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Wie Geldwäscher mit Hawala-Banking Geld in andere Staaten transferieren

Das jahrhundertealte Hawala-System gerät immer wieder unter Geldwäscheverdacht. Dabei hat das System gerade für Hilfsorganisationen auch positive Seiten.

So müssen die Albträume jedes Geldwäschebekämpfers aussehen: kein Konto, keine Belege, keine Namen. Genauso anonym funktioniert das System des Hawala-Bankings, mit dem die Verdächtigen der groß angelegten Durchsuchungsaktion vom Dienstag „mutmaßlich illegal erworbenes Vermögen in Höhe von mehreren Millionen Euro am legalen Bankensystem vorbei in andere Staaten transferiert“ haben. So steht es in der Pressemitteilung des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen.

Grundsätzlich unterscheidet sich Hawala nicht so sehr von modernen digitalen Zahlungsdiensten wie Paypal oder Western Union, nur mit dem Unterschied, dass das ursprünglich vor Jahrhunderten im arabischen Kulturkreis entstandene System ausschließlich auf persönlichem Vertrauen basiert. Es gibt kein formales Netzwerk und keine offizielle Organisation.

„Im Prinzip handelt es sich um eine Methode, mit der man Geld ohne die Beteiligung von Banken legal ins Ausland und vor allem in entlegene Gebiete transferieren kann“, erläutert Matthias Casper von der Universität Münster.

Praktisch steht dieses Transfersystem jedermann offen. Auch von deutschen Firmen und internationalen Hilfsorganisationen wird es bei Bedarf für Überweisungen genutzt. Und doch beschäftigt Hawala immer wieder Fahnder und Strafverfolger wegen des Verdachts von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung.

Wer mithilfe von Hawala Geld senden will, gibt die Summe samt einem Code an einen sogenannten Hawaladar. Der Vermittler sendet den Code an einen Partner im Empfängerland. Nennt der Empfänger der „Überweisung“ den korrekten Code, bekommt er vom Hawaladar das Geld in lokaler Währung ausgezahlt. Der Versender zahlt in der Regel Provisionen von zwei bis fünf Prozent. Genutzt wird das System vor allem von Migranten, die damit Geld in ihre Heimatländer transferieren.

Hawala-Anlaufstellen können neben legalen Institutionen, die dem Gesetz über die Beaufsichtigung von Zahlungsdiensten unterliegen, auch Betreiber von Reisebüros, Friseure oder Einzelhändler sein. Für die Geldtransfers bräuchten aber auch diese Pseudobanken eigentlich eine Zahlungsdienstleisterlizenz der deutschen Finanzaufsicht Bafin. Dabei handelt es sich um eine Art Banklizenz light. „Anbieter mit einer solchen Lizenz unterliegen einer laufenden Aufsicht“, betont ein Sprecher der Bafin.

Doch das kann Ermittler und Strafverfolger nur sehr bedingt beruhigen. „Hawala ist ein hochgradig anfälliges Bankensystem für Geldwäsche“, meint der Kriminologe Kai Bussmann, Geldwäscheexperte der Universität Halle-Wittenberg. Bussmann ist Initiator einer der wenigen Studien zum Umfang der Geldwäsche in Deutschland. Danach werden hierzulande bis zu 100 Milliarden Euro an illegalen Geldern transferiert. Besonders anfällig ist der Immobilienmarkt, der Tätern einen wertstabilen und nur schlecht durchschaubaren und kontrollierten Markt bietet.

Aber auch das Hawala-System sei kaum durchschaubar, warnt Bussmann. Es sei ein internes Netzwerk der Schattenwirtschaft, das man nur langsam durchdringen könne.

Fahnder bestätigen das, sie sprechen von einem „echten Problem“ für das Finanzwesen. „Das System ist extrem schnell, es gibt keine Aufsicht, und wir finden Hinweise darauf in vielen großen Geldwäsche-Ermittlungsverfahren“, erzählt ein LKA-Beamter.

Ein weiteres Problem ist die Anonymität der Nutzer. Wenn sich Versender und Empfänger tatsächlich nur mit einem Code identifizieren, wäre das ein klarer Verstoß gegen die Know-Your-Customer-Regel, eines der grundlegenden Prinzipien der Geldwäschebekämpfung.

Hawala wird auch mit Terrorfinanzierung in Verbindung gebracht

Meist fielen verdächtige Transaktionen eher zufällig im Rahmen von anderen Ermittlungen auf, zum Beispiel bei Telefonüberwachungen oder Durchsuchungen, berichten Fahnder. „Manchmal findet man nur einen Schmierzettel, auf dem ein Passwort notiert ist und eine Summe.“ Manchmal gingen auch die Geldtransporteure ins Netz. „Wir gehen davon aus, dass hier Milliarden umgesetzt werden“, so der Fahnder.

Nicht nur mit Geldwäsche, sondern auch mit Terrorismusfinanzierung wird das Hawala-Banking immer wieder in Verbindung gebracht. Beim Finanztransfergeschäft, unter das Hawala-Banking fällt, bestehe ein hohes Risiko, dass Zahlungen zur Terrorismusfinanzierung missbraucht werden, warnt die Bafin.

Die hohe Bargeldintensität mache das Geschäft für Kriminelle attraktiv. Besonders verdächtig sind grenzüberschreitende Bargeldtransaktionen, Finanztransfers in Risikoländer und Krisenregionen und Zahlungen außerhalb einer bestehenden Geschäftsbeziehung.

Trotz dieser und anderer Warnungen sieht die Financial Action Task Force (FATF), das wichtigste internationale Gremium zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung, Hawala nicht nur negativ.

Viele Länder und Entwicklungshilfeinstitutionen würden das System als wichtigen Anbieter von Finanzdiensten in entlegenen Regionen sehen, die noch immer kaum ins internationale Bankensystem integriert seien, heißt es in einer FATF-Studie. „Wenn es darum geht, Geld in Krisengebiete zu transferieren, ist Hawala oft die einzige Möglichkeit“, bestätigt Wirtschaftsjurist Casper.