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In Griechenland schwindet die Hoffnung auf eine schnelle wirtschaftliche Erholung

Höhler, Gerd
·Lesedauer: 5 Min.

Athen versucht mit Milliardenhilfen, Unternehmen im Lockdown zu stützen. Das wirft das Land beim nötigen Schuldenabbau massiv zurück.

Die Krise wirft Griechenland beim Schuldenabbau zurück. Foto: dpa
Die Krise wirft Griechenland beim Schuldenabbau zurück. Foto: dpa

Kyriakos Mitsotakis versucht, seine Landsleute zu trösten: Man befinde sich „auf der letzten Meile zur Freiheit“, sagte der griechische Ministerpräsident, als er kürzlich in einer TV-Ansprache den dritten Lockdown seit Beginn der Pandemie verkünden musste. Aber wie das nun mal ist bei einem Marathon: Nicht alle erreichen das Ziel, manche machen auf den letzten Metern schlapp.

„Ich kann nicht mehr“, sagt Myrto Lambrinidi. 22 Jahre lang hat sie ihr Modegeschäft im Athener Stadtteil Dafni geführt, ein Familienunternehmen in zweiter Generation. Für sie bedeutet der Lockdown, den die Regierung vergangene Woche über die Hauptstadtregion Attika verhängte, das endgültige Aus.

Fast 60 Prozent des Umsatzes hat sie während der Pandemie verloren. Knapp 4000 Euro bekam sie an staatlichen Überbrückungskrediten, „aber das deckt nur einen kleinen Teil der laufenden Kosten“, erklärt Lambrinidi. „Bevor ich mir noch mehr Schulden aufhalse, mache ich lieber dicht“, sagt die 56-jährige Geschäftsfrau.

Wie Lambrinidi geht es Zehntausenden griechischen Kleinunternehmern. „Viele kämpfen um ihre Existenz“, sagt Giorgos Karanikas, Präsident des Einzelhandelsverbands. Griechenlands Wirtschaftsleistung ist im vergangenen Jahr nach jüngsten Berechnungen der EU-Kommission um zehn Prozent eingebrochen. Nicht mal 2011, im schlimmsten Jahr der Schuldenkrise, ging das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dermaßen stark zurück. Die Hoffnung auf eine schnelle Erholung schwindet.

Mit dem neuen Lockdown reagierten die Behörden auf stark ansteigende Infektionszahlen. Noch Ende Januar verzeichnete das Land 30 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen. Inzwischen bewegt sich die Sieben-Tage-Inzidenz auf 80 zu.

Die Wirtschaft kommt massiv unter Druck. Wegen des Lockdowns wird das BIP auch im ersten Quartal 2021 schrumpfen. Ökonomen erwarten ein Minus von mindestens zehn Prozent. Für das Gesamtjahr rechnet die Regierung mit einem Wachstum von 4,8 Prozent. Die EU-Kommission ist skeptischer. Sie setzt in ihrer nun veröffentlichten Winter-Prognose nur noch drei Prozent an.

Besonders hart trifft der Lockdown die Gastronomie. Restaurants, Tavernen, Cafés und Bars sind seit Anfang November geschlossen. Giorgos Kavvathas, Vorsitzender des Branchenverbands GSEBEE, fürchtet, dass von den 81.000 griechischen Gastronomiebetrieben etwa 40.000 die Pandemie wirtschaftlich nicht überstehen werden.

Kleinteilige Wirtschaft

Schlecht sieht es auch im Einzelhandel aus. Die Existenz jedes vierten Geschäfts steht laut Schätzungen aus Branchenkreisen auf der Kippe.

Verschärft wird die Krise dadurch, dass Griechenlands Wirtschaft sehr kleinteilig aufgestellt ist: 46 Prozent der Unternehmen haben weniger als zehn Mitarbeiter. Die meisten Betriebe sind schwach kapitalisiert und haben wenig Liquidität. Entsprechend schnell geraten sie im Lockdown in finanzielle Schwierigkeiten.

Die Regierung sichert der Wirtschaft Milliarden Euro zu, um angeschlagene Unternehmen zu stützen und Arbeitsplätze zu sichern. Aber die Hilfen bringen den Haushalt durcheinander: Vergangenes Jahr gab Finanzminister Christos Staikouras 24 Milliarden Euro für Corona-Staatshilfen aus. Im diesjährigen Haushalt hat er weitere 7,5 Milliarden Euro angesetzt. Unterm Strich entspricht das 19 Prozent des BIP des vergangenen Jahres oder der Summe, die Griechenland in den kommenden sieben Jahren aus dem EU-Aufbaufonds erwartet.

Finanzminister Staikouras muss also ständig nachbessern. Die für 2021 angesetzten 7,5 Milliarden Euro werden nicht reichen, räumte er kürzlich im Parlament ein. 5,9 Milliarden Euro davon wurden bereits ausgegeben – dabei hat das Jahr gerade erst begonnen. Und während Staikouras immer mehr Geld nachschießt, brechen wegen der Rezession die Steuereinnahmen weg. Im Januar lagen sie 7,4 Prozent unter dem Plan, meldete das Finanzministerium am Montag.

Der Finanzminister könnte auf die Rücklagen zugreifen, um das Haushaltsloch zu stopfen. Aber der Liquiditätspuffer ist bereits von 37 Milliarden Euro vor der Pandemie auf nun 31 Milliarden Euro geschrumpft. Löst Staikouras weitere Ersparnisse auf, könnte das die Kreditwürdigkeit des Landes beeinträchtigen.

Also zapft er den Kapitalmarkt an. Seit Jahresbeginn platzierte Athen neue Anleihen im Wert von mehr als 5,5 Milliarden Euro. Die Folge: Corona wirft Griechenland beim Schuldenabbau weit zurück. Ende Dezember erreichte der Schuldenstand nach vorläufigen Berechnungen mit 208,9 Prozent des BIP einen Rekord. Das Land, das sich vor der Coronakrise gerade erst von den Folgen einer zehnjährigen wirtschaftlichen Talfahrt zu erholen begann, macht nun wieder Schulden.

In diesem Jahr wird der Schuldenberg laut neueren Schätzungen von 340 auf etwa 350 Milliarden Euro anwachsen. Nach jüngsten Berechnungen der EU-Kommission wird Griechenlands Schuldenquote bis 2040 kontinuierlich mehr als 120 Prozent vom BIP betragen. Erst 2060 wird der Verlauf der Schuldenkurve wieder auf das Niveau vor der Coronakrise zurückgehen – wenn sich die Wachstumserwartungen erfüllen und Athen an der fiskalischen Disziplin festhält.

2020 schloss der Haushalt mit einem Primärdefizit von 7,2 Prozent des BIP. In diesem Jahr wollte Finanzminister Staikouras den Fehlbetrag auf 3,9 Prozent begrenzen. Aber das ist bereits Makulatur.

Experten plädieren für Verlängerung des Lockdowns

Jeder Monat Lockdown koste den Staat rund drei Milliarden Euro, rechnete Staikouras nun vor. Und niemand weiß, wie lange der Ausnahmezustand andauern wird.

In der Hauptstadtregion Attika leben 40 Prozent der Gesamtbevölkerung Griechenlands, hier werden 57 Prozent des BIP erwirtschaftet. Entsprechend massiv sind die Auswirkungen des Lockdowns für die Volkswirtschaft insgesamt. Vorerst gelten die verschärften Beschränkungen bis Ende Februar. Aber viele Fachleute plädieren bereits dafür, sie mindestens um weitere zwei Wochen zu verlängern.

Premier Mitsotakis will sich nicht festlegen. In einem TV-Interview äußerte er die Hoffnung, „dass die Lage bis Ostern viel besser ist und wir viel optimistischer sein werden“. Das orthodoxe Osterfest feiern die Griechen allerdings erst am 2. Mai.

Bis dahin möchte auch Myrto Lambrinidi ihren Laden noch einmal öffnen, für den Räumungsverkauf. Mit dem Erlös hofft sie wenigstens die Staatshilfen zurückzahlen zu können.