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IG-Metall-Chef Jörg Hofmann: „Eine doppelte Null wäre Gift für die Konjunktur“

·Lesedauer: 8 Min.

Der IG-Metall-Chef lehnt Lohnzurückhaltung in der anstehenden Tarifrunde ab. Er wirft den Arbeitgebern eine Flucht aus der Verantwortung für ihre Beschäftigten vor.

„Da stehen uns noch harte Auseinandersetzungen bevor“, sagt IG-Metall-Chef Hofmann. Foto: dpa
„Da stehen uns noch harte Auseinandersetzungen bevor“, sagt IG-Metall-Chef Hofmann. Foto: dpa

In der zum Jahresende anstehenden Tarifrunde für die 3,9 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie droht eine harte Auseinandersetzung: „Die Arbeitgeber legen es offensichtlich auf einen Konflikt an“, sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann im Handelsblatt-Interview.

Er reagierte damit auf die Forderung des designierten neuen Gesamtmetall-Chefs Stefan Wolf nach einer Nullrunde. Diese wäre „Gift für die Konjunktur“. Die regionalen Tarifkommissionen der Gewerkschaft haben am Donnerstag erstmals über mögliche Forderungen beraten.

Laut Hofmann muss ein Abschluss den drei Aspekten Zukunftssicherung, Beschäftigungssicherung und Stabilität bei den Einkommen Rechnung tragen. Die Gewerkschaft ist also nicht zum Verzicht auf eine spürbare Lohnerhöhung bereit.

Autozulieferer wie Continental oder Mahle, die bereits die Streichung Tausender Stellen angekündigt haben, kritisierte der IG-Metall-Chef scharf. Beispiele wie ZF oder Bosch zeigten, „dass Wandel auch anders geht“.

Die Metall-Arbeitgeber wiederum begründen ihre Forderung nach Lohnzurückhaltung mit der schwierigen Lage in der Auto- und vor allem der Zuliefererindustrie. Bei weiterhin steigenden Arbeitskosten, so warnen sie, fehle das Geld für Zukunftsinvestitionen.

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Herr Hofmann, die Metallarbeitgeber haben in Interviews eine Nullrunde gefordert. Was sagen Sie?
Die Arbeitgeber legen es ganz offensichtlich auf einen Konflikt an. Wir wollen eine Zukunftsperspektive für unsere Beschäftigten und stabile Einkommen. Das müsste auch der anderen Seite klar sein.

Sie haben gerade Ihre Betriebsräte befragt und Antworten aus rund 6000 Betrieben ausgewertet. Wie steht die Metall- und Elektroindustrie wirtschaftlich da?
Die Rückmeldungen zeigen, dass wir in Trippelschritten wieder aus dem tiefen Tal herauskommen. Im Fahrzeugbau gab es im September wieder ordentliche Zahlen, die Hersteller sind weitgehend aus der Kurzarbeit raus. 20 Prozent der Betriebe melden weiter eine gute Auftragslage, auch in der Metall- und Elektroindustrie. Aber über allem schwebt das Damoklesschwert einer zweiten Welle.

Einige Unternehmen fahren bereits wieder Sonderschichten …
Ja, oder sie stellen wieder ein. Viele Zulieferer stecken dagegen noch sehr tief in der Auftragsdelle drin, weil sie nicht nur deutsche Hersteller beliefern, sondern auch den weiter schwächelnden europäischen und globalen Markt. Und Branchen wie der Maschinenbau, die eng am Fahrzeugbau hängen, haben zum Teil noch alte Aufträge abgearbeitet und rutschen erst verspätet in die Krise. Es hellt sich also auf, aber es ist nicht erkennbar, dass wir schon 2021 das Vorkrisenniveau erreichen werden.

Kaufkraft stärken

Das spricht dann ja doch für eine Nullrunde.
Wir müssen nüchtern schauen, wie wir aus der Krise rauskommen. Weil der Export auf absehbare Zeit keinen starken Wachstumsbeitrag leisten wird, ist und bleibt die private Nachfrage im Inland der Schlüssel dazu. Eine doppelte Null für 2020 und 2021 wäre Gift für die Konjunktur. Wir müssen zwingend die Kaufkraft stärken.

Über ihre Forderung verhandelt die IG Metall noch. In welche Richtung wird sie gehen?
Ein Abschluss muss drei Aspekten Rechnung tragen: Zukunftssicherung, Beschäftigungssicherung und Stabilität bei den Einkommen.

Die Arbeitgeber beklagen sich über steigende Lohnstückkosten und drohen mit Abwanderung. Alles leere Drohungen?
Dass die Lohnkosten zu hoch sind, sagen die Arbeitgeber in jeder Tarifrunde. Und dass Lohnstückkosten in einer Abschwungphase steigen, konnten wir in jeder Krise beobachten. Wir haben Anfang des Jahres ein Moratorium angeboten: Wir stellen keine Lohnforderung, ihr verzichtet auf Entlassungen. Dieses Angebot stellt sich im Moment ziemlich einseitig zu unseren Lasten dar.

Inwiefern?
Wir hören jeden Tag von Entlassungs- und Verlagerungsplänen. Insoweit ist der Versuch eines Moratoriums gescheitert. Die IG Metall ist in Vorleistung gegangen, die Arbeitgeber hatten offenbar nie vor, ihrer Verantwortung nachzukommen.

Sie werden das Moratoriums-Angebot also nicht erneuern?
Nein, es wurde offensichtlich von Teilen der Arbeitgeber missbraucht.

Der designierte Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf sagt, man könne nicht alle Arbeitsplätze in der Metall- und Elektroindustrie retten. Was erwidern Sie ihm?
Die Aussage ist ein Eingeständnis des Versagens zu vieler Unternehmen, die Transformation so zu stemmen, dass Industrie in Deutschland Perspektiven hat. Es ist eine Absage der Arbeitgeber, in der Transformation Verantwortung für die Branche, die Beschäftigten und ihre Zukunft zu übernehmen. Natürlich verändern sich Arbeitsplätze, teilweise radikal. Aber daher braucht es neue Geschäftsmodelle und Qualifikation. Und dass dies gelingen kann, dafür gibt es viele Belege.

Es gibt aber auch Gegenbeispiele ...
Dass einzelne Unternehmen trotz aller Stützungen diesen Anspruch nicht erfüllen, ist in der Marktwirtschaft nicht auszuschließen. Dass man sich aber als Verband und Branche damit abfindet, ist ein Abgesang auf eine sozialpartnerschaftlich getragene Industriepolitik.

Es trifft selbst große Unternehmen wie Continental oder Mahle.
Wir erleben dort und anderswo, dass die Arbeitgeber offenbar an einem Miteinander bei der Krisenbewältigung nicht interessiert sind. Da stehen uns noch harte Auseinandersetzungen bevor. Beispiele wie ZF oder Bosch aber zeigen, dass Wandel auch anders geht. Wir sind dort auch nicht mit allem zufrieden, aber es werden zumindest keine Leute rausgeschmissen und Standorte ohne Alternative für die Beschäftigten geschlossen.

Der Durchschnittsverdienst in der Metall- und Elektroindustrie liegt nahe 60.000 Euro. Ist da ein Sparbeitrag zu viel verlangt?
In der Vergangenheit haben die Löhne die Ertragsfähigkeit der Branche nicht beeinträchtigt, sie spiegeln die Produktivität wider. Und ich erinnere daran, dass selbst in der tiefsten Krise Unternehmen 2020 weiter Dividenden in Milliardenhöhe ausschütten.

Wie viele der 3,9 Millionen Jobs in der Metall- und Elektroindustrie stehen auf dem Spiel?
Angekündigt haben die großen Unternehmen bisher den Abbau von 200.000 Arbeitsplätzen in den kommenden Jahren, aber das ist sicher nur die Spitze des Eisbergs. Seit dem Peak bei der Beschäftigung 2019 haben wir schon 120.000 Jobs verloren. Deshalb wollen und müssen wir gegensteuern und stellen als IG Metall die Frage einer gerechteren Verteilung des Arbeitsvolumens zur Diskussion.

Vier-Tage-Woche mit Lohnausgleich

Sie spielen auf die Vier-Tage-Woche an. Die Arbeitgeber wollen sich darauf aber nur ohne Lohnausgleich einlassen.
Ich habe nichts anderes von den Arbeitgebern erwartet. Wir brauchen aber Lösungen, damit sich auch untere Entgeltgruppen eine Arbeitszeitverkürzung leisten können. Das Wahlmodell zwischen Geld und Freizeit, das wir 2018 vereinbart haben, war auch höchst umstritten bei den Arbeitgebern. Jetzt in der Krise sind sie sehr glücklich, dass sie das Instrument haben.

Bestehende Tarifverträge sehen durchaus die Möglichkeit der Arbeitszeitverkürzung vor. Reicht das nicht?
Nein. Nehmen wir den Tarifvertrag Beschäftigungssicherung. Er macht eine lineare Absenkung der Arbeitszeit möglich. Dafür gibt es aber keinen Lohnausgleich, und deshalb ist die Absenkung im Streitfall auch auf sechs Monate befristet. Sonst wäre das eine viel zu starke Belastung für die privaten Haushalte. Mit der Vier-Tage-Woche streben wir eine deutlich längerfristig angelegte Möglichkeit der Arbeitszeitreduzierung an – deshalb braucht es einen Teillohnausgleich. Wir wissen außerdem, dass bei kürzeren Arbeitszeiten die Produktivität steigt.

Soll das ein genereller Einstieg in die 32- oder 28-Stunden-Woche werden?
Wir haben bewusst gesagt, dass wir die Vier-Tage-Woche als Option für Betriebe wollen, die Probleme haben, die Transformation zu bewältigen, und nicht als flächendeckende, kollektive Arbeitszeitverkürzung. Die Vier-Tage-Woche kann aber ein wichtiger Beitrag für eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Leben, weniger beruflichen Pendelverkehr und mehr Zeit für Qualifizierung sein. Aber auch in dieser Debatte sprechen wir von einer Option.

Einzelne Unternehmen fahren schon wieder Sonderschichten. Wie sieht es mit einer Abweichung von der Arbeitszeit nach oben aus?
Nach oben ist die Flexibilität heute schon ausreichend gegeben – etwa über Arbeitszeitkonten oder eine Öffnung für mehr 40-Stunden-Verträge. Mir fehlt die Fantasie, was man da noch mehr tun könnte.

Die Lage ist von Unternehmen zu Unternehmen sehr unterschiedlich, in der Strukturkrise stecken vor allem die Zulieferer. Ist der Flächentarif da überhaupt noch die richtige Antwort, oder müssen wir über Branchenlösungen nachdenken?
Der Flächentarif ist die richtige Antwort, weil er verhindert, dass Wettbewerb über Lohnkonkurrenz ausgetragen wird. Wir haben heute schon genügend Differenzierungsmöglichkeiten.

Krokodilstränen über Fachkräftemangel

Sollten mehr Entscheidungen auf die Betriebsebene verlagert werden?
Ich habe ja gesagt, dass wir ein Volumen für Entgeltsteigerungen und Beschäftigungssicherung wollen. Und auf Betriebsebene muss dann zwischen tariflich klar geregelten Optionen entschieden werden.

Auch die Arbeitgeber wollen mehr Entscheidungen auf Betriebsebene – aber ohne dass die IG Metall dort dann mitreden kann …
Das sind Arbeitgeberfantasien, die immer wieder aufkommen ...

Eine Stellschraube in den Tarifverhandlungen ist die Laufzeit. Kurz oder lang?
Darüber wird zu reden sein. Weil wir den weiteren Krisenverlauf so schlecht absehen können, bin ich für eine kurze Laufzeit, um danach auf möglicherweise veränderte Rahmenbedingungen reagieren zu können.

Sie fordern die Unternehmen auf, trotz der Krise weiter kräftig auszubilden. Aber kann man das von Firmen verlangen, denen das Wasser bis zum Hals steht?
Wenn das Wasser bis zum Hals steht, sollte man mit kräftigen Schwimmbewegungen beginnen. Das heißt, man braucht eine Belegschaft, mit der man auch morgen noch zukunftsfähige Produkte entwickeln und produzieren kann. Unternehmen dürfen heute nicht den Fehler machen, wegen der Krise an der Ausbildung zu sparen. Dann vergießen sie morgen wieder Krokodilstränen über den Fachkräftemangel.

Herr Hofmann, vielen Dank für das Interview.