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Ghosns Kronprinz muss bei Renault übernehmen


Der Gegensatz zwischen Thierry Bolloré und Carlos Ghosn könnte nicht krasser sein: Der 55-jährige Franzose wirkt zurückhaltend, während sich der charismatische, gebürtige Brasilianer Ghosn gern in Szene setzt. Hinter Ghosn blieb für seine Nummer zwei nicht viel Rampenlicht.

Auch nachdem Bolloré am 19. Februar zum COO von Renault und damit zu Ghosns designiertem Nachfolger bei dem französischen Autobauer befördert wurde, hatte man wenig von ihm gehört. Das könnte sich jetzt ändern – mangels eines anderen möglichen Nachfolgers. Weil Ghosn inzwischen wegen Betrugsvorwürfen in Japan in Haft sitzt, wurde Bolleré am Dienstagabend vom Verwaltungsrat zum Interims-CEO ernannt.

Erst Anfang des Jahres war Ghosns Vertrag noch einmal um vier Jahre verlängert worden. Der französische Staat, mit 15 Prozent an Renault beteiligt, hatte aber schon lange darauf gedrängt, dass sich der Architekt der Allianz mit Nissan und Mitsubishi eine Nummer zwei sucht.

Denn bisher hing das bikontinentale Bündnis an seiner Person, den Posten des Vizechefs gab es lange nicht. Zwar hat Ghosn den Konzern aus der Krise geführt und 2017 das beste Jahr in Renaults Firmengeschichte mit einem Rekordgewinn von 5,2 Milliarden Euro erreicht.

Die Allianz mit den beiden japanischen Autobauern auch in Zukunft zusammenzuhalten wird für Bolloré aber nicht einfach. Schon lange sind die Japaner darüber verärgert, dass Ghosn den Dreibund der Hersteller Renault, Nissan und Mitsubishi wie ein allmächtiger Herrscher leitet.


Hinter diesem Machtanspruch steht auch der französische Staat. Als Minderheitsaktionär hat er darauf gedrängt, dass sich Ghosn einen französischen Nachfolger sucht, der sich bei der Allianz auskennt und die Zusammenarbeit verstärkt. Nun aber scheint nicht einmal klar, ob das Bündnis überhaupt hält: Die Wirtschaftszeitung „Les Echos“ fragte schon: „Kann die Allianz ohne Ghosn überleben?“

Bretone und Asienkenner

Der Bretone Thierry Bolloré ist ein entfernter Cousin von Geschäftsmann Vincent Bolloré, unter anderem Großaktionär beim Medienkonzern Vivendi. Der Automanager hat 2012 als Direktor für die Herstellung bei Renault begonnen und war im Vorstand vorher zuständig für den Wettbewerb, er sollte die Fabriken wettbewerbsfähiger machen.

Wie Ghosn hat Bolloré beim Reifenhersteller Michelin begonnen und lange im Automobilbereich gearbeitet, seit 2005 auch für den Automobilzulieferer Faurecia als Vizepräsident für Asien.

Er gilt deshalb als Asienkenner. „Er kennt gut die Branche, er kennt gut Renault, und er hat gezeigt, dass er in der Lage ist, mit den Japanern zu arbeiten“, erklärte Ghosn über ihn. Diese Expertise kann nur von Nutzen sein, denn die weitere Entwicklung in China und die Beziehung mit den Japanern ist eine Priorität für Renault. Ein Verantwortlicher, der ihn von Faurecia kannte, lobte Bollorés „Ruhe und seinen Sinn für Analyse“ – und seine „Freundlichkeit“ – ein Gegensatz zum oft unterkühlt wirkenden Ghosn.


Manche vermuten hinter der freundlichen Fassade aber auch den Willen zur Härte: „Eine eiserne Hand in einem Samthandschuh?“, fragte sich die Wirtschaftszeitung „La Tribune“ bereits bei Bolloré.

Der Vater von fünf Kindern hat einen MBA der renommierten Pariser Business-Universität Paris Dauphine. Bei Michelin stieg er wie Carlos Ghosn schnell auf, die gemeinsame Vergangenheit soll Ghosn für ihn eingenommen haben. Bei Renault trat er in den letzten Monaten eher in weniger spektakulären Aktionen in Aktion. So stellte er im Juli Elektroautos für Paris mit Bürgermeisterin Anne Hidalgo vor. Im Oktober durfte er immerhin die Neuigkeiten bei der Pariser Automesse kommentierten.

Aber vom Stil eines allmächtigen Ghosn ist er meilenweit entfernt – was kein Nachteil sein muss.