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Hat meine Bewerbung überhaupt eine Chance? Was Menschen mit Migrationshintergrund bei der Jobsuche erleben

·Lesedauer: 5 Min.

Sie sind nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren oder haben mindestens ein Elternteil, auf den das zutrifft: So definiert das Statistische Bundesamt Menschen mit Migrationshintergrund. Von ihnen leben mittlerweile rund 21 Millionen Menschen in Deutschland. Mehr als 11 Millionen Menschen haben eine andere Staatsbürgerschaft als die deutsche. Viele von ihnen erleben Benachteiligung im Arbeitsleben - daran ändert auch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz nichts.

Menschen Fähigkeiten zuzuschreiben oder abzuerkennen aufgrund ihres Namens, ihrer Herkunft, ihrer Religion: Das ist offenbar gelebte Praxis. Zahlreiche Studien belegen, dass Menschen mit Migrationshintergrund im Arbeitsleben Benachteiligungen erfahren – obwohl Deutschland laut dem Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung zur Bekämpfung des Fachkräftemangels einen Einwanderungsbedarf von jährlich mindestens 260.000 Menschen hat. Doch noch immer werden etwa afroamerikanische oder muslimische Bewerberinnen und Bewerber im Bewerbungsprozess besonders diskriminiert. Das ergab eine Studie des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung (WZB).

Analysten der Jobplattform Indeed wollten sich ein aktuelles Bild davon machen, wie Erwerbstätige mit Migrationshintergrund ihre Situation am Jobmarkt in Deutschland wahrnehmen. Gemeinsam mit dem Meinungsforschungsunternehmen YouGov haben sie daher 502 von ihnen nach ihren Erfahrungen im Arbeitsleben gefragt. Für ihre Studie „Gleiche Chancen für alle?“ fragten sie Menschen mit Migrationshintergrund, ob sie sich bei der Jobsuche benachteiligt fühlen und was die größten Probleme im Bewerbungsprozess für sie sind.

53 Prozent der Befragten fühlen sich bei der Jobsuche benachteiligt – Leistungsdruck vor allem bei Jüngeren

Der Studie zufolge empfinden viele sich im Berufsleben erheblich im Nachteil. Ein besonders sensibler Zeitpunkt ist der Start in den Job. So haben 16 Prozent der Befragten bei der Jobsuche in Deutschland häufig das Gefühl, diskriminiert zu werden. 26 Prozent fühlen sich manchmal benachteiligt, nur 12 Prozent selten. Damit fühlen sich insgesamt 53 Prozent der Befragten mehr oder weniger regelmäßig bei der Jobsuche benachteiligt. Diskriminiert fühlten sich rund die Hälfte der befragten Frauen, aber nur ein Drittel der Männer.

Ein knappes Drittel (29 Prozent) der Teilnehmenden gab gar an, keine faire Chance in Bewerbungsprozessen zu erhalten. Diesen Eindruck haben vor allem Frauen. Ein Drittel von ihnen gab an, selten oder nie eine faire Chance bei der Jobsuche zu bekommen. Das sagte nur ein Viertel der Männer. 35 Prozent der Befragten haben zumindest den Eindruck, mehr Jobabsagen als Menschen ohne Migrationshintergrund zu erhalten.

Viele Menschen beklagen aktuell Stress und Leistungsdruck im Beruf. Für Menschen mit Migrationshintergrund gilt das offenbar besonders: Das Gefühl, im Arbeitsleben mehr leisten zu müssen, ist ihnen der Indeed-Umfrage zufolge vertraut. 37 Prozent aller Teilnehmenden haben demnach den Eindruck, für die gleiche Anerkennung im Job mehr tun zu müssen als Menschen ohne Migrationshintergrund. Das sagen mehr als die Hälfte der 35- bis 44-Jährigen (52 Prozent). Auch bei den 18- bis 24-Jährigen und den 25- bis 34-Jährigen sind rund 40 Prozent dieser Meinung. Später nimmt dieser als stark empfundene Leistungsdruck ab: Von den 55-Jährigen mit Migrationshintergrund gaben nur 20 Prozent an, gefühlt mehr leisten zu müssen als ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen.

Vielsprachig, resilient, anpassungsfähig: So bereichern Menschen mit Migrationshintergrund das Arbeitsleben

Aufhorchen lassen auch die konkreten Faktoren der Diskriminierung. Diskriminierung empfinden die Befragten demnach am häufigsten wegen ihres Namens (37 Prozent), ihrer Staatsangehörigkeit (31 Prozent), ihres Geburtsorts (27 Prozent) und ihrer Religion (26 Prozent). Als Hindernis bei der Jobsuche beklagten je 43 Prozent der Befragten aber vor allem, dass Menschen mit Deutsch als Muttersprache bevorzugt werden und es in den Personalabteilungen Vorurteile gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund gibt.

Außerdem fanden ein Drittel (31 Prozent) der Befragten, dass Bildungs- und Ausbildungsabschlüsse aus Deutschland bevorzugt würden und 29 Prozent, dass es eine Rolle spiele, ob eine Bewerberin oder ein Bewerber als "deutsch" wahrgenommen wird.

„Dass sich Menschen aufgrund ihres Namens, der Religion oder der Hautfarbe im Arbeitsleben diskriminiert fühlen, ist einfach ein Unding, aber leider alltäglich“, sagt Frank Hensgens, Geschäftsführer Indeed DACH. „Menschen mit Migrationshintergrund müssen die gleiche Chance erhalten, im Berufsleben erfolgreich zu sein. Das gilt insbesondere auch für Frauen mit Migrationshintergrund, die sich laut unserer Umfrage noch stärker benachteiligt fühlen.“ Dazu könnten neue Strukturen und Prozesse im Recruiting einen Beitrag leisten, so Hensgens. „Genauso entscheidend ist allerdings, dass sich Führungskräfte ihrer Vorurteile bewusst werden, um einer diskriminierenden Personalauswahl und -entwicklung in jeglicher Hinsicht vorzubeugen.”

Schon einige wirkungsvolle Maßnahmen in den Unternehmen könnten für mehr Gerechtigkeit sorgen: So ermöglichen es sogenannte strukturierte Bewerbungsgespräche, dass alle Bewerbenden die gleichen Fragen beantworten. Außerdem wären anonymisierte Bewerbungen, die keine persönlichen Angaben wie Name, Geschlecht oder Nationalität enthalten, ein Weg: Je 35 Prozent der Befragten halten das für eine sinnvolle Maßnahme zur Vorbeugung von Diskriminierungen bei der Jobsuche. Bewerbungen ohne Bild befürworten 34 Prozent der von Indeed Befragten. Standardisierte Eignungsprüfungen, sogenannte Assessments, halten 31 Prozent der Befragten für ein Mittel zu mehr Fairness bei der Jobsuche.

Die Potenziale von Bewerberinnen und Bewerbern, die mehr als eine Kultur erfahren und erlebt haben, wird aus Sicht der Befragten in Deutschland zu wenig wertgeschätzt: Die Befragten vermissen Respekt, vor allem gegenüber ihren Qualitäten wie Vielsprachigkeit (55 Prozent), gegenüber ihren interkulturellen Kompetenzen (49 Prozent) und ihrer Anpassungsfähigkeit (47 Prozent) als Menschen mit Migrationshintergrund und damit vielfältigen Erfahrungen. Ebenso wertvoll sind aus ihrer Sicht ihre fachlichen Kompetenzen (44 Prozent), internationale Arbeitserfahrungen (38 Prozent) und Resilienz – die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen gut zu bewältigen. Auch ihr anderer Blickwinkel auf Themen (je 33 Prozent) müsse als wertvoll erkannt werden.

Wer sich als Betroffener gegen Diskriminierungen zur Wehr setzen möchte, kann gegen das Unternehmen, das ihn diskriminiert, klagen. Doch ohne eine offener denkende Personalabteilung bleibt es vorerst schwer. Unternehmen, so legt das Ergebnis der Befragung nahe, müssen noch mehr dafür sensibilisiert werden, ihre Entscheidungen nach der Qualifikation der Bewerbenden statt nach Aussehen, Religion und der Herkunft der Eltern zu treffen.

jsk

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