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Ugur Sahin navigiert den Immun-Pionier Biontech Richtung Wall Street


Unternehmer wollte er eigentlich gar nicht werden. Denn Ugur Sahin ist mit ganzem Herzen Forscher und Wissenschaftler. Trotzdem ist der 53-Jährige auch CEO einer Biotech-Firma mit mittlerweile mehr als 1.000 Mitarbeitern. Die Biontech AG, die Sahin vor gut zehn Jahren mit Christoph Huber in Mainz gründete, gilt damit bereits als größtes privates Biotechunternehmen in Europa.

Sie könnte in absehbarer Zeit auch zu einer der wichtigsten börsennotierten Firmen der europäischen Biotech-Szene werden. Denn die Mainzer haben den Schritt aufs Parkett längst fest ins Auge gefasst. Ende 2019, eher jedoch 2020, so die bisherige Planung, könnte es so weit sein.

Nach Information der Agentur Reuters hat Biontech inzwischen bereits zwei Banken mandatiert, um eine Notierung an der US-Technologiebörse Nasdaq vorzubereiten. Für Biontech könnte das bis zu 800 Millionen Dollar einspielen. Das würde auf den bisher größten Biotech-Börsengang überhaupt hinauslaufen.

Die Börsenpläne von Sahin sind eng verknüpft mit der Vision des umtriebigen Wissenschaftlers und Gründers: Der Medizinprofessor hat sich vorgenommen, die Behandlung von Krebs und anderen Erkrankungen mit einer neuen Generation von personalisierten Immuntherapien zu revolutionieren.

In der Forschung geht das Mainzer Unternehmen damit völlig neue Wege. Die erfordern hohe Investitionen – und die Führung durch den wissenschaftlichen Kopf. „Wir sind ein Technologieunternehmen, bei dem Medizin und Wissenschaft über den Erfolg entscheiden“, sagt Sahin. „Es kommt darauf an, dass funktioniert, was wir uns technologisch und medizinisch vornehmen.“


Die Grundidee für die neue Immuntherapie ist dabei über viele Jahre gereift: Sahin wächst als Sohn türkischer Eltern in Deutschland auf. Schon früh entwickelt er ein starkes Interesse an Naturwissenschaften. Eine Sendung des Fernseharztes Hoimar von Ditfurth weckt sein Faible für die Immunologie und Krebsforschung.

Sahin studiert Medizin in Köln, arbeitet als Arzt und Forscher an der dortigen Uniklinik, später auch an der Universität des Saarlandes und in Zürich, bevor er schließlich nach Mainz kommt. Zusammen mit seiner Forscherkollegin und Ehefrau Özlem Türeci und mit Unterstützung der Hexal-Gründer Andreas und Thomas Strüngmann als Investoren gründet er dort 2001 sein erstes Unternehmen Ganymed. Die Firma wurde inzwischen an den japanischen Konzern Astellas verkauft.

Firmensitz „An der Goldgrube 12“

Sieben Jahre später startet Sahin die Firma Biontech, mit dem damals noch futuristisch anmutenden Ziel individualisierter Tumorimpfstoffe. Eine großzügige Startfinanzierung von 150 Millionen Euro durch die Strüngmann-Brüder und den MIG-Fonds ermöglichten Sahin und seiner Mannschaft, fast ein halbes Jahrzehnt lang weitgehend im Verborgenen zu arbeiten.

Diverse wissenschaftliche Publikationen, Partnerschaften mit einem halben Dutzend großer Pharmafirmen und erste klinische Daten rückten die Firma und ihren CEO indessen ab 2015 zusehends ins Blickfeld der Fachwelt.
Mitstreiter beschreiben Sahin als ebenso „bescheidenen wie hartnäckigen Forscher, dem es einfach keine Ruhe lässt, wenn er irgendetwas nicht versteht“.

Hauptgeldgeber Thomas Strüngmann schätzt ihn als „genialen Wissenschaftler“. Und die Deutsche Krebsgesellschaft ehrte Sahin vor wenigen Tagen für seine Leistungen „an der Schnittstelle zwischen immuntherapeutischer Forschung und klinischer Praxis“ mit dem Deutschen Krebspreis 2019 – einer der angesehensten Auszeichnungen in der onkologischen Forschung.

Prominentestes Projekt von Biontech ist ein Krebsimpfstoff auf Basis von Boten-RNA (mRNA), den die Mainzer in Kooperation mit Genentech, einer Tochter des Schweizer Pharmariesen Roche, entwickeln. Die Impfstoffe werden dabei für jeden Patienten einzeln synthetisiert, auf Basis der individuellen Mutationen in den jeweiligen Tumorzellen. Diese Mutationen wiederum identifiziert Biontech mithilfe einer aufwendigen auf Künstliche Intelligenz gestützte Genanalyse der Krebszellen.


„Die Immunzellen des Körpers erhalten durch die Impfung sehr detaillierte und spezifische Informationen über den Tumor, den sie bekämpfen sollen“, heißt es in der Laudatio der Krebsgesellschaft. Das Besondere der von Sahin eingeführten Methode sei ihre universelle Anwendbarkeit für verschiedene Krebsarten.

Noch ist nicht gesichert, wie gut das Konzept in der Praxis wirklich funktioniert. Auch Sahin selbst bleibt behutsam, wenn er über bisherige Resultate spricht. Man habe deutliche klinische Aktivität gesehen. In ersten Tests konnten die Impfstoffe bei der Mehrzahl der behandelten Hautkrebspatienten das Wiederauftreten von Metastasen stoppen.

Sahin zeigt sich daher zufrieden mit den bisherigen Fortschritten und bleibt bei der Prognose, dass 2021 oder 2022 erste Produkte auf den Markt kommen könnten. „Das Risiko für die Realisierbarkeit“, sagt er, „ist deutlich geringer geworden.“ Biontech und Genentech testen die Therapie inzwischen in einer weitaus größeren Studie. Das Firmenareal von Biontech mit der symbolträchtigen Adresse „An der Goldgrube 12“ nahe der Mainzer Universität ist längst zur Dauerbaustelle geworden.

Dort gibt es inzwischen auch eine halbautomatische Fabrik für RNA-Impfstoffe. Die nächste Ausbaustufe ist bereits in Planung. Weitere positive Daten aus den Studien, schätzen Experten, würden das Börsenfenster für Biontech weit öffnen.
Vorbild wäre dann wohl die US-Firma Moderna, die ebenfalls an RNA-basierten Therapien arbeitet. Sie holte im Dezember beim Börsengang rund 600 Millionen Dollar herein und wird aktuell mit rund 6,6 Milliarden Dollar bewertet.


Ähnliche Dimensionen dürfte auch Biontech anstreben. Schon bei der letzten Finanzierungsrunde wurde die Mainzer Firma mit mehr als zwei Milliarden Euro bewertet.

Sahin will Biontech indessen keineswegs als reine mRNA-Firma verstanden wissen, sondern als Unternehmen, das Immuntherapien auf weitaus breiterer Front entwickelt. Mit dem US-Konzern Eli Lilly arbeitet Biontech an potenziellen Zelltherapien gegen Krebs, mit Pfizer an Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten.

Auch die Entwicklung klassischer Wirkstoffe gegen neue Angriffspunkte bei Krebszellen haben die Mainzer im Auge. Bis Ende des Jahres, erwartet Sahin, werde Biontech mit allen vier Plattformen eine „klinische Firma“ sein, das heißt, Produkte an Patienten testen.

Ein Rückzug aus der Rolle als Forscher und Technologieentwickler wäre dabei für den Biontech-Chef auch bei einem Börsengang kein Thema – und auch keine Notwendigkeit. Mit Sean Marett und Sierk Poetting stehen ihm heute bereits zwei erfahrene Pharmamanager zur Seite, die sich um Geschäftsentwicklung, Finanzen und Ausbauprojekte kümmern. Als CEO will sich Ugur Sahin weiter auf seine eigentlichen Stärken konzentrieren. Denn am liebsten steht er immer noch im Kittel im Labor.