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IG Metall legt Fokus auf Beschäftigungssicherung

Die Gewerkschaft fürchtet Jobverluste in der kriselnden Branche und hält sich mit Forderungen noch zurück. Auf ein Reallohnplus will sie aber nicht verzichten.

Durch die Umstellung auf E-Mobilität stehen Jobs auf dem Spiel. Foto: dpa

Die IG Metall will in der anstehenden Tarifrunde für rund vier Millionen Arbeitnehmer der Metall- und Elektroindustrie einen Fokus auf die Beschäftigungssicherung legen. Das zeichnet sich nach ersten Forderungsdebatten der Tarifkommissionen in den Bezirken ab.

„Aus vielen Belegschaften höre ich, dass sichere und gute Arbeitsplätze beim überwiegenden Teil der Beschäftigten hohe Priorität haben“, sagte der IG-Metall-Bezirksleiter in Baden-Württemberg, Roman Zitzelsberger, im Anschluss an die Gespräche. Beschäftigungssicherung sowie Qualifizierung und Weiterbildung für neue Aufgaben stünden deshalb weit oben auf der Agenda.

„Die Beschäftigten brauchen sichere Perspektiven, hier werden wir die Arbeitgeber in die Pflicht nehmen, hier muss deutlich mehr passieren, das gebietet die gesellschaftliche Verantwortung“, sagte Thorsten Gröger, Bezirksleiter in Niedersachsen, wo Volkswagen seinen Sitz hat

Die Entgelttarifverträge für die Branche laufen Ende März aus. Am 4. Februar gibt der Vorstand der IG Metall seine Forderungsempfehlung ab, die dann in den Bezirken beraten und am 26. Februar endgültig beschlossen wird.

Die Arbeitgeber nahmen „mit Interesse“ zur Kenntnis, dass sich nach der Debatte in den Bezirken noch keine konkrete Entgeltforderung der IG Metall abzeichnet. Offensichtlich bestehe bei der Gewerkschaft noch Beratungsbedarf, sagte der Hauptgeschäftsführer der nordrhein-westfälischen Metallarbeitgeber (Metall NRW), Luitwin Mallmann. Arbeitgeber und Gewerkschaft schätzten die wirtschaftliche Lage im bedeutendsten Industriezweig des Landes offensichtlich gleichermaßen als komplex und schwierig ein.

Hunderttausende Jobs in Gefahr

Die Metall- und Elektroindustrie steckt seit einem Jahr in der Rezession, die Produktion ist 2019 um fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Das ist das größte Minus seit der Wirtschaftskrise 2009. Hinzu kommt der Strukturwandel in der Auto- und Zuliefererindustrie durch die Umstellung vom Verbrennungsmotor auf Elektroantrieb. Dadurch sind im Extremfall Hunderttausende Jobs in Gefahr, wenn die Transformation nicht gelingt.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall, die IG Metall und der Verband der Automobilindustrie (VDA) hatten deshalb am Mittwoch beim Autogipfel im Kanzleramt ein gemeinsames Papier vorgelegt, in dem sie ein koordiniertes Vorgehen von Politik und Sozialpartnern und staatliche Hilfen verlangen.

Wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage hält der Vorsitzende des Arbeitgeberverbands Südwestmetall, Stefan Wolf, in der kommenden Metall-Tarifrunde Einmalzahlungen oder gar eine Nullrunde beim Entgelt für angemessen: „Neben den erforderlichen Milliardeninvestitionen in die Zukunft, den etwaigen Kosten von irgendeiner Art von Beschäftigungssicherung und der aktuellen Rezession sehen wir kurzfristig keinen Spielraum für dauerhaft wirkende Lohnerhöhungen“, sagte er. Angesichts eines Durchschnittsverdienstes von mittlerweile mehr als 65.000 Euro sei das aber auch gerechtfertigt.

IG-Metall-Bezirksleiter Zitzelsberger konterte, ein großer Teil der Unternehmen der Branche mache nach wie vor gute Geschäfte: „Wir befinden uns definitiv nicht in einer Krise.“ Auch wenn die IG Metall noch keine konkrete Lohnforderung beziffert hat, so will sie doch spürbare Reallohnerhöhungen durchsetzen. Der private Konsum sei der stabilisierende Faktor, der einen Absturz der gesamten Wirtschaft verhindere, sagte Knut Giesler, Bezirksleiter in Nordrein-Westfalen. Die Tarifkommission sei deshalb einhellig der Meinung, dass dieser Pfeiler auch durch die kommende Tarifrunde gestützt werden müsse.

Neben der Beschäftigungssicherung und einem Lohnplus wurden auch weitere Forderungen diskutiert. Der Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen will die nach wie vor unterschiedliche Arbeitszeit in Ost und West zum Thema machen. Auch im 30. Jahr der Deutschen Einheit arbeiteten die Ost-Belegschaften in modernen, hochproduktiven Werken immer noch 38 Stunden pro Woche und damit drei Stunden mehr als die Kollegen im Westen, wo die 35-Stunden-Woche gilt, sagte der kommissarische Bezirksleiter Stefan Schaumburg, der den Posten in dieser Woche von Olivier Höbel übernommen hatte.

Angleichung der Arbeitszeiten

„Nach zähen und nach wie vor ergebnislosen Gesprächen in den letzten eineinhalb Jahren werden wir uns nicht mehr länger hinhalten lassen, sondern die Angleichung der Arbeitszeit in Ostdeutschland mit den Mitteln der Tarifpolitik in dieser Tarifrunde lösen“, betonte Schaumburg. Den Tarifvertragsparteien war auch in mehreren Gesprächsrunden nach der letzten Tarifrunde kein Einstieg in die Angleichung der Arbeitszeit gelungen.

Die Arbeitgeber würden dagegen gerne die Stärkung der Betriebsrente mit auf die Agenda setzen. Sein Verband habe die IG Metall bereits Ende 2019 zu Verhandlungen über das sogenannte Sozialpartnermodell aufgefordert, sagte Südwestmetall-Chef Wolf.

Mit dem 2017 im Betriebsrentenstärkungsgesetz verankerten Modell will der Gesetzgeber die Verbreitung und Attraktivität der betrieblichen Altersvorsorge stärken. Voraussetzung ist aber eine Vereinbarung der Sozialpartner. Die IG Metall sieht aber das Sozialpartnermodell äußerst skeptisch, weil die Anbieter keine Garantie mehr für die Höhe der Altersrente übernehmen müssen.

Viele Unternehmen hadern immer noch mit dem letzten Tarifabschluss aus dem Jahr 2018, der neben einem kräftigen Entgeltplus für bestimmte Beschäftigte auch ein Wahlmodell zwischen Geld und Freizeit beinhaltete. „Die Unzufriedenheit bei unseren Mitgliedern über die letzten Tarifabschlüsse ist groß“, sagte Wolf. Die kommende Tarifrunde müsse deshalb zu einem Ergebnis führen, das für die Betriebe wirtschaftlich gut tragbar sei. Metall-NRW-Hauptgeschäftsführer Mallmann forderte einen Abschluss, der „dem Mittelstand auf den Leib geschrieben“ sein müsse.

Bei den Arbeitgebern herrscht Unmut über die letzten Tarifabschlüsse. Foto: dpa