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Die Flugverbote verschärfen die Krise in Südafrika

Drechsler, Wolfgang
·Lesedauer: 5 Min.

Die politischen Folgen der Virusmutation setzen vor allem dem Tourismus in Südafrika zu. Die hohen Infektionszahlen haben aber auch mit jugendlichem Leichtsinn zu tun.

Südafrika scheint in diesem Jahr nichts erspart zu bleiben: Nachdem das Land am Kap erst vor drei Monaten aus einem der weltweit striktesten Lockdowns kam, hatte sein Präsident Cyril Ramaphosa vor einer Woche schon wieder schlechte Kunde für die 55 Millionen Einwohner seines Landes.

Trotz der gegenwärtig warmen Jahreszeit auf der Südhalbkugel und der damit verbundenen Hoffnung auf eine Entspannung der Gesundheitslage sei die Corona-Epidemie am Kap alles andere als vorüber. Vor allem an der für den Tourismus so wichtigen Garden-Route, aber auch in den Ferienprovinzen Westkap und KwaZulu-Natal seien die Coronazahlen zuletzt wieder sprunghaft gestiegen. Sie lägen nun über den Zahlen zur Jahresmitte, warnt der Staatschef.

Als Reaktion darauf sind nun alle Strände an der Südküste bis auf Weiteres geschlossen, und der Alkoholverkauf ist landesweit erneut stark eingeschränkt worden, um die Intensivstationen im Land zu entlasten. Gegenwärtig sind in Südafrika bisher fast 900.000 Corona-Fälle registriert worden, mehr als 24.000 Menschen sind in Verbindung mit der Erkrankung Covid-19 gestorben.

Am Wochenende wurde das stark getrübte Bild durch das Auftauchen einer neuen Virusvariante noch trister, vor allem nachdem einige Länder, darunter die Schweiz, Israel und Deutschland angekündigt hatten, als Reaktion auf die Mutation am Kap ein Verbot für alle Flüge aus Südafrika verhängen zu wollen. Das wurde auch kurz zuvor für Großbritannien so entschieden, das offenbar von einer ähnlichen Mutation wie Südafrika geplagt wird.

Virusmutation soll infektiöser sein

Auch am Kap soll die neue Virusvariante nach Aussage von Professor Tulio de Oliveira, Chef der KwaZulu-Natal Research Innovation and Sequencing Platform, deutlich infektiöser sein als die bisher bekannte. „Unsere Hospitäler werden deshalb in den nächsten Wochen, vielleicht sogar schon den nächsten Tagen an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen“, warnte er in der „Sunday Times“. Vor allem in der bitterarmen Provinz Ostkap und den Städten Port Elizabeth und East London sehe man bereits jetzt eine deutliche Übersterblichkeit.

Im Gegensatz dazu bezweifelte der bekannte Impfexperte Shabir Mahdi von der Universität Witwatersrand, dass der neue Ableger tatsächlich so leicht übertragbar sei, wie jetzt gemunkelt werde. „In Südafrika hat der jüngste Anstieg der Coronazahlen mehr mit den vielen jungen Menschen zu tun, die sich nicht an die pharmazeutischen Vorgaben halten“, konstatierte Mahdi. Ein Verweis auf die kontroversen „Rage-Partys“ junger Südafrikaner in Bars und Clubs, die der nun angerollten zweiten Welle vorausgingen.

Professor Ian Sanne, der als Chef einer Gesundheitsorganisation zum ministerialen Beratergremium gehört, betont hingegen die bessere Bindungsfähigkeit und höhere Virenlast der nun aufgekommenen Variante. Dadurch könne sich das Virus wieder schneller ausbreiten. Ob durch die Häufigkeit gleichzeitig ein womöglich milderer Verlauf bedingt sei, lasse sich noch nicht sagen.

Auffallend sei, dass die neue Mutation am Kap vor allem jüngere Patienten ohne Vorerkrankungen treffe. Dies erkläre, warum der Druck auf die die Intensivstationen steigen dürfte, was auch der private Krankenhausbetreiber Mediclinic inzwischen bestätigt hat.

Nicht nur ein Imageschaden

Für Südafrikas Tourismusbranche hätte die zweite Corona-Welle zu keinem schlimmeren Zeitpunkt kommen können. Schließlich hatte das Land nach seinem extrem strikten Lockdown zwischen April und September erst Anfang Oktober den Tourismus mit Deutschland wieder aufgenommen.

Als Reaktion auf die stark gestiegenen Infektionszahlen musste das Land wenig später wieder für deutsche Touristen gesperrt werden. Erst Mitte November wurden diese neuen, unerwarteten Restriktionen gegen die Vorlage eines aktuellen Coronatests dann wieder aufgehoben.

Südafrikas Wankelmut verblüfft, weil der Tourismus inzwischen etwa neun Prozent zum Sozialprodukt beisteuert und damit so wichtig wie der lange Zeit dominante Bergbau ist. Etwa 1,5 Millionen Menschen sind direkt oder indirekt auf den Fremdenverkehr angewiesen. So beliefert zum Beispiel die Landwirtschaft Südafrikas die Fremdenverkehrsindustrie mit mehr als 50 Millionen Frühstückseiern.

Die Autovermieter sind wiederum ein großer Markt für die Automobilbranche. Inzwischen haben Hunderttausende am Kap ihren Job verloren. Hilfe haben sie nicht zu erwarten: Kurzarbeit gibt es in Südafrika nicht und die staatlichen Covid-Hilfen sind kaum mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.

Mit dem nun bevorstehenden Flugverbot droht der Tourismusbranche nicht nur ein weiterer schwerer Imageschaden, sondern vielen Etablissements und Unternehmen der wirtschaftliche Ruin. Enver Duminy, Chef von Cape Town Tourism, setzt einstweilen alle Hoffnungen auf einheimische Besucher.

Zumal die Zahl der internationalen Touristen schon vor dem aktuellen Flugstopp deutlich niedriger war als sonst. Während zum Beispiel in einer normalen Saison rund 80.000 Besucher an die Kapstadter Waterfront kommen, waren es im November nur rund 25.000 an einem Tag unter der Woche und knapp 40.000 pro Tag an Wochenenden. Für gewöhnlich sind etwa ein Drittel davon ausländische Besucher.

Umso härter traf das Land, dass Menschen aus südafrikanischen Kernmärkten wie den USA, Großbritannien, Holland und Deutschland während der zweiten Covid-Welle nicht nach Südafrika einreisen durften. „Für die Marke Südafrika war das Auf und Ab schrecklich“, klagt David Frost von der Southern Africa Tourism Service Administration.

„Die betroffenen Touristen schreiben uns nach solch unerfreulichen Ereignissen für zwei, drei Jahre ab“, sagt er. Schon letztes Jahr seien nur 2,6 Millionen Besucher aus Übersee nach Südafrika gekommen. Dies sei sehr wenig, wenn man bedenkt, dass fast 32 Millionen Touristen nach Thailand und zehn Millionen nach Australien reisen.

Kein Wunder, dass bis Anfang Dezember fast die Hälfte der Hotels in Kapstadt geschlossen blieb. Dabei hatte die südafrikanische Regierung noch im vergangenen Jahr den Tourismus zur Schlüsselbranche erklärt. Bis 2030 sollten sich die internationalen Besucherzahlen mehr als verdoppeln – ein Wunschtraum.

Die Pandemie und die Planlosigkeit der Machthaber bei der Bekämpfung der Krise haben solche Ziele nun in weite Ferne gerückt. Die meisten Hotelketten wie Sun International oder Tsogo Sun erwarten keine durchgreifende Erholung bis Ende 2021. Und es wird wohl mindestens zwei bis drei weitere Jahre dauern, um wieder auf das Niveau von 2019 zurückzukehren.