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Geschäft bricht ein: Corona zwingt bei Börsengängen zum Umdenken

Für die Investmentbanker fing das Jahr noch schwungvoll an. Im März kam dann mit dem Virus die Vollbremsung. Jetzt werden Alternativen gesucht.

Die Coronakrise lässt auch im Markt für Börsengänge kein Stein auf dem anderen. Nachdem es im Januar und Februar weltweit zu deutlichen Zuwächsen gekommen war, brach das Geschäft mit den Neulingen auf dem Kurszettel im März vollkommen ein. Für die meisten Experten steht fest, dass es nun innovativer Wege bedarf, weil die alten Instrumente nicht mehr funktionieren. Der Markt steht vor einer Revolution.

„Alternative Wege an die Börse, die eine Kapitalaufnahme und die Aufnahme der Börsennotiz zeitlich voneinander trennen, dürften jetzt stärker in den Fokus geraten“, erwartet Martin Steinbach, Partner bei der Unternehmensberatung EY (Ernst & Young).

So hat das Tübinger Biotechnologie-Unternehmen Immatics im März öffentlich angekündigt, zunächst mit einem bereits börsennotierten Unternehmen – einer sogenannten Special Purpose Acquisition Company (Spac) – zu fusionieren und sich anschließend zum Handel an der US-Technologiebörse Nasdaq zu registrieren.

Ein weiterer alternativer Weg sind laut Steinbach direkte Notierungsaufnahmen, sogenannte Direct Listings, die gerade Technologieunternehmen öfter in Erwägung ziehen. „Die Ziele dabei sind, für bereits bestehende Investoren einen liquiden Markt zu schaffen und Investitionen in die Börsenfitness zu sichern“, erläutert Steinbach.

Neue Wege auf das Parkett

Ein Beispiel war der Streaming-Dienst Spotify. Statt Investmentbanken mit der Platzierung der Aktien zu beauftragen, ließen die Schweden die Altaktionäre ihre Papiere direkt über die Börse handeln. Frisches Geld sammelte das Unternehmen dabei nicht ein.

Vorteil ist, dass direkte Platzierungen geringere Kosten verursachen. Bei einem Direct Listing entfällt zudem die Investorenansprache im Vorfeld eines Initial Public Offering – abgekürzt IPO. Auch spielen Investmentbanken eine kleinere Rolle – sie agieren hauptsächlich als Berater.

„Der weltweite IPO-Markt war zunächst gut ins Jahr gestartet“, sagt Steinbach. Die zunehmende Verschärfung der Coronakrise und die enorme Volatilität an den Börsen habe die IPO-Aktivität aber besonders im stark exportorientierten Europa gebremst.

„Börsenkandidaten und Investoren wurden von der Zuspitzung der Coronakrise kalt erwischt. In den kommenden Monaten dürften aber auch in Europa und den USA Unternehmen mit belastbaren Geschäftsmodellen in ausgewählten Sektoren wie Healthcare und Technologie weiterhin den Schritt aufs Parkett wagen“, erwartet Steinbach.

„Angesichts von Corona müssen sich sowohl die Kandidaten als auch die Banken bei ihren Plänen für einen Börsengang derzeit von Tag zu Tag hangeln“, sagt Sebastian Schiedat, Leiter Aktiensyndikat für Kontinentaleuropa bei der Berenberg Bank. Investoren wie etwa Fonds suchten auch nach den jüngsten Turbulenzen nach Anlagemöglichkeiten, die attraktiv erscheinen.

Die extremen Kursschwankungen an den Aktienmärkten sind in den vergangenen Tagen nochmals signifikant angestiegen. Für Börsengänge ist das ein mehr als nur herausforderndes Umfeld. Unternehmen, die an ihren Plänen festhalten möchten, müssten möglicherweise Zugeständnisse bei der Bewertung machen, sagt ein Investmentbanker.

Hoffen auf das zweite Halbjahr

Experten gehen davon aus, dass sich frühestens in der zweiten Jahreshälfte das IPO-Fenster wieder öffnet, sagt Steinbach. Sollte sich die zuletzt gute Entwicklung in China fortsetzen und die konzertierten Maßnahmen der Regierungen und Zentralbanken greifen, sei mit steigenden IPO-Aktivitäten aus der mittlerweile aufgestauten Pipeline zu rechnen.

Zukünftig müssen die Unternehmen in der Lage sein, schneller zu reagieren, wenn sich ein zeitliches IPO-Fenster öffnet. Und an die Stelle von persönlichen Diskussionen und Roadshows werden verstärkt digitale Lösungen treten.

Der weltweit größte Börsengang im ersten Quartal war der IPO des chinesischen Hochgeschwindigkeitsbahnbetreibers Beijing-Shanghai High Speed Railway, der im Januar 4,4 Milliarden Dollar einbrachte. Die größte Transaktion in Europa war der Börsengang von Calisen, einem britischen Hersteller intelligenter Stromzähler mit einem Volumen von 436 Millionen Dollar. In Deutschland gab es im ersten Quartal keinen nennenswerten Börsengang.