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Der „Greta-Effekt“ macht den Mineralbrunnen zu schaffen

Weil Verbraucher Plastikflaschen meiden, investieren die Getränkekonzerne Milliarden in Wassersprudler. Die kleinen Mineralbrunnen können da nicht mitziehen.

Der Absatz von PET-Flaschen sinkt deutlich. Foto: dpa

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Hans-Peter Kastner reichte es: Mitte Juni postete der Getränkehändler aus Stuttgart auf Facebook ein Foto von 10.000 Einweg-Plastikflaschen in 50 riesigen Müllsäcken. Die hatten Kunden bei ihm in nur zwölf Wochen abgegeben. „Umweltschutz? Unterstützung der Nahversorgung? Nachhaltiges Denken? Nein, es geht um Bequemlichkeit, Geiz ist geil und nach mir die Sintflut“, prangerte er den Plastikwahn an. Sein Post wurde millionenfach geteilt.

Kastner hat seitdem Einweg-Plastikflaschen verbannt und fast komplett auf Mehrweg-Glas umgestellt – der befürchtete Umsatzeinbruch blieb weitgehend aus. Anfang November schrieb Kastner einen offenen Brief an Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Darin forderte er eine verpflichtende Mehrwegquote von 70 Prozent. „So können jährlich 8,3 Milliarden Einweg-Plastikflaschen eingespart werden.“

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Der Getränkehändler trifft mit seinem Boykott von Plastikflaschen den Nerv der Zeit. Nicht zuletzt die Fridays-for-Future-Bewegung von Greta Thunberg hat die Menschen sensibilisiert für Plastikverpackungen jeder Art.

Immer mehr Verbraucher hierzulande steigen deshalb beim Kauf von Mineralwasser von Plastik- auf Glasflaschen um – oder trinken gleich verpackungsfreies Leitungswasser. Die Geschäfte mit Mineralwasser sind rückläufig. Die Mineralwasserbranche ist alarmiert und versucht gegenzusteuern.

Der Absatz von Mineralwasser in PET-Einwegflaschen in Deutschland ist in den zwölf Monaten bis Ende September 2019 zum Vorjahreszeitraum um mehr als zehn Prozent eingebrochen. Das zeigen Daten des Marktforschers Nielsen. Selbst PET-Mehrwegflaschen wurden um mehr als acht Prozent weniger verkauft.

Einzig Mineralwasser in Mehrweg-Glasflaschen konnte um fast sechs Prozent zulegen. Insgesamt ist der Absatz von Mineralwasser um rund acht Prozent gesunken.

Rückbesinnung auf Glasflaschen

„Es gibt einen ‚Greta-Effekt‘ und das ist gut so“, heißt es bei Danone Waters (Volvic, Evian). „Die gesamte Industrie muss in ihrem Umgang mit CO2₂ und Plastik radikal umdenken.“ Der Absatz von Mineralwasser des französischen Konzerns sank weltweit im dritten Quartal um 2,5 Prozent. Mit der Geschäftsentwicklung in Deutschland ist der Konzern „zufrieden“, landesspezifische Zahlen werden nicht kommuniziert.

Danone ist mit Volvic deutscher Marktführer für stilles Markenmineralwasser. Die Abkehr von Plastikflaschen dürfte Danone langfristig besonders betreffen, wird Volvic doch ausschließlich in PET-Einwegflaschen vertrieben.

Mehr als 150 Liter Mineralwasser trinkt jeder Deutsche laut Verband Deutscher Mineralbrunnen (VDM) im Jahr, der Hitzesommer 2018 brachte einen Rekord. Im Jahr 2000 waren es erst 100 Liter pro Kopf. Der Weltwassermarkt ist gigantisch gewachsen. Marktforscher Euromonitor schätzt ihn 2018 auf 130 Milliarden Dollar.

Wurde Mineralwasser früher hauptsächlich regional getrunken, haben Konzerne von Nestlé (Vittel, Perrier, San Pellegrino) über Danone (Volvic, Evian) bis Coca-Cola (Apollinaris, Vio) durch viel Marketing globale Wassermarken etabliert.

Die Mineralbrunnen wehren sich gegen die Verteufelung von Plastikflaschen. „Mineralwasser in Glasflaschen liegt aktuell im Trend und vielen erscheint es auf den ersten Blick als nachhaltigste Verpackungsvariante“, heißt es bei Danone Waters. „PET ist jedoch 25-mal leichter als Glas und hat daher in unserem Fall einen geringeren CO2-Fußabdruck.“ Schließlich werden Volvic-Flaschen in rund 60 Länder exportiert. Das Gros geht nach Deutschland, Frankreich und Großbritannien.

Danone hat sich das Ziel gesetzt, bis 2020 alle Volvic-Flaschen zu 100 Prozent aus recyceltem PET herzustellen. Evian ist zudem Danones erste klimaneutrale Marke in Deutschland.

„Jede Verpackungsform hat ihre Vorzüge – auch bezogen auf die Umweltwerte“, gibt Gerolsteiner Brunnen zu bedenken, der führende Anbieter von Markenmineralwasser in Deutschland. Glas sei in der Herstellung sehr energieintensiv, profitiere in der Ökobilanz aber von der hohen Zahl der Wiederbefüllungen.

Bis zu 50-mal kann eine Glasflasche genutzt werden, eine leichtere PET-Flasche bis zu 20-mal. Mehrwegflaschen haben bei Gerolsteiner einen Anteil von 65 Prozent am Absatz, auf Glas-Mehrweg entfallen dabei 27 Prozent, sie wachsen aber am stärksten. Gerolsteiner wird zu 80 Prozent regional im Umkreis von 250 Kilometern vertrieben. 2019 startete der Brunnen Tests mit kombinierten Lkw-Bahn-Transporten. Das spare ein Drittel CO2 im Vergleich zu reinen Lasterfahrten.

Auch Nestlé Waters spürt den Wandel. Bei seiner Flaggschiff-Marke Vittel bestätigt der Konzern einen zehnprozentigen Umsatzrückgang in Europa, auch wenn bestimmte Größen gegen den Markttrend wachsen. „Wir bewegen uns aktuell in einem zunehmend wettbewerbsintensiven Umfeld und einem sich rasch verändernden Wassermarkt“, sagt eine Sprecherin.

Die PET-Flaschen von Vittel zeichnete die Deutsche Umwelthilfe (DUH) in diesem Jahr mit dem Negativpreis „Goldener Geier“ aus. „Wenig Wasser in viel Verpackung, der Achter-Pack noch mal mit Schrumpffolie umwickelt und dazu lange Transportwege von Frankreich nach Deutschland. Das ist ökologischer Wahnsinn“, wettert die DUH.


Nestlé will Sodastream Konkurrenz machen

Umweltschützer kritisierten das Geschäft der Schweizer seit Jahren. Kritik zieht Nestlé Waters besonders dort auf sich, wo das Wasser knapp zu werden droht – etwa in Afrika oder im französischen Städtchen Vittel, in dem das gleichnamige Wasser millionenfach in Flaschen abgefüllt wird.

Zwischenzeitlich war dort gar eine Pipeline im Gespräch, um in Zukunft die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Zudem gilt der Konzern als einer der größten Plastikverschmutzer weltweit.

„Das Wassergeschäft muss eine Reihe von Nachhaltigkeitsthemen bewältigen, die zunehmend wichtiger werden“, räumte Nestlé-Chef Mark Schneider bei der Präsentation der jüngsten Quartalszahlen denn auch ein, der die Sparte radikal umbaut. Und er versicherte: „Wir machen unsere Hausaufgaben, wenn es um Innovationen im Wassergeschäft geht.“

In einem ersten Schritt will der Konzern mehr Wasser in wiederverwertete PET-Flaschen abfüllen. Zudem will Nestlé im neuen Lausanner Forschungszentrum alternative Verpackungsmaterialen entwickeln.

Dort lässt sich bereits erkennen, wie die Zukunft des Wassergeschäfts bei Nestlé aussehen könnte: ein eigener Wassersprudler, der Sodastream Konkurrenz machen will. Die Maschine namens Refill+ sieht zunächst wie ein normaler Getränkeautomat aus.

Doch aus dem Metallkoloss purzeln keine PET-Flaschen. Stattdessen können Kunden eine Mehrwegflasche einstellen und per Display wählen, was eingefüllt werden soll: sprudelndes oder stilles Wasser und verschiedene Geschmacksrichtungen. Die Zahlung erfolgt bargeldlos.

Schneider spricht von „Hightech-Geräten, die umfangreiche Filter- und Remineralisierungstechnik nutzen“, um für Qualität und Geschmack zu sorgen. Das Projekt soll schon 2020 starten. Derzeit laufen Tests. ZKB-Analyst Patrik Schwendimann zeigt sich abwartend: „An den vergleichsweise wenig attraktiven Margen im Wassergeschäft dürften auch neue Konzepte wie Refill+ nichts über Nacht ändern.“

Auch andere Konzerne wollen am Geschäft mit aufgepepptem Leitungswasser mitverdienen. PepsiCo hatte Ende 2018 die israelische Firma Sodastream für 3,2 Milliarden Dollar übernommen. Fast jeder zehnte deutsche Haushalt nutzt bereits einen Sodastream. Eine Familie spare mit dem Wassersprudler im Jahr angeblich 2000 bis 3000 Flaschen. 2020 kommt zudem Pepsi Homemade mit Getränkekonzentraten auch nach Deutschland.

Konkurrent Coca-Cola (Apollinaris, Vio) bietet mit dem Wasserspender Dasani PureFill wahlweise gefiltertes Leitungswasser mit Geschmack oder Sprudel an. In 100 Büro, Unis und Kliniken wird das Gerät derzeit getestet.

Gratis-Leitungswasser in Restaurants

Danone hat sich über seinen Investmentarm mit 13 Prozent am Berliner Start-up Mitte beteiligt. Auch Bitburger und die Oetker-Gruppe halten Anteile. Mitte-Gründer Moritz Waldstein-Wartenberg will Ende 2020 eine Maschine auf den Markt bringen, die Wasser von allen Schadstoffen – auch Hormonen – reinigt und mit Kartuschen wieder remineralisiert. Seine Vision: „Wir wollen das gleiche hochwertige Wasser in den bayerischen Alpen oder in einer chinesischen Großstadt produzieren.“ Für Danone ist Mitte ein überzeugendes Unternehmen, „das strategisch gut zu uns passt“.

Rückenwind bekommen Wassersprudler von Ministerin Schulze. Sie ermuntert Verbraucher, Leitungswasser zu trinken. Das ärgert die mehr als 200 kleinen familiengeführten Mineralbrunnen hierzulande. Sie haben – anders als die Konzerne – nicht die Finanzkraft, sich ein zweites Standbein mit Wassersprudlern aufzubauen.

Zusätzliche Kopfschmerzen bereitet der Branche indes eine neue Trinkwasserrichtlinie der EU. Brüssel will den Ausschank von kostenlosem Leitungswasser in Restaurants fördern. Dies soll zwar nur eine Empfehlung sein, einzelne Mitgliedstaaten könnten aber verbindliche Gesetze ableiten.

In einem Positionspapier „Ja zum Naturprodukt Mineralwasser“ wehren sich Verbände von Mineralbrunnen, Gaststätten und der Getränkefachgroßhandel vehement: Natürliches Mineralwasser sei mit Leitungswasser in keiner Weise vergleichbar und werde „zunehmend diskriminiert“. Deshalb seien Arbeitsplätze gefährdet – auch in der Gastronomie. Denn das Gastgewerbe macht einen nicht unerheblichen Umsatzanteil mit dem Verkauf von Getränken – insbesondere Mineralwasser.