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Ich habe meine Forscherkarriere hingeworfen, um zu gründen – warum das mehr Leute tun sollten

·Lesedauer: 6 Min.

Jan Goetz ist Quantenphysiker und hat mit IQM eines der führenden Quantencomputer-Startups gegründet. IQM ist eine Ausgründung der Aalto-Universität in Finnland, wo Gründen Teil der universitären Ausbildung ist.

Eigentlich wollte ich meinem damaligen Professor und heutigen Co-Founder Mikko Möttönen an diesem Tag im Oktober 2018 verkünden, dass ich mich auf eine Junior-Professur an einer anderen Universität bewerben werde. Der Plan ging nicht auf: Sein Büro verließ ich als designierter CEO von IQM.

Möttönen hatte zu dieser Zeit schon länger in Erwägung gezogen, ein Quanten-Startup an der Aalto-Universität in Helsinki auszugründen. Deshalb hatte er auch schon unsere weiteren Mitgründer Kuan Tan, zu dieser Zeit noch bei Microsoft Quantum, und den Quantenphysiker Juha Vartiainen rekrutiert. Was meinem Professor aber noch fehlte war ein CEO, da er seine eigene Forschungsgruppe nicht aufgeben wollte. Er bot mir den Posten an und das ambitionierte Ziel, eine global führende Hardwarefirma für Quantencomputing aufzubauen. Da musste ich nicht zweimal darüber nachdenken.

Ziemlich unvorbereitet und etwas blauäugig gingen wir in die ersten Investoren-Pitches. Begriffe wie Cap Table oder Tag-Along-Right waren mir komplett fremd. Es war ein bisschen wie in der Abi-Zeit: Sehr viel Selbstsicherheit bei absoluter Ahnungslosigkeit was den Investoren-Slang anging. Was zählte, war letztlich das technische Know-how. Schnell begriffen wir dann auch die Logik und Sprache der Investoren und waren schließlich in der Lage, die größte Seed-Finanzierungsrunde in der Geschichte Finnlands auf die Beine zu stellen.

Leider gibt es nach wie vor zu wenige Wissenschaftler, die wie ich bereit waren, ihre Uni-Karriere gegen das Unternehmertum einzutauschen. Woran liegt das eigentlich?

Einer französischen Studie zufolge sähen zwar 44 Prozent der befragten Nachwuchsforscher eine Unternehmensgründung als Karrieremöglichkeit. Allerdings fühlen sich nur 16 Prozent von ihrer Universität ermutigt, aus ihrer Disziplin heraus eine Firma zu gründen. Während in den USA pro wissenschaftlicher Publikation fast vier Startups entstehen, ist es in Deutschland weniger als eins. Es wird deutlich, dass wir in Europa nur einen Bruchteil des Potenzials nutzen, das uns unsere Universitäten bieten.

Um das zu ändern, habe ich mich gemeinsam mit anderen Unternehmern zu der Initiative Scale Up Europe zusammengeschlossen. Und zwar unter der Schirmherrschaft von Emmanuel Macron. Zusammen haben wir konkrete Vorschläge erarbeitet, wie Europa es schaffen kann, sich wieder als führenden Technologie-Standort zu etablieren. Einer unserer Vorschläge ist es, den Unternehmergeist an den Universitäten zu stärken und Ausgründungen zu stimulieren. Was bedeutet das?

Das funktioniert zum einen als Bottom-Up-Ansatz: Wir müssen das unternehmerische Denken von Anfang an in den Köpfen der Forscherinnen und Forscher verankern. Dies kann über Entrepreneurship-Zentren wie dem UnternehmerTUM an der TU München gelingen. Es bedarf jedoch deutlich mehr und besser ausgestattete Entrepreneurship-Zentren, die aktiv die unternehmerische Ausbildung gestalten. Zusätzlich müssen auch die Entscheidungsgremien und Führungskräfte selbst deutlich unternehmerischer handeln. Im Aufsichtsrat der Aalto Universität sitzt beispielsweise ein führender Vertreter aus der Deeptech-VC-Szene. Nur wenn wir systematisch das unternehmerische Denken in die Universitäten bringen, werden wir nachhaltig von den Technologien profitieren, die unsere Top-Wissenschaftler entwickeln.

Wer, wie ich damals, mit dem Gedanken spielt, aus der Forschung ins Unternehmertum zu wechseln, sollte ein paar Dingen beachten:

Das Team

Ein Startup zu gründen und zu skalieren, bedarf unterschiedlicher Skills. Viele dieser Fähigkeiten bekommt man während seiner wissenschaftlichen Karriere leider nicht beigebracht. Deshalb ist es wichtig, sich von Anfang an Gedanken über ein diverses Führungsteam zu machen. Sehr wichtig ist gegenseitiges Vertrauen. Viele Wissenschaftler arbeiten schon mehrere Jahre in Projektteams zusammen – eine ideale Gelegenheit, um zu testen, ob man ein gemeinsames Wertesystem vertritt, um darauf aufbauend eine Firma zu starten.

Empfehlenswert ist es auch, schon früh Partner mit nicht-technischem Hintergrund einzubeziehen. Leute, die sich beispielsweise mit Finanzen oder Rechtsthemen auskennen. Um das Startup nach der Gründung schnellstmöglich zum Laufen zu bekommen, kann man auch schon vor der ersten Finanzierungsrunde potenzielle Mitarbeiter anfragen, ob sie im Falle einer Seed-Finanzierung einsteigen würden.

Ein weiterer Anreiz können Mitarbeiterbeteiligungsprogramme sein, damit gerade die frühen Teammitglieder von einem potenziellen Firmenerfolg profitieren können. Dadurch kann ein Kreislauf ähnlich wie im Silicon Valley entstehen, in dem frühe Mitarbeiter nach einem erfolgreichen Exit als Angel-Investoren Kapital und Expertise in neue Startups investieren.

Die Geschäftsidee

Viele Wissenschaftler sind es gewohnt, technische Probleme zu lösen oder grundlegende Fragestellungen zu beantworten. Die Fragestellung, die man jedoch als Startup-Gründerin oder -Gründer immer im Kopf haben sollte, ist keine technische, sondern lautet: Who cares? Das heißt, wer sind die möglichen Kunden für mein Produkt und aus welchem Grund würden die Kunden das Produkt kaufen? Viele Wissenschaftler glauben, eine technische Lösung sei schon ausreichend für eine Geschäftsidee. Hierbei fehlt allerdings komplett der Produktaspekt. Zum Beispiel lässt sich ein neuer Sensor nur dann vermarkten, wenn er auch die richtigen Schnittstellen, technischen Spezifikationen und den richtigen Preis hat.

Die Investoren

In der Regel erfordert die Umsetzung einer Geschäftsidee, die aus dem wissenschaftlichen Umfeld kommt, eine beachtliche Anschubinvestition. Gefolgt von weiteren Finanzierungsrunden in einem Abstand von circa zwei Jahren. Diese Investitionen werden von sogenannten Deeptech-Investoren getätigt, die sich speziell auf Technologiestartups fokussieren.

Bei der Auswahl der Investoren sollten ein paar wichtige Punkte beachtet werden: Verstehen die Investoren die Technologie ausreichend, um bei der Umsetzung der Geschäftsidee hilfreich zu sein? Haben sie Erfahrung mit dem anvisierten Geschäftsmodell, wie etwa Software as a Service oder System Sales? Haben sie ein Netzwerk, das dabei helfen kann, das Geschäftsmodell umzusetzen und geeignete Führungskräfte zu rekrutieren? Können die Investoren die eigenen, oft sehr technischen Fähigkeiten komplementieren, zum Beispiel im Bereich Marketing, Finanzen oder Recht?

Und zu guter Letzt: Teilen die Geldgeber das gleiche Wertesystem und die Vorstellung einer Firmenkultur wie die Gründer? Das ist besonders wichtig, da ein Deeptech-Investor die eigene Firma vermutlich länger als acht Jahre begleiten wird – länger als eine durchschnittliche Ehe in der westlichen Welt.

Die Just-do-it-Mentalität

Zum Schluss kommt der persönlichste und meist der schwierigste Schritt: Man muss sich dazu durchringen, seine wissenschaftliche Karriere erst einmal an den Haken zu hängen, um ein neues Abenteuer einzugehen. Hierzu kann man jeden potenziellen Gründer nur ermutigen. Die Lernkurve in den ersten Jahren eines Startups ist so viel steiler als in der Wissenschaft. Man fängt an zu verstehen, wie man nachhaltig einen Nutzen für unsere Gesellschaft schafft. Sein Team zusammen mit einem selbst wachsen zu sehen, macht all die Überstunden und kleineren Probleme locker wieder gut. Wichtig ist auch, dass man keine Angst vor dem Scheitern haben sollte. Es gehört dazu, dass ein Geschäftsmodell oder eine Technologie auch mal nicht funktioniert. Dies sollten wir lediglich zum Anlass nehmen, aus unseren Fehlern zu lernen und es bei der nächsten Gründung besser zu machen.

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