Deutsche Märkte schließen in 6 Stunden 32 Minuten

Ich habe ein Jahr lang ohne Telefon gelebt und gearbeitet – das hat mein Leben radikal verbessert

Javier Ortega-Araiza sagte, dass er vor seinem Experiment auf sein Smartphone angewiesen war, um seine sozialen Ängste zu lindern - Copyright: Javier Ortega-Araiza
Javier Ortega-Araiza sagte, dass er vor seinem Experiment auf sein Smartphone angewiesen war, um seine sozialen Ängste zu lindern - Copyright: Javier Ortega-Araiza

Seit einer Viertelstunde stehe ich nun schon an der vereinbarten Kreuzung und frage mich, ob mein Freund mich noch vor unserem Tennisspiel abholen wird. Aber ich kann ihn weder anrufen noch ihm eine SMS schicken, da ich kein Handy mehr habe. Also warte ich, verlasse mich auf ihn und lese, während die Uhr weiter tickt. Während ich darüber nachdenke, ob ich nach Hause laufen soll, hupt ein Auto aus der Ferne und blinkt mit seinen Lichtern. Mein Freund winkt.

Als wir uns auf den Weg zum Tennisplatz machen, denke ich zurück.

Vor ein paar Wochen funktionierte der Ladeanschluss meines Handys nicht mehr und ich beschloss, versuchsweise zwei Wochen lang ohne Handy auszukommen. Als die zwei Wochen vorbei waren, fühlte ich mich noch nicht bereit, wieder ein Handy zu nutzen. Also beschloss ich, ohne einen bestimmten Zeitrahmen im Auge zu haben, das Experiment zu verlängern. Und das dauerte schließlich ein ganzes Jahr. Wie viele von uns, habe auch ich festgestellt, dass ich zu viel Zeit mit meinem Handy verbringe und viel zu abhängig davon bin.

Laut Untersuchungen verbringen US-Amerikaner durchschnittlich vier Stunden und 31 Minuten pro Tag mit ihrem Smartphone – die Zahlen für Deutschland dürften ähnlich sein. Weitere Untersuchungen des Tech-Care-Unternehmens Asurion ergaben, dass Menschen durchschnittlich 96 Mal am Tag auf ihr Smartphone schauen, also etwa alle zehn Minuten.

Selbst wenn ihr es schafft, weniger als 96 Mal am Tag auf euer Handy zu schauen, kann sich die bloße Anwesenheit eines Handys negativ auf eure kognitiven Fähigkeiten auswirken. Eine 2017 im "Journal of the Association for Consumer Research" veröffentlichte Studie ergab, dass "selbst wenn Menschen erfolgreich darin sind, ihre Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten - wenn sie der Versuchung widerstehen, auf ihr Telefon zu schauen - die bloße Anwesenheit dieser Geräte die verfügbare kognitive Kapazität reduziert".

Angesichts dieser negativen Auswirkungen fragte ich mich, was passieren würde, wenn ich plötzlich auf mein Smartphone verzichten würde. Ich wollte wissen, ob ich mich besser oder schlechter fühlen würde, produktiver oder weniger fähig, meine Arbeit zu erledigen. Wie so viele andere hatte ich mein Handy als eine Art Hilfsmittel betrachtet, das mich bei Langeweile unterhielt, oder mich an ein Ereignis erinnerte, das ich vergessen hatte. Ich war so abhängig davon geworden, dass ich nicht mehr wusste, wer ich ohne mein Smartphone war. Aber ich wollte es herausfinden.

Frau Strand Handy
Frau Strand Handy

Mein Job ist der eines Content Creators: Ich schreibe und erstelle also Inhalte, vor allem Texte. Ohne die Ablenkung meines Handys musste ich feststellen, dass ich in einen tieferen Schreibfluss gerate. Darüber hinaus betreibe ich auch ein Unternehmen, das sich auf Bildungsreisen konzentriert. Aber da der Reiseverkehr aufgrund der Pandemie eingestellt wurde, gab es keine dringenden Aufgaben.

Ich war kein sehr aktiver Nutzer sozialer Medien wie Facebook oder Instagram. Allerdings verließ ich mich bei meiner täglichen Kommunikation sehr auf WhatsApp und iMessage. Meine E-Mails bearbeitete ich hauptsächlich über mein Handy. Wenn ich meine E-Mails oder Nachrichten auf dem Smartphone nach einem Tennisspiel überprüfte, stellte ich meistens fest, dass nichts Wichtiges passiert war.

Nach einer Weile ließ die Angst, die ich wegen der Trennung von meinem Smartphone empfand, nach. Plötzlich konnte ich aufwachen und mich auf mich selbst konzentrieren, statt als Erstes zum Handy zu greifen. Die Abwesenheit des Handys ermöglichte mir eine dringend benötigte Selbstanalyse. Weshalb war ich besorgt? Warum hatte ich das Bedürfnis, für alle Menschen sofort erreichbar sein zu müssen?

Mir wurde auch klar, wie sehr ich mich bei grundlegenden Dingen wie dem Merken von Telefonnummern auf mein Handy verließ. Ich erinnerte mich an die Telefonnummern von Freunden, die ich vor über zehn Jahren kennengelernt hatte. Damals gab es noch keine Mobiltelefone. Aber ich konnte mich nicht an die Telefonnummern von Leuten erinnern, die ich erst kürzlich getroffen hatte. Ich hatte mich mehr auf das Gedächtnis meines Handys als auf mein eigenes verlassen.

Wenn ich nun eine Person erreichen wollte, musste ich mir die Telefonnummer aufschreiben und sie von meinem Festnetztelefon aus anrufen. Dadurch wurde mir meine Kommunikation bewusster. Anstatt halbherzige Nachrichten zu verschicken und mehrere Gespräche gleichzeitig zu führen, war ich gezwungen, mich mit einer Person nach der anderen zu beschäftigen.

Ich war gezwungen, mich meinen Gefühlen zu stellen, wenn ich mich allein fühlte

Vorher konnte ich, wenn ich mich alleine fühlte, jemanden eine Nachricht schicken und bekam sofort eine Rückmeldung. Das konnte ich jetzt nicht mehr tun. Da keine On-Demand-Apps verfügbar waren, waren meine Fluchtwege blockiert. Wenn ich in einer Bar saß und mich unwohl fühlte, konnte ich mein Telefon nicht mehr als Ablenkung benutzen. Ich musste mich meinen Gefühlen stellen. Das Gleiche galt für schwierige Gespräche: Ich beobachtete, wie andere Leute auf ihr Handy schauten, das Thema mieden und versuchten, es später per Nachricht zu klären. Aber ich hatte es nicht so einfach.

Natürlich gab es auch logistische Probleme, die ich ohne Smartphone bewältigen musste. Ich konnte zum Beispiel kein Uber bestellen, es sei denn, ich lieh mir das Smartphone von jemandem. Insgesamt erforderten die Dinge mehr logistische Planung, zumindest anfangs. Einige Dinge dauerten länger als ursprünglich erwartet und ich musste Pläne früh genug organisieren und mit anderen abstimmen.

Ich war gezwungen zu lernen, wie ich besser kommunizieren kann. Darüber hinaus musste ich auch gegen meinen Instinkt ankämpfen, mein Handy zu zücken, um nach dem Weg zu schauen. Ich hatte mich so sehr daran gewöhnt, dass ein GPS die Arbeit für mich erledigt. Ohne Smartphone oder Google Maps musste ich tatsächlich mit anderen Menschen sprechen und nach dem Weg fragen.

Meine Mitarbeiter wurden selbstständiger, weil ich nicht immer verfügbar war

Hilfe zu brauchen und zu lernen, wie man um Hilfe bittet, veränderte auch meine Unternehmensführung. Ich erkannte, dass meine Kollegen über bestimmte Themen besser Bescheid wissen als ich - das machte meine Arbeit allerdings nicht weniger wertvoll. Wenn wir als Team funktionieren wollen, müssen wir lernen, Hilfe anzunehmen.

Zuvor war ich stolz darauf gewesen, dass ich für jeden in meinem Unternehmen sofort ansprechbar war. Da dies nun nicht mehr möglich war, mussten meine Mitarbeiter andere Lösungen finden. Viele Menschen in meinem Umfeld reagierten skeptisch. Weil ich nicht mehr immer erreichbar war, führte die neue Situation sie zu dringend benötigten Veränderungen.

Mir wurde klar, dass ich ein größerer Mikromanager als gedacht war. Und mir wurde bewusst, wie viele Probleme von meinen Mitarbeitern gelöst werden konnten, wenn ich ihnen vertraute. Ich musste nicht immer versuchen, ihre Probleme zu lösen. Dadurch wurde mein Unternehmen weniger abhängig von mir und es eröffnete auch anderen Menschen den Raum, sich zu engagieren.

Allmählich spürte ich einen tieferen inneren Frieden, der es mir auch ermöglichte, mich besser auf meine Arbeit zu konzentrieren. Anstatt nach dem Aufwachen sofort ansprechbar zu sein und meinen Arbeitsfluss wegen Nachrichten auf dem Handy zu unterbrechen, konnte ich bei allen Tätigkeiten präsent sein.

Ich habe gelernt, dass ich eine gesündere Beziehung zu meinem Smartphone führen kann

Wie bereits erwähnt, war vorher das Bildungsreisegeschäft eine meiner intensivsten Telefontätigkeiten. Als die Reisen wieder aufgenommen wurden, sollte ich ein Programm in New York leiten. Da hatte ich das Gefühl, dass ich ein Smartphone brauchte, um meine Arbeit zu erledigen. Und so reaktivierte ich ein Jahr nach Beginn meines telefonfreien Experiments meinen Handyvertrag.

Es war ein Test, ob ich das Gerät benutze oder es mich benutzt. Aber ich kann stolz behaupten, dass es eher Ersteres als Letzteres war. Ab sofort verfolge ich einen "Deep Work"-Ansatz, bei dem ich Bürozeiten einhalte, um auf Apps wie WhatsApp oder Telegram zu reagieren. Ansonsten versuche ich, mich von meinem Handy fernzuhalten.

Natürlich gelingt das nicht immer einwandfrei. Es gibt Zeiten, in denen ich mich in einer Gruppe befinde und die Unterhaltung langweilig ist. Um die Leute nicht zu verletzen und die Unterhaltung zu verlassen, greife ich stattdessen zu meinem Smartphone, um die neuesten ATP- oder Premier-League-Ergebnisse zu überprüfen.

Insgesamt fühle ich mich viel besser. Meine Angst, ständig mit der Welt verbunden zu sein, ist mit der Zeit kleiner geworden. Mein Bewusstsein und meine Kommunikationsfähigkeiten haben sich verbessert. Ich habe ein Handy, aber es beherrscht mich nicht. Es ist ein Werkzeug, das ich benutze, wenn ich es brauche. Eine meiner stolzesten Errungenschaften ist, dass ich wichtige Gespräche jetzt persönlich führe (oder per Videoanruf, wenn die Person nicht am selben Ort ist wie ich). Ich versuche nicht, den Situationen durch vage Texte oder einfaches Ghosting zu entkommen.

Smartphones sind weder gut noch schlecht - sie erweitern lediglich das Bewusstsein ihrer Nutzer. Sie können unser Leben verbessern oder es verschlechtern. Ob wir unser Smartphone zu unserem Verbündeten oder zu unserem Feind machen, ist unsere Entscheidung.

Dieser Text wurde aus dem Englischen übersetzt. Den Originalartikel findet ihr hier.