Deutsche Märkte geschlossen

Finanzlage der Pensionskassen spitzt sich weiter zu – durch Niedrigzins und Pandemie

Schnell, Christian Rezmer, Anke
·Lesedauer: 8 Min.

Die Liquidierung zweier Kassen hat die prekäre Lage vieler betrieblicher Altersvorsorgeeinrichtungen gezeigt. Die Versicherungsaufsicht beobachtet einzelne Häuser.

Am Ende ging es recht schnell: Schon 2018 standen sie kurz vor dem Aus, doch vor wenigen Wochen machte die Finanzaufsicht Bafin die Kölner Pensionskasse und deren Schwester, die Pensionskasse der Caritas, endgültig dicht.

Seit Jahren erfüllten beide Gesellschaften schon nicht mehr die Anforderungen an das Mindestkapital. Ein vorgelegter Finanzierungsplan war aus Sicht der Aufseher jedoch unzureichend. Beide Vorsorgewerke müssen deshalb ihre Arbeit einstellen, bestehende Verträge laufen jedoch weiter.

Es ist eine Nachricht, die nicht nur die insgesamt 55.000 Pensionsanwärter und Versorgungsempfänger der beiden Institute verunsicherte. Es ist auch eine Entscheidung, die ein Schlaglicht auf die schwierige Lage der Kassen insgesamt in Deutschland wirft. Seit Jahren schon gilt die Lage der betrieblichen Altersvorsorgeeinrichtungen, die in Form einer Versicherung aufgebaut sind, als angespannt.

Vor knapp drei Jahren sandte Frank Grund, der Chef der Versicherungsaufsicht, bereits einen äußerst ungewöhnlichen Weckruf an die Öffentlichkeit: 45 von damals 136 Pensionskassen mit einer Kapitalausstattung von insgesamt 171 Milliarden Euro stünden unter „intensivierter Beobachtung“ der Behörde, sprach er damals ungewöhnlich offen die Probleme an.

Nachdem die Träger anschließend bei einigen Kassen Geld nachschossen, schrumpfte die Zahl der Kassen, mit denen die Aufseher im intensiven Austausch waren, innerhalb eines halben Jahres auf 31.

Aktuell wieder mehr Kassen stehen unter Beobachtung

Doch inzwischen ist die Zahl wieder auf 36 der nun 135 Pensionskassen in Deutschland gestiegen, bei denen die Aufseher an der ausreichenden und dauerhaften Ausstattung mit Eigenmitteln zweifeln. Deswegen hält die Behörde zusammen mit den betroffenen Wirtschaftsprüfern und Aktuaren sehr engen Kontakt.

Es geht um Sachstandsberichte und Maßnahmen, wie der finanzielle Engpass bewältigt werden kann. Und es geht vor allem um sehr viel Geld, das fehlt. Experten glauben deshalb, dass die Kölner Caritas und ihre Schwester nicht die letzten bleiben werden, denen die Bafin auf die Finger klopft.

„Um eine einstellige Zahl an Kassen machen wir uns größere Sorgen“, heißt es aus der Behörde. Hier gebe es ernst zu nehmende Bedenken, dass sie ihre Verpflichtungen dauerhaft nicht erfüllen können. Konkrete aktuelle Anzeichen, dass nach den beiden Kölner Kassen schon bald der nächste Fall anstehen könnte, gebe es jedoch nicht.

Bekannt ist lediglich der Fall der Deutschen Steuerberater-Versicherung, der vor knapp einem Jahr die Erlaubnis zum Geschäftsbetrieb entzogen wurde und die sich seither in einem Verwaltungsverfahren gegen die Abwicklung durch die Bafin wehrt.

Kassen kämpfen mit Nullzinsen

Die finanziellen Probleme vieler Pensionskassen sind dabei nur zum Teil hausgemacht. Vor allem die anhaltend rekordtiefen Kapitalmarktzinsen, die infolge der Corona-Pandemie andauern dürften, setzen die Pensionskassen unter Druck. Haben doch viele vor Jahren lebenslange Leistungsversprechen für ihre Betriebsrentner mit Garantiezinsen von drei Prozent und mehr pro Jahr abgegeben.

Damit müssen sie mindestens diese Rendite im Jahr erzielen, was angesichts der weitgehend weggeschmolzenen Kapitalmarktrenditen kaum mehr möglich ist. Im Durchschnitt liegt der Garantiezins der Pensionskassen jedoch bis heute noch immer nicht weit unterhalb von drei Prozent, beobachtet Rafael Krönung, Pensionskassenexperte der Unternehmensberatung Willis Towers Watson (WTW).

Die alten Garantiezusagen belasten die Kassen dabei noch mehr als so manchen Lebensversicherer. Denn die Pensionskassen haben – anders als die Assekuranzen – praktisch nur Kunden, die sich ihre Ansprüche in Form einer lebenslangen monatlichen Rente auszahlen lassen.

Lebensversicherer zahlen dagegen häufig am Ende der Laufzeit eine große Gesamtsumme an ihre Kunden aus und entledigen sich so der Verpflichtung eines lebenslangen Garantiezinses. Zudem machen die Lebensversicherer weiter lukratives Geschäft mit Risiko- und Berufsunfähigkeitspolicen. Doch die Kassen haben dagegen kaum Möglichkeiten, das Risiko abzufedern – und nun kommt auch noch Corona hinzu.

Situation für Pensionskassen hat sich verschlechtert

Für die Pensionskassen wiegt im Moment die Doppelbelastung aus Niedrigzinsen und Pandemie doppelt schwer. WTW-Berater Krönung will nicht ausschließen, „dass es bei weiteren Kassen zu schwierigen Situationen kommen kann“. Auch Stefan Oecking, Partner bei der Unternehmensberatung Mercer, beobachtet, dass die Situation für die Pensionskassen in den vergangenen Jahren „eher noch schlechter“ geworden ist.

Allerdings steht die Situation der Kölner Pensionskasse und der Caritas Pensionskasse nach Ansicht von Pensionskassenexperte Krönung „nicht für die komplette Kassenlandschaft“. Das ist auch aus der Bafin zu hören.

Die beiden aufgelösten Kassen gehörten demnach zu den Häusern mit einer besonders schwachen Kapitalausstattung und Finanzierungssituation, weshalb der Aufsicht letztlich keine andere Wahl blieb, als ihnen die Betriebserlaubnis zu entziehen. Vorausgegangen waren dem Vernehmen nach zudem technische Fehler bei der Berechnung der Lebenserwartung der Versicherten. Von „individuellen Versäumnissen“ ist die Rede.

Die Bonner Aufseher setzen deshalb darauf, dass das Beispiel der beiden geschlossenen Kassen abschreckende Wirkung auf Wettbewerber hat, die ebenfalls in Schwierigkeiten stecken. Eine generelle Nachschusspflicht der jeweiligen Träger gibt es jedoch nicht, womit den Aufsehern ein Druckmittel fehlt.

Zudem stellt es für viele Unternehmen gerade in Zeiten der Pandemie einen zusätzlichen finanziellen Kraftakt dar, auch noch die eigene Pensionseinrichtung mit vielen Millionen Euro zu unterstützen. Berater beobachteten gerade zuletzt eine sinkende Bereitschaft, Kapital nachzuschießen.

Der letzte bekannte Fall rührt aus dem vergangenen Sommer, als aus der Sparkassen-Finanzgruppe 280 Millionen Euro an die Sparkassen Pensionskasse flossen, um dort ein größeres Finanzloch zu schließen. Knapp 350.000 Betriebsrenten aus dem Sparkassen-Sektor, aber auch von kleinen und mittleren Firmen, die dort ebenfalls Verträge zur Altersvorsorge ihrer Mitarbeiter angelegt haben, werden dort verwaltet. Am Ende einigten sich der Fondsanbieter Deka sowie 13 Versicherer aus dem Sparkassen-Sektor auf ein gemeinsames Rettungspaket.

Rettung von Kassen mit vielen Trägern ist kompliziert

Generell gilt es bei einer Rettungsaktion als leichter, wenn nur ein einzelnes großes Unternehmen hinter einer Kasse steht. Denn „eine Pensionskasse ist ein kollektives System“, sagt Berater Krönung von WTW. Kapital, das einer Kasse zugeführt werde, dürfe nur für alle Versicherten gemeinsam verwendet werden und nicht etwa nur für die Mitarbeiter eines einzelnen Unternehmens.

Dies aber erschwere in Kassen mit vielen Trägern die Motivation zur Nachzahlung, weil oft befürchtet werde, dass die Zuschüsse letztlich nur teilweise den eigenen Mitarbeitern zugutekommen – und andere Firmen sich nicht an der Finanzierung beteiligen.

Den Pensionskassen würde der Weg aus einer Schieflage erleichtert, wenn der Gesetzgeber es erlauben würde, dass dies für Teilbestände etwa mit hohem Garantiezins möglich wäre, schlägt Mercer-Berater Oecking vor. Dann könnte die Sanierung auf diesen Teilbestand begrenzt werden.

Derzeit müsse eine Pensionskasse aber als Ganzes saniert werden. Grundsätzlich zahlten Unternehmen zur Stärkung ihrer Pensionskasse eher höhere regelmäßige Beiträge als hohe Einmalbeträge ein, um ihre Liquidität zu schonen, beobachtet der Berater.

Eine andere Möglichkeit ist der Übertrag von Altbeständen an spezialisierte Abwicklungsgesellschaften. Bei Lebensversicherungen war das in der Vergangenheit schon mehrmals der Fall. Aber auch die Bestände von Pensionskassen gingen schon an solche sogenannten Run-off-Gesellschaften. Im Jahr 2018 übernahm die Frankfurter Leben, die heute als FL Gruppe firmiert, rund 50.000 Verträge der Prudentia Pensionskasse von der Schweizer Familienholding Cofra sowie 260.000 Verträge der Pro bAV aus der Axa-Gruppe.

Bernd Neumann, Vorstand der FL-Gruppe, ist mit der Integration beider Gesellschaften seither sehr zufrieden und zeigt sich durchaus offen für weitere Übernahmen. „Wir schauen uns jedes Projekt an“, sagt er gegenüber dem Handelsblatt. Generell würden gerade viele kleine Pensionskassen von der Skalierbarkeit einer großen Plattform profitieren. Ein Trend, der sich in den kommenden Jahren noch verstärken dürfte. „Wir binden früh die Bafin ein, denn die Kapitalziffern müssen nach der Übernahme stimmen“, betont er.

Gerade da sehen Beobachter bei etlichen Kassen aber Probleme. Zudem fürchten Pensionskassen bei einer Auslagerung ihrer Bestände ein Reputationsproblem. An einen Erlös für den Verkauf ist für sie eh kaum zu denken. Häufig würde für Bestände von Pensionskassen ein symbolischer Preis von einem Euro geboten, berichten Insider.

Kassen bauen ihre Portfolios um

Stattdessen versuchen viele Pensionskassen, selbst umzusteuern. Dabei nutzen sie – auch unter dem Druck der Aufsicht – Erträge aus alten Anlagen mit höheren Zinsscheinen, um ihre Kapitalbasis zu stärken, wie Berater Krönung von WTW erklärt. Außerdem stellten viele Kassen ihre Anlagestrategie breiter auf und steuerten die Kapitalmarktrisiken ihrer Anlagen besser, beobachten die Berater. So investieren viele mehr in Immobilien und in alternative Anlagen, hier vor allem in Infrastrukturprojekte, und auch Aktien.

Dies geht zulasten der traditionellen Staatspapiere und hochqualitativer Firmenbonds, die nahezu keine Rendite mehr einbringen. Mercer-Berater Oecking mahnt jedoch: Voraussetzung für ein höheres Risiko und damit höhere Renditechancen bei der Kapitalanlage sei eine ausreichend hohe Eigenkapitalbasis der Kasse, um Puffer für mögliche Kursverluste zu haben.

Kaum Konsequenzen haben die finanziellen Schwierigkeiten etlicher Pensionskassen indes für deren Kunden. Für Betriebsrentner mit bestehendem Arbeitgeber sind Schwierigkeiten ihrer Pensionskassen „nicht tragisch“, betont Oecking. Grundsätzlich haftet der Arbeitgeber immer für das Leistungsversprechen einer Pensionskasse. Wenn diese also eine Betriebsrente kürzt, muss der Arbeitgeber nachzahlen.

Ab dem Jahr 2022 verbessert sich sogar die Situation der Betriebsrentner für den Fall, dass ein Unternehmen pleitegeht: Nach einem neuen Gesetz springt dann die Sicherungseinrichtung Pensionssicherungsverein (PSV) ein, wenn der Arbeitgeber ausfällt.

Auch für die Kunden der Kölner Pensionskasse und der Pensionskasse der Caritas ändert sich künftig nur wenig. Bestehende Verträge würden im Rahmen einer geordneten Abwicklung in den kommenden Jahren erfüllt, heißt es von dort. Veränderungen bei Beitrag, Laufzeit oder Leistungen haben die Aufseher der Bafin untersagt.