ursache liegt tiefer. Wir sehen zunehmend die Tendenz, dass bei Konflikten im Aufsichtsrat das doppelte Stimmrecht des Aufsichtsratschefs den Ausschlag gibt. Bei der Transformation geht es aber nicht um Verteilungsfragen im engeren Sinne, sondern um strategische Zukunftsentscheidungen. Und da sollte es eine Kraft geben, die auf Beschäftigung, soziale Balance, aber auch auf Innovationen und Investitionen in Europa achtet.

Entscheidungen nicht einfach vom Aufsichtsratschef durchdrücken lassen

Sie wollen, dass Entscheidungen im Aufsichtsrat nicht mehr gegen den Willen der Arbeitnehmerbank getroffen werden können. Da können wir gleich über Vergesellschaftung reden …
Entspannt bleiben! Wir wollen, dass Entscheidungen wie bei Conti nicht einfach vom Aufsichtsratschef durchgedrückt werden, ohne gemeinsam Alternativen gesucht zu haben. Deshalb soll bei einem Patt im Aufsichtsrat ein neutraler Schlichter eingeschaltet werden. Und wenn der am Ende sagt, dass die Zahlen Entlassungen oder Werksschließungen unvermeidlich machen, dann müssen natürlich – wie in vielen Unternehmen zu sehen – auch gemeinsam schmerzliche Entscheidungen getroffen werden.

Wo bleibt die unternehmerische Freiheit, wenn die Arbeitnehmer bei jeder strategischen Entscheidung mitreden?
Wer kennt denn das Unternehmen und seine operative Lage besser als die dort Beschäftigten? Jedenfalls nicht irgendwelche Zahnspangen tragenden Fondsmanager in der City of London, die heute wesentlich stärker in die unternehmerische Freiheit ganzer Dax-Konzerne eingreifen.

Die Industrie insgesamt steckte schon vor Corona in der Rezession. Machen Sie sich Sorgen um den Standort?
Die lange Phase des wirtschaftlichen Erfolgs hat verdeckt, dass es bei Erhaltungs- und Neuinvestitionen seit gut einem Jahrzehnt ein großes Defizit gibt. Die Industrie lebt derzeit von der Substanz und sieht sich gleichzeitig mit scharfen politischen Vorgaben konfrontiert, was etwa die Klimaziele angeht.

Die werden aber kaum aufgeweicht werden.
Nein, und energieintensive Branchen wie die Chemie- oder die Stahlindustrie haben sich ja auch längst dazu bekannt, klimaneutral werden zu wollen. Aber dann müssen auch die Voraussetzungen stimmen, was etwa die Verfügbarkeit von günstigem grünem Strom oder von Wasserstoff angeht. Wir müssen aus dem Wettbewerb um immer neue Klimaziele in einen Wettbewerb der Umsetzung kommen. Denn nur die Umsetzung schafft Tonnen CO2 aus der Welt.

Die Bundesregierung hat endlich ihre Nationale Wasserstoffstrategie vorgelegt. Wie bewerten Sie die?
Immerhin gibt es die Strategie jetzt. Das ist ein Fortschritt.

Die Nationale Wasserstoffstrategie ist zu einseitig

Und was sagen Sie inhaltlich?
Die Strategie ist zu einseitig, darauf weise ich als Mitglied des Nationalen Wasserstoffrats bei jeder Gelegenheit hin. Nur mit gigantischen Mengen an Wasserstoff können Industriebranchen wie Chemie oder Stahl klimaneutral werden. Das Ziel ist, dass er mithilfe erneuerbarer Energien erzeugt wird. Nur: Es wird diesen „grünen Wasserstoff“ auf mittlere Sicht nicht in relevanten Größenordnungen geben. Wir müssen daher zumindest zu Beginn des Prozesses die Farbenlehre erweitern und dürfen auch vor „blauem“ und „türkisem“ Wasserstoff nicht zurückschrecken, bei deren Herstellung man ebenfalls vermeiden kann, dass CO2 in die Atmosphäre gelangt.

Aber nur grüner Wasserstoff erfüllt hinsichtlich der Nachhaltigkeit alle Kriterien. Alle anderen Varianten des Wasserstoffs lösen eine Reihe von Folgeproblemen aus.
Das stimmt. Aber für einen Übergangszeitraum werden wir Wasserstoff in allen Varianten brauchen. Wichtig ist ja, dass jetzt in die Technologie investiert wird, um den Wasserstoff dann auch zeitnah in der Produktion einsetzen zu können. Das aber wird niemand tun, wenn wir allein auf grünen Wasserstoff setzen, der noch nicht ausreichend zur Verfügung steht.

Wasserstoff gilt mittlerweile als Allheilmittel in allen Sektoren. Wozu raten Sie?
Ich bin da eher vorsichtig. Wir sollten nicht verschwenderisch mit Wasserstoff umgehen. In der Industrie geht es nicht ohne ihn, es fehlt an technologischen Alternativen. Im Mobilitätssektor ist das derzeit anders. Wir sollten technologieoffen forschen, aber beim Einsatz jetzt Prioritäten setzen. Da sollten bestimmte Bereiche mit Blick auf Wasserstoff bevorzugt werden, also etwa Flug- und Schwerlastverkehr, und für andere Segmente zunächst die Elektromobilität vorangetrieben werden.

Sorgen Sie sich nicht wegen der hohen Kosten, die der Einstieg in die Wasserstoffwelt mit sich bringt?
Es gibt eine Grundvoraussetzung dafür, dass die Kosten nicht explodieren: Wir brauchen große Mengen an grünem Strom zu absolut wettbewerbsfähigen Preisen. Wir müssen den Strompreis für die Industrie von all seinen Abgaben und Umlagen befreien. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz war einmal hilfreich, aber es ist nicht mehr zeitgemäß.

Die Unternehmen brauchen langfristige Verlässlichkeit

Warum nicht?
Es macht eine Menge an Ausgleichs- und Hilfsmechanismen erforderlich. Das geht so nicht weiter. Wir brauchen ein Konzept für einen wettbewerbsfähigen europäischen Industriestrompreis. Wenn es den gibt, können die Unternehmen die Investitionen in die klimaneutrale Technologie selbst stemmen und sie können auch die laufenden Kosten tragen. Das gilt jedenfalls für die meisten Unternehmen der Chemiebranche.

Und die Stahlbranche?
Da dürfte die Situation anders sein, die Wettbewerbsbedingungen sind völlig andere als in der Chemie. Aber genau vermag ich das nicht zu bewerten. Wahrscheinlich ist es angebracht, dass der Staat der Stahlbranche dabei hilft, die Investitionen in neue Produktionsverfahren zu unterstützen.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es denn, dass ein europäischer Industriestrompreis kommt?
Nach meiner Wahrnehmung hat sich in der Bundesregierung und bei vielen Politikern der Großen Koalition die Erkenntnis durchgesetzt, dass dringend etwas geschehen muss. Es gehört zu einer radikalen, ehrlichen Analyse, dass der Industriestandort Europa keine Chance hat, wenn er die höchsten Energiepreise hat. Die Unternehmen brauchen langfristige Verlässlichkeit. Die Energiepreise dürfen nicht weiter künstlich verteuert werden. Es bedarf eines beherzten Schnitts.

Herr Vassiliadis, vielen Dank für das Interview.