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Frédéric Oudéa prescht bei Société Générale von Strategie zu Strategie

Kuchenbecker, Tanja
·Lesedauer: 4 Min.

Die Großbank hat durch die Coronakrise gelitten und gegenüber BNP an Boden verloren. Der Chef steht unter Handlungszwang und muss die Aktionäre beruhigen.

Frédéric Oudéa wirkt immer sehr zuversichtlich, nie zu sehr von sich überzeugt, sondern zurückhaltend elegant. Schließlich ist der 57-jährige Franzose einer der dienstältesten Bankmanager Europas. Der Chef der französischen Großbank Société Générale ist seit mehr als einem Jahrzehnt beim Institut verantwortlich. Doch die Bilanz für 2020 sieht schlecht aus.

Die zweitgrößte Bank Frankreichs nach der BNP Paribas ist in die roten Zahlen gerutscht und hat unter Oudéas Führung massiv an Wert verloren. Er kommt mit der Restrukturierung der Bank nicht recht voran, während es bei der BNP besser läuft. Im Mai 2019 ist er noch mal für vier Jahre gewählt worden. Doch es gibt Gerüchte, dass schon ein Nachfolger gesucht wird.

Das vergangene Jahr schloss die Bank mit einem Verlust von 258 Millionen Euro ab. Vor allem die Corona-Pandemie setzte dem Geldinstitut schwer zu, auch wenn es im zweiten Halbjahr wesentlich besser lief und wieder Gewinne gemacht wurden. Im Jahr 2019 hatte die Socgen noch einen Gewinn von 3,2 Milliarden Euro gemacht. Nun kündigte die Bank für die kommenden Monate weiterhin eine „strikte Kostendisziplin“ an. Aber Oudéa gab sich optimistisch: „Das vierte Quartal zeigt, dass es für die Gruppe wieder besser läuft.“ Das sei ein positives Ergebnis, eine Normalisierung nach dem Schock des ersten Semesters.

Oudéa prescht von Strategie zu Strategie. Im kommenden Mai soll es um das Großkundengeschäft gehen. Ende Dezember war die Fusion der Netzwerke der Société Générale und ihrer Filiale Crédit du Nord im Privatkundenbereich das Thema. Das bedeutet die Schließung von 600 Bankfilialen. Das neue Modell, genannt „Vision 2025“, soll im ersten Halbjahr 2023 in Kraft treten, bis Ende 2025 die Zusammenlegung der Banken abgeschlossen sein.

Nach der Fusion der Filialen will das neue Netzwerk zehn Millionen Kunden bedienen. Die Banken sehen dadurch erhebliche Kostenreduzierungen vor. Auch die Digitalisierung soll vorangetrieben werden. Oudéa betonte nun bei der Vorstellung der Zahlen: „Es gibt gute Wachstumsperspektiven.“ Er ist der Ansicht, dass es wieder aufwärtsgeht.

Arbeitstier und äußerst zielstrebig

Der Bankmanager steht unter Handlungszwang und muss die Aktionäre beruhigen. Die Aktie der Socgen ist seit einem Jahr um 40 Prozent gesunken, seit zehn Jahren um 58 Prozent, allerdings seit dem 1. Januar auch wieder um rund fünf Prozent gestiegen. Die Ergebnisse für 2020 kamen auf den Märkten deshalb gut an, weil es in der zweiten Jahreshälfte aufwärtsging. Die Aktie stieg am Mittwoch zeitweilig um fast vier Prozent.

Schlechte Ergebnisse ist der Musterschüler Oudéa eigentlich nicht gewöhnt. Er besuchte die Eliteschulen Louis-le-Grand, Polytechnique, ENA und war Finanzinspektor, legte für Frankreich eine Vorzeigekarriere hin. Der aus Paris stammende Arztsohn verlor seinen Vater früh im Alter von 13 Jahren, das bedeutete Verantwortung für den ältesten von drei Brüdern.

Es war ein Ansporn für ihn. Kollegen bezeichneten ihn häufig als „Arbeitstier“ und „äußerst zielstrebig“. Seine Devise: „Ich kümmere mich um das Wesentliche. Ich möchte, dass jede Minute meines Lebens sich mit etwas Positivem beschäftigt. Es muss Spaß machen“, zitierte ihn die Zeitung „Le Monde“. Neben seiner Karriere begeistert er sich für Fußball und Rugby.

Eine Weile arbeitete er 1993 im Budgetministerium als Berater mit dem späteren Präsidenten Nicolas Sarkozy zusammen. Im Jahr 1995 ging er zur Socgen, arbeitete in London und wurde 2003 Finanzdirektor. Er galt schon länger als möglicher zukünftiger Chef der Bank.

Er galt als Retter der Socgen

Mit nicht einmal 45 Jahren wurde der Vater von fünf Kindern dann tatsächlich Generaldirektor der Bank. Er galt als Retter der Société Générale nach der Affäre um den Banktrader Jérôme Kerviel im Jahr 2008.

Mehr als zwölf Jahre später ist er immer noch am Ruder, trotz diverser Krisen in der Euro-Zone. Bisher behielten die nicht recht, die Oudéas Sturz seit Jahren ankündigten. Vor einem Jahr war in Frankreichs Medien, darunter im Magazin „Challenges“, und auch laut Bloomberg ein möglicher Nachfolger für ihn im Gespräch. Ihm gelang es immer wieder, geschickt aus dem Hintergrund seine Gegner auszuspielen und so lange im Amt zu bleiben.

Doch Covid-19 setzte der Bank heftig zu. Die Coronakrise nennt Oudéa selbst die „schlimmste, die er erlebt hat“.