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Geisterstunde in der Spiel-Arena – So fühlt sich Bundesliga-Fußball im leeren Stadion an

Der „Sonderspielbetrieb“ der Bundesliga läuft – auch in Düsseldorf. Für unseren Autor fühlt es sich an wie Laborfußball. Ein Erlebnisbericht.

„Da musste ich mich schon oft maßregeln“, sagt Fortuna-Trainer Rößler zum Körperkontakt. Foto: dpa

Der Mittelkreis sieht aus wie immer. „Mit voller Energie dabei“, ist da vor der Partie auf der Abdeckung zu lesen, Sponsor Stadtwerke Düsseldorf hat für die Saison gebucht. An der Bande wirbt zum Beispiel Henkel: „Unsere Stadt, unsere Farben, unser Verein.“ Aber sonst?

Samstag, 15.30 Uhr, Bundesliga-Zeit: Der Ball rollt trotz Corona wieder. Die heimische Fortuna trifft im Abstiegskampf auf den SC Paderborn, Spiel 231, aber im weiten Düsseldorfer Stadion, das sich als „Merkur Spiel-Arena“ rühmt, sind alle 50.000 Sitzplätze leer. Einige bunte Schalensitze machen es immerhin lebhafter. Das ist hier anders als in Mönchengladbach, wo sie Pappfiguren aufstellen wollen, auf die Fans ihr Foto kleben können.

In Düsseldorf ist alles ruhig, fast gemütlich auf dem Gelände des alten Rheinstadions, wie auf einer Trainingswiese. 22 Spieler klatschen sich vor dem Anpfiff Mut zu. Von „voller Energie“ kann nicht gerade die Rede sein, als am Samstag die deutschen Profifußballer nach neuneinhalb Wochen Pause loslegen. Es ist ein „Sonderspielbetrieb“, wie die Deutsche Fußball-Liga (DFL) das nennt. Mit Sonderspielkulisse, Sonderspielniveau, Sonderspielgesundheitscheck.

Geisterstunde in der „Spiel-Arena“. Lauter Sondermänner, ein paar Sonderfrauen. Ich darf dabei sein.

Die Frage, ob die Profis ihr Comeback – natürlich ohne Mundschutz und Abstandsregelung auf dem Rasen – haben dürfen, hat die Nation noch mehr bewegt als die aktuelle Reproduktionsrate oder die Öffnung der Restaurants. Die Mehrheit der Bevölkerung ist gegen die Sondernummer Fußball. Vertreter der Kulturelite wie Autorin Carolin Emcke oder Schauspieler Matthias Brandt („vollkommen daneben“) stellen offen ihren Boykott dieser lieblosen Spiele aus.

Aber, hey, es ist Business. Es gibt den „Sonderspielbetrieb“ ja nur, damit die letzte TV-Rate fließt, vor allem von Sky Deutschland gezahlt. Ohne die 230 Millionen Euro aus München gingen 13 von 36 Klubs pleite. Und zudem ist dieser Restart vor allem ein Medienfest.

Sky zeigt die Konferenz aus den Stadien nicht mehr im Pay-, sondern im Free-TV, die ARD preist die „Sportschau“ wie ehedem, das ZDF bringt Frankfurts Sportdirektor Fredi Bobic im „Aktuellen Sportstudio“, das Multimediaereignis „Bild“ feuert auf allen Kanälen aus lauter Freude über die Wiederauferstehung der Fußballgötter: „Endlich das erste Corona-Tor!“

Der Fan stört beim Schein-Fußball

Der „Sonderspielbetrieb“ ist also eine Lösung, die allen Beteiligten möglichst viele Geldscheine sichern soll. Man kickt gegen die Insolvenz, und der Fan stört – aus Virenschutz – nur bei dieser Form von Schein-Fußball. Es ist ein bisschen wie beim Hollywoodklassiker „The Truman Show“, dem Spektakel über einen Versicherungsangestellten, dessen Leben unter einer Riesenkuppel in einer künstlichen Stadt live gefilmt und gesendet wird (ohne dass er es weiß).

Aus der „Truman Show“ der Fußballer fällt man schnell heraus, wenn man wie der Augsburger Trainer Heiko Herrlich während der Quarantänewoche einfach im Supermarkt Zahnpasta kauft. Oder wenn, wie bei Hertha BSC Berlin, ein Profi mit einem selbst gefertigten Video demonstriert, wie lax die Spieler Hygieneregeln nehmen.

Zur Pause steht es in Düsseldorf null zu null. Auch auf anderen Plätzen gibt es kaum Tore. Es wirkt, als müsse sich die Geisterrunde erst langsam in Schwung bringen. Zu ungewohnt das ganze Procedere mit all den neuen Normen: kein Abklatschen. Kein Shake-Hand. Fünf Auswechselspieler zu drei Zeitpunkten. Die Ersatzakteure mit Mundschutz auf der Tribüne. Die Spieler der Startaufstellung in der Kabine getrennt von den Ersatzspielern. Weniger Leute im Fitnessraum. Anreise mit zwei Mannschaftsbussen statt mit einem.

„Bring dein Herz zum Rasen“, steht auf dem schwarzen Setra-Gefährt der Paderborner.

Aber wie soll da etwas rasen, wenn Fans fehlen? Manchmal klatscht wenigstens einer der paar Offiziellen. Am meisten rufen die Spieler. „Lass!“, „Geh!“, „Hast du!“: Man hört sie jetzt wenigstens. Diese Art Kommandowirtschaft wirkt nicht wie „unaufgetaute Tiefkühlkost“, was SPD-Politiker Stephan Weil geglaubt hatte, sondern wie wiederaufgewärmte Konservenkost. Wie ein Trainingsspiel. Wie Laborfußball. Motto: Alle Macht dem Hygienebeauftragten.

Das Virus lauert überall

Auch der Reporter gehört zum System, inklusive Fiebermessen, Desinfektionsspender, selbst erstellter Covid-19-Unbedenklichkeitserklärung, Mundschutzpflicht und strikte „Zonierung“, weit weg von Trainern und Spielern. Nur so kommt man ins Corona-frei gehaltene Stadion.

Die Spieler in Düsseldorf üben an diesem 26. Spieltag in vorbildlicher Arbeitnehmer-Haltung ihren Job aus. Ob sie das noch acht weitere Spieltage tun werden, ist jedoch höchst ungewiss. Hertha BSC jubelte nach Toren mit eigentlich von der DFL untersagten Umarmungen und Küsschen, ein Spieler spuckte sogar aus. Das Virus lauert überall – und damit ein Quarantänefall, Saisonabbruch sowie Gerichtsverfahren.

Das eigentlich spannende Spiel findet ohnehin nicht auf dem Rasen, sondern hinter den Kulissen statt. Nachdem es der DFL mit aller Lobby- und Umarmungskunst gelungen war, von der Politik das Okay zum Reset zu bekommen, präsentierte sie plötzlich intern den Plan zum Saisonabbruch: Meister und zwei Absteiger je nach aktuellem Tabellenstand. Das sorgt für Proteste.

Ein Fortuna-Sprecher sagt, man solle diese Frage über Sein oder Nichtsein erst entscheiden, wenn es so weit ist. Wenn der Abbruch wirklich unvermeidlich ist. Viele Vereine denken so. Auch der neue DFL-Plan, die Saison in den Juli hinein zu verlängern, sorgt für Ärger. Die Verträge von 17 Fortuna-Spielern zum Beispiel laufen am 30. Juni aus. Deshalb enthielt sich der Klub bei der Abstimmung auf der jüngsten DFL-Versammlung.

Das letzte Wort in all diesen Konflikten werden Juristen haben. Wie auch beim aktuellen Streit zwischen der DFL und dem Sender Eurosport, den die hohen Verluste aus Bundesliga-Rechten regelrecht geschockt haben. Die TV-Manager übten – wegen der Pandemie – flugs ein Sonderkündigungsrecht aus. Sie zahlen nicht mehr (Vertragssumme pro Jahr 70 Millionen), und damit ist auch Sublizenznehmer Dazn ausgeschaltet. Eurosport war für Freitags- und Montagsspiele angesetzt. Bis zuletzt stritt man über eine Übertragung der morgigen Partie zwischen Werder Bremen und Bayer Leverkusen.

Grotesk, denn das Comeback der Liga gibt es doch nur wegen des Fernsehens und seiner gesalzenen Lizenzzahlungen. Aber vieles in Sachen „Restart“ ist eben ungewöhnlich. In Dortmund feierten die Spieler ihren 4:0-Sieg gegen Schalke 04 vor der leeren Südtribüne, wo sonst immer die Fans jubeln. Niemand winkt zurück. Es stimmt hinten und vorn nicht – auch wenn die britische „Sun“ eine Sonderbeilage zur Bundesliga macht und die Politiker die gezeigte Hygiene-Spielform loben. Frankreich, Holland, Belgien und Zypern haben die Saison abgebrochen.

Bundesliga kann als „Truman Show“ nur eine Zeitlang funktionieren

Das Spiel in Düsseldorf endet, wie es angefangen hat: null zu null. Nichts mit „Corona-Toren“. Ein echtes „Kellerduell“, sagt man dazu in der Fußballersprache. Dreimal trafen die Düsseldorfer Pfosten oder Latte, dafür vergab Paderborn kurz vor Schluss eine hundertprozentige Torchance. Die fehlende Stimmung im Stadion sei „gewöhnungsbedürftig“, sagt Düsseldorfs Profi Steven Skrzybski.

Die Spieler hat man vor diesem Wiederanpfiff einfach nicht gefragt. Indem bedenkenlos populistische Ressentiments von goldenen Steaks und schnellen Autos bedient würden, solle „von Management-Fehlleistungen bei der DFL und einigen Klubs abgelenkt werden“, erklärt der bekannte Spielerberater Roger Wittmann.

Paderborns Trainer Steffen Baumgart sagt über das Kicken in Coronazeiten: „Es fehlt einfach die Emotion, die Atmosphäre. Für die Jungs war es nicht einfach.“ Fortuna-Kollege Uwe Rösler: „Der Tag war schon komisch. Ich bin ein sehr emotionaler Trainer, der auch den körperlichen Kontakt braucht. Da musste ich mich schon oft maßregeln.“ Immerhin durften die Coachs doch, anders als geplant, ohne Mundschutz an der Seitenlinie stehen.

Als ich die Spielstätte verlasse und auf der leeren „Arena-Straße“ stehe, denke ich: „ganz schön trist“. Als „Truman Show“ kann der Sonderspielbetrieb Bundesliga nur eine Zeitlang funktionieren. Aber nicht als Saisonveranstaltung. Dann ist der Fußball tot.