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HAUPTSTADTGEFLÜSTER: Der neue Favorit für die Merkel-Nachfolge

Arne Delfs

(Bloomberg) -- Die Corona-Pandemie hat nicht nur die deutsche Wirtschaft zum Stillstand gebracht. Auch die vor einigen Wochen noch lebhaft geführte Debatte über den nächsten CDU-Vorsitzenden - und damit mutmaßlich auch Kanzlerkandidaten - ist dem Virus zum Opfer gefallen.

Das dürfte insbesondere dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet nicht gefallen. Laschet hatte bereits wie der haushohe Favorit ausgesehen, nachdem er sich mit Gesundheitsminister Jens Spahn gegen den früheren Fraktionschef Friedrich Merz verbündet hatte. Dieses Duo, das Laschets linksrheinischen Frohsinn mit Spahns Konservatismus verband, schien unschlagbar gegenüber dem als neoliberal verschrieenen Merz.

Bis das Coronavirus die deutsche Politik durcheinanderwirbelte und Laschets Träume eines bereits gesicherten Parteivorsitzes und der Kanzlerschaft zum Platzen brachte. Denn plötzlich betrat mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder ein Konservativer die bundespolitische Bühne, der sichtlich Gefallen daran fand, Deutschlands obersten Corona-Krieger zu geben.

Fast täglich hielt Söder zu Beginn der Pandemie Pressekonferenzen ab, auf denen er mit düsterer Miene die neueste Anti-Corona-Maßnahme verkündete: Erst Grenzschließungen, dann Kontaktbeschränkungen, dann schließlich den kompletten Lockdown. Den anderen Ministerpräsidenten blieb nichts anderes übrig, als dem forschen Bayern brav hinterherzutrotten. Die Bundeskanzlerin war nach erstem Zögern - sie hatte Grenzschließungen ursprünglich abgelehnt - ebenfalls auf Seiten Söders.

In den Umfragen schoss Söder, der bis zum Corona-Ausbruch eher als fränkischer Karrierist galt, daraufhin geradezu durch die Decke. Gegenüber Januar konnte er seine Beliebtheitswerte in Bayern um sagenhafte 27 Prozentpunkte auf 94% verbessern - laut ARD-Deutschlandtrend der höchste jemals für einen Landes- oder Bundespolitiker gemessene Wert. Söder hat damit den zweifelhaften Beweis erbracht, dass je mehr ein Politiker die Freiheiten der Menschen einschränkt, sie ihn desto mehr dafür lieben.

Armin Laschet muss all das zur Verzweiflung gebracht haben. Anders sind seine jüngsten öffentlichen Auftritte nicht zu erklären. So etwa am vergangenen Sonntag bei Anne Will, wo er Deutschlands Virologen vorwarf, täglich ihre Meinung zu ändern, um anschliessend über die Schulen in seinem eigenen Bundesland zu schimpfen - für die wohlgemerkt die von ihm geführte Landesregierung verantwortlich ist. Das Presseecho war vernichtend. Eine Reihe von Kommentatoren sprach Laschet danach rundweg die Eignung fürs Kanzleramt ab.

Um sich gegenüber Söder zu profilieren, hat Laschet sich zum lautstarken Befürworter eines Corona-Exits gemacht, was insbesondere bei der Kanzlerin für Unmut gesorgt hat. Im vertrauten Kreis hat er vor kurzem offen Angela Merkels harte Linie in der Coronakrise kritisiert und diese mit ihrer kompromisslosen Haltung in der Flüchtlingskrise verglichen. So langsam verstehe er die Verzweiflung von Horst Seehofer, soll sich Laschet nach Teilnehmerangaben beklagt haben. Seehofer hatte als damaliger CSU-Chef während der Flüchtlingskrise vergeblich auf eine Kursänderung Merkels gedrängt.

Selbst wohlmeinende Parteifreunde fragen sich mittlerweile, ob Laschet tatsächlich der richtige Mann fürs Kanzleramt ist. In der CDU kursieren bereits Szenarien, wonach Laschet auf dem Bundesparteitag Anfang Dezember in Stuttgart zwar noch den Parteivorsitz übernehmen könnte, die Kanzlerkandidatur dafür aber einem anderen überlassen müsste, dem die Delegierten weitaus bessere Chancen einräumen. Sie würden die Kandidatur dem Mann antragen, der schon auf dem letzten CDU-Parteitag mit einer fulminanten Rede für Begeisterung gesorgt hatte: Markus Söder.

Offen ist allerdings noch, ob der CSU-Chef zum nächsten CDU-Parteitag überhaupt wieder als Redner eingeladen wird. Da dürfte diesmal nämlich auch Laschet ein Wörtchen mitzureden haben.

(Dieser Kommentar spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung von Bloomberg LP oder deren Eigentümern wider. Arne Delfs ist Reporter bei Bloomberg News)

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