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Fluch AB 6447 antwortet nicht

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Networking für Anfänger

Das „Networken“ ist keine Erfindung der Neuzeit, findet Herr K. Zu seiner Studienzeit nannte man es aber nicht vernetzen, sondern bildete Seilschaften. Dabei bleibt ihm ein Studienfreund ganz besonders in Erinnerung.


Als vergangene Woche die Pleite von Air Berlin publik wird, sitzt der Vielflieger Herr K. in einem Pulk nicht-ganz-so-vielfliegender Urlauber auf dem Berliner Flughafen Tegel. In den Sommermonaten mischt sich das Business-Publikum auf bisweilen magische Weise mit den Kunden des globalisierten Billigtourismus. Die Folge: Während Herr K. im taubenblauen Anzug nüchtern das „Handelsblatt“ studiert, schreit neben ihm eine gewisse Naomi in pink-samtener Turnanzugkombi in ihr strassbesetztes Handy: „Wasmachischnjetzt, Mama?“

Jüngere Generationen halten ihr Mobiltelefon seit geraumer Zeit ja nicht mehr ans Ohr, sondern vor sich und schreien direkt auf das Display: „Der Enrico sacht, dass wir hier vielleicht nisch mehr von wegkommen aus de Airport, ne!?“ Der Enrico stellt sich kurz darauf als durchaus geselliger Muscle-Shirt-Träger heraus, der sich mit Willst-was-was-willste-Blick zwischen Herrn K. und seine Naomi presst: „Die Saftschubsen sagen: alles grün. Die fliegen.“

„Ja schon, aber auch wieder zurück von Palma? Oder muss isch dann in Italien bleibön?“, mault Naomi. Es ist den anderen Umstehenden nicht sofort ersichtlich, ob sie die Frage gerade mit ihrer Mutter am Handy oder mit Enrico erörtert.


„Wie … pleite!?“, mischt sich ein Familienvater mit Jack-Wolfskin-Jacke und drei Kleinkindern ein, die man lebendig nennen kann … oder verhaltensauffällig. „Du sollst deine Schwester nicht würgen, Sören!“, schreit der Mann. Und dann noch lauter: „Also was ist jetzt mit unserem Flug?“

Er spricht es eher wie „Fluch“ aus und marschiert Richtung Counter. Andere Urlauber folgen ihm. „Ich lass mich doch nicht verarschen!“, schallt es aus einem Trupp junger Männer mit Seppelhüten. Zwei Mittvierzigerinnen in nachhaltigen Sommerkleidern stellen sich als Juristinnen vor und verblüffen das Bodenpersonal mit Rechtsansprüchen für den Fall, dass sie ihren Kabbala-Workshop nicht rechtzeitig erreichen.

Business-Kunden wie Herr K. lassen sich normalerweise geräuschloser abspeisen, wenn eine Maschine wieder Verspätung hat. Vielleicht hätten eben auch Leute wie er früher auf die Defizite der Airline aufmerksam machen müssen? Vielleicht ist er also mit schuld an der Pleite? Herr K. wird die Schokoladenherzen vermissen, die es nach der Landung immer gab. Und die Currywurst à la Sansibar. Die Stewardessen können ja auch nix für das Missmanagement.

In diesem Moment kommt die Durchsage, dass sich der Flug nach Düsseldorf um eine weitere Stunde verspäten wird. Oh, wie Herr K. Air Berlin hasst! Aber jetzt übernehmen Enrico, Naomi, Sören und die Seppelhüte die Regie. Insolvenz in Eigenverwaltung bekommt plötzlich eine neue Bedeutung. Die Stimmung ist volatiler, als es der Aktienkurs von Air Berlin je war. Fluch AB 6447 antwortet nicht mehr.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK