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Geschäftsreisen in Deutschland brechen wegen Corona ein

·Lesedauer: 5 Min.

Wegen der stark steigenden Corona-Infektionen schränken Unternehmen innerdeutsche Geschäftsreisen massiv ein. Der Geschäftsreiseverband VDR warnt vor den Folgen.

Wegen Corona ist die Geschäftsreisetätigkeit in Deutschland deutlich zurückgegangen. Foto: dpa
Wegen Corona ist die Geschäftsreisetätigkeit in Deutschland deutlich zurückgegangen. Foto: dpa

Der Präsident des Verbandes Deutsches Reisemanagement (VDR), Christoph Carnier, schlägt angesichts der verschärften Maßnahmen zur Corona-Eindämmung in Deutschland Alarm. „Die steigenden Infektionszahlen und die Zunahme an regionalen Hotspots sind für die Geschäftsreisetätigkeit der deutschen Wirtschaft ein herber Rückschlag“, sagte Carnier dem Handelsblatt. „Die Zahl der Unternehmen, die Geschäftsreisen innerhalb Deutschlands uneingeschränkt erlauben, ist auf den tiefsten Stand seit Juli gefallen.“

Hintergrund sind die stark steigenden Corona-Infektionen: Innerhalb eines Tages haben die Gesundheitsämter in Deutschland nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) vom Samstagmorgen 4721 neue Corona-Infektionen gemeldet. Von Mittwoch auf Donnerstag war der Wert von 2828 auf 4058 erheblich gestiegen, von Donnerstag auf Freitag lag das Plus bei 4516.

Seit Beginn der Corona-Krise haben sich nach RKI-Angaben mindestens 319.381 Menschen in Deutschland nachweislich mit dem Virus Sars-CoV-2 infiziert (Datenstand 10.10., 0.00 Uhr). Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion lag demnach bei 9.604. Das waren 15 mehr als am Vortag. Etwa 273.500 Menschen haben die Infektion nach RKI-Schätzungen überstanden.

Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, lag nach RKI-Schätzungen in Deutschland laut Lagebericht vom Freitag bei 1,34 (Vortag: 1,17). Das bedeutet, dass ein Infizierter im Mittel mehr als einen weiteren Menschen ansteckt. Der R-Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen etwa eineinhalb Wochen zuvor ab.

Besonders betroffen von der Ausbreitung des Virus sind Großstädte. Eine Folge sind innerdeutsche Reisebeschränkungen. Die Bundesländer beschlossen am Mittwoch mehrheitlich, dass Reisende nur dann beherbergt werden dürfen, wenn sie einen höchstens 48 Stunden alten negativen Corona-Test haben. Greifen soll dies für Reisende aus Gebieten mit mehr als 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohnern binnen sieben Tagen.

Wertschöpfung leidet

Carnier befürchtet, dass sich die Situation für Geschäftsreisende angesichts der innerdeutschen Beherbergungsverbote noch verschärfen werde. „Erste Unternehmen weisen ihre Mitarbeiter bereits wieder an, ausschließlich im Homeoffice zu arbeiten und Geschäftsreisen nur in dringenden Ausnahmefällen durchzuführen“, sagte der VDR-Präsident.

Ohne Geschäftsreisen leide jedoch auch die regionale Wertschöpfung in Deutschland, warnte Carnier, da von den Ausgaben der Geschäftsreisenden auch Gastronomie, Einzelhandel und Dienstleistungssektor am Zielort profitierten.

Klar sei aber auch, dass die Gesundheit der Mitarbeiter für die Unternehmen oberste Priorität haben müsse. „Daher begrüßen wir Maßnahmen, die eine weitere Verbreitung des Virus verhindern“, sagte Carnier weiter. Unternehmen und Dienstleister benötigten zugleich aber auch Planungssicherheit. „Regional unterschiedliche Vorschriften für Hygiene, Öffnungen, Ein- und Ausreise sind für die Firmen und die Anbieter nicht oder nur schwer umsetzbar“, betonte der VDR-Präsident. „Hier plädieren wir für einheitliche transparente Regeln.“

Auch Wirtschaftsverbände sehen das uneinheitliche Vorgehen der Bundesländer bei der Bekämpfung der Pandemie kritisch. Besonders an vereinzelten Beherbungsverboten für Gäste aus innerdeutschen Risikogebieten nehmen der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Anstoß. Aber auch aus der Ärzteschaft gibt es Kritik. Der Virologe Christian Drosten hält es derweil für notwendig, dass es bald wieder mehr bundeseinheitliche Regelungen gibt.

DIW mahnt zur Einhaltung der Corona-Vorschriften

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, verteidigte die schärferen Corona-Maßnahmen. „Nicht neue Restriktionen, sondern Vertrauen und Angst der Menschen werden entscheidend für den wirtschaftlichen Schaden der zweiten Infektionswelle sein“, sagte Fratzscher dem Handelsblatt. „Der Wirtschaft - und spezifisch auch der Reisebranche, der Gastronomie und dem Einzelhandel - wird nicht durch ein Aussetzen von Restriktionen und Einschränkungen geholfen sein, wenn Menschen Angst haben und ihr Vertrauen in Wirtschaft und Politik verlieren.“

Deshalb könne das oberste Ziel nicht die Vermeidung von neuen Restriktionen sein, sondern der „Bewusstseinswandel in den Köpfen derer, die das Virus noch immer nicht ausreichend ernst nehmen“, betonte der DIW-Präsident. „Es reicht nicht, wenn 80 Prozent der Menschen in Deutschland Abstands- und Hygieneregeln einhalten, nur wenn alle mitmachen kann eine zweite Infektionswelle mild und kurz bleiben.“ Entscheidend seien nicht die Regeln per se, sondern die „breite Akzeptanz aller der Abstands- und Hygieneregeln“, sagte Fratzscher.

Der dramatische Rückgang der Geschäftsreisetätigkeit durch die Coronakrise war am Mittwoch auch Thema einer Expertenanhörung im Tourismusausschuss des Bundestages. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass der Touristikstandort Deutschland im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hart betroffen sei. Dies liege daran, dass die heimische Reisebranche stärker als in den klassischen Urlaubsländern auf Kunden angewiesen sei, die aus beruflichen Gründen unterwegs sind.

Die Teilnehmer der Anhörung warnten, dass zahlreiche Betriebe und hunderttausende Beschäftigte in ihrer Existenz bedroht seien. Auch die Politik sei in der Verantwortung, den Mut zur Geschäftsreise wiederzubeleben. Nicht zuletzt die unterschiedlichen Corona-Regelungen der Bundesländer hätten verheerende Auswirkungen.

Die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT), Petra Hedorfer, nannte Corona für zahlreiche Betriebe „finanziell und strukturell existenzgefährdend“. Es gebe zudem hunderte Städte, deren Tourismussektor zu mehr als 50 Prozent auf Geschäftsreisende angewiesen sei. Eine baldige Erholung sei nicht in Sicht. Prognosen zufolge werde der deutsche Urlaubsreisesektor 2023 wieder um sechs Prozent wachsen, während im Geschäftsreisesegment dann immer noch ein Viertel weniger an Umsatz erzielt werde.

„Dramatische Insolvenzwelle“ befürchtet

Der Hauptgeschäftsführer des Hotelverbands Deutschland (IHA), Markus Luthe, zitierte Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Danach hatte die Branche allein in den ersten sieben Monaten des Jahres ein Umsatzminus von 45 Prozent und einen Übernachtungsrückgang von 42,2 Prozent zu verkraften. Von den Betrieben, die überwiegend auf beruflich Reisende angewiesene seien, rechneten 14,3 Prozent mit der Geschäftsaufgabe noch in diesem Herbst. Eine „dramatische Insolvenzwelle“ stehe bevor.