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Vonovia will Deutsche Wohnen kaufen

·Lesedauer: 4 Min.
Vonovia will den Aktionären der Deutsche Wohnen insgesamt rund 18 Milliarden Euro bieten.
Vonovia will den Aktionären der Deutsche Wohnen insgesamt rund 18 Milliarden Euro bieten.

Die beiden größten deutschen Wohnimmobilienkonzerne stehen vor einem Zusammenschluss. Es ist nicht der erste Übernahmeversuch, doch dieses Mal scheint die Ausgangslage eine andere zu sein.

Berlin/Bochum (dpa) - In der Debatte um bezahlbaren Wohnraum und Verdrängung stehen auch die beiden größten deutschen Immobilienkonzerne, Vonovia und Deutsche Wohnen, seit Jahren in der Kritik - nun haben beide Unternehmen ihren geplanten Zusammenschluss verkündet.

Vonovia hat den Aktionären der Deutsche Wohnen ein Übernahmeangebot unterbreitet und will dafür 18 Milliarden Euro in die Hand nehmen. Sollten mindestens die Hälfte der Anteilseigner das Angebot annehmen und die Kartellbehörden zustimmen, entstünde «Europas größter Wohnimmobilienkonzern», wie beide Seiten mitteilten.

Mit der Übernahme fachen die Konzerne die Diskussionen rund um steigende Mieten und Wohnraum in Ballungsgebieten weiter an. Vonovia mit Sitz in Bochum besaß Ende 2020 knapp 415.000 Wohnungen, davon gut 354.000 in Deutschland. Die Deutsche Wohnen wiederum ist der größte Privatvermieter Berlins: Rund 114.000 der insgesamt mehr als 155.000 Deutsche-Wohnen-Immobilien stehen in der Hauptstadt.

Die Deutsche Wohnen stand nicht nur beim inzwischen gescheiterten Mietendeckel-Gesetz des Senats immer wieder im Fokus, sondern ist auch Hauptgegner der Initiative «Deutsche Wohnen und Co. enteignen». Diese setzt sich dafür ein, Immobilien von Unternehmen in Berlin zu verstaatlichen, die am Stichtag 26. September mehr als 3000 Wohnungen haben. Die beiden Konzernchefs, Rolf Buch und Michael Zahn, waren am Dienstag daher vor allem darum bemüht, die Wogen zu glätten und Befürchtungen der Hauptstadtmieter zu zerstreuen.

In Berlin herrsche ein «Unzustand» betonte Vonovia-Chef Buch im Beisein von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller sowie Finanzsenator Matthias Kollatz (beide SPD). Dieser «Unzustand» sei ein «Ausdruck, dass die Bürger dieser Stadt offensichtlich nicht zufrieden sind, auch nicht zufrieden mit unserem Unternehmen». Es brauche einen «Neuanfang» in der Zusammenarbeit mit der Politik aber auch mit Mieterschützern.

Vonovia werde sich deshalb verpflichten, in den kommenden drei Jahren die jährlichen Mietsteigerungen auf höchstens ein Prozent im Jahr zu begrenzen. Beide Konzerne einigten sich mit dem Senat zudem auf den Verkauf von rund 20 000 Wohneinheiten noch in diesem Jahr an das Land. Berlin ist darum bemüht, Wohnraum zurückzukaufen, um den Mietmarkt besser regulieren zu können. Ähnliche Vereinbarungen würden auch in anderen Ballungsbieten geschlossen, betonte Buch. Ohne den Segen der Städte und Kommunen könne kein Unternehmen erfolgreich sein.

Die Ankündigungen überzeugten Kritiker nicht. Es handele sich um «Zusagen, die zwar gut klingen, sich aber bei näherem Hinsehen zum Teil als Selbstverständlichkeiten entpuppen, die den Unternehmen wenig abverlangen», teilte der Präsident des Deutschen Mieterbundes, Lukas Siebenkotten, mit. «Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass beide Unternehmen aufgrund der zuletzt sehr starken Mieter:innenproteste gegen ihre Geschäftspraktiken die verbale Flucht nach vorne antreten.» Mieterschutz hänge dabei nicht von der Größe des Immobilienportfolios ab.

Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz sieht sich durch den Zusammenschluss in den SPD-Plänen für ein bundesweites Mietenmoratorium bestätigt. «Und wenn ein - selbst gewähltes - Mietenmoratorium offensichtlich für einen Dax-Konzern kein Problem ist, kann es dagegen keine vernünftigen Einwände mehr geben», sagte Scholz dem «Handelsblatt».

Der Marktanteil von Vonovia und Deutsche Wohnen am deutschen Wohnungsmarkt ist selbst mit mehr als 500.000 Wohnungen allerdings eher gering: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schätzt den Anteil des fusionierten Konzerns am gesamten deutschen Mietmarkt auf lediglich 2,4 Prozent. In Berlin ist die Deutsche Wohnen zwar der größte Privatvermieter, kommt aber bei den Marktanteilen laut Investitionsbank Berlin (IBB) nicht über neun Prozent hinaus. Die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften etwa verfügen mit derzeit rund 335.000 Wohnungen über ein mehr als doppelt so großes Portfolio.

«Den beiden Immobiliengiganten dürfte es nicht um marktbeherrschende Stellung gehen», vermutet Michael Voigtländer, Immobilienmarkt-Experte beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW). «Ausschlaggebend für die Fusion dürfte vielmehr die Politik sein.» Je mehr Unternehmen sich zusammenschlössen, umso robuster könnten sie auftreten gegen Mietpreisregulierungen und andere Markteingriffe des Staates.

Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) fürchtet auch um die Arbeitsbedingungen der Handwerker. «So ein XXL-Konzern wird sein Diktat von der Miethöhe bis zu den Vertragskonditionen für Mieter machen», monierte IG-BAU-Chef Robert Feiger. «Er wird auch bei Renovierungen, bei energetischen und altersgerechten Sanierungen Bauunternehmen mehr diktieren als heute schon.»

Vonovia hatte vor rund fünf Jahren schon einmal versucht, den Konkurrenten zu schlucken. Damals wehrte sich dieser gegen die «feindliche Übernahme», wie Deutsche-Wohnen-Chef Zahn erneut betonte. Nur rund ein Drittel der Aktionäre nahm das Übernahmeangebot damals an. Nun müssen sie sich erneut entscheiden.