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Für Internate ist die Coronakrise Chance und Bedrohung zugleich

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Vor allem kleinere Häuser, die kaum digitalisiert haben, müssen kämpfen. Dennoch hofft die Branche, am Ende von der Krise zu profitieren.

Schulleiter mit guter Laune sind dieser Tage schwer zu finden. Unterricht unter Pandemiebedingungen ist stressig, das Hygienekonzept in vielen Klassenräumen kaum einzuhalten, und die Sorge vor dem Virus oder dem nächsten Lockdown ist allgegenwärtig. Doch Burkhard Werner sagt: „Uns geht es gut. Nicht trotz, sondern wegen Corona.“

Seit 1993 leitet er die private Hermann-Lietz-Schule im thüringischen Haubinda. Von den rund 400 Schülern leben 120 im angeschlossenen Internat. Als Werner seine Zöglinge im März wegen der Corona-Pandemie nach Hause schicken musste, stellte er die Lehrkräfte vor die Wahl: „Entweder wir beweisen, dass wir es besser können als andere – oder wir können dichtmachen.“

Und so wurde der Unterricht ins Netz verlegt und ausnahmslos jeder Lehrer verpflichtet, nicht nur Aufgaben zu verteilen, sondern auch zu Hause anzurufen und mit den Schülern zu sprechen. Das habe den Eltern gut gefallen, erzählt Werner, der auch Vorstand im Verband deutscher Privatschulen (VDP) ist. Mit engmaschiger persönlicher Betreuung punkten, das war der Plan. Und nicht nur für Werner geht er auf: „Alle Privatschulen haben Zulauf.“

Und diesen haben sie auch nötig. Denn aus wirtschaftlicher Sicht traf die erste Welle die Internate härter als die Regelschulen. Eltern meldeten ihre Kinder ab, Schulgeldeinnahmen brachen ein. „Während der Lockdown-Phase mussten wir einen Teil der Gebühren zurückerstatten“, sagt Mario Lehmann. Der Familienunternehmer in dritter Generation betreibt die Internate Schloss Torgelow in Mecklenburg-Vorpommern und Kurpfalz in der Nähe von Heidelberg.

Zwar konnten dank eines von wohlhabenden Eltern gespeisten Hilfsfonds fast alle Schüler gehalten werden. Dennoch sei der finanzielle Schaden beträchtlich: „Das Jahr 2020 kann man vergessen.“

Hinzu kam, dass aufgrund der zeitweiligen Grenzschließungen Schüler aus China, Russland und anderen Staaten plötzlich nicht mehr nach Deutschland einreisen durften. Das war besonders bitter: Denn ausländische Schüler zahlen in der Regel höheres Schulgeld als einheimische, bis zu 50.000 Euro pro Jahr.

Der Einreisestopp habe bei den Privatschulen zu „millionenschweren Einnahmeausfällen“ geführt, sagt Werner. Etliche Internate bangten um ihre Existenz, erst nach massiven Protesten lenkte die Regierung in Berlin ein und hob den Visastopp auf. „Nach den Herbstferien sind die letzten internationalen Schülerinnen und Schüler angereist“, sagt Bernd Westermeyer, Gesamtleiter des Internats Schloss Salem am Bodensee.

Gerade kleinere Häuser leiden

Während die Eliteschulen schon wieder gute Auslastungen melden, kämpfen viele kleinere Häuser noch immer mit den Folgen der Schließung vom Frühjahr.

An der Urspringschule in Schelklingen nahe Ulm etwa stehen trotz vieler Gespräche mit Interessenten noch immer zehn der 130 Internatsbetten leer. „Die Entscheidungsfreude ist weg“, sagt Schulleiter Rainer Wetzler. Viele Eltern seien verunsichert, ob sie die Kosten für eine private Schule stemmen können, wenn sich ihre berufliche Situation verschlechtern sollte. Zudem seien in Baden-Württemberg im vergangenen Schuljahr ausnahmslos alle Schüler versetzt worden. Das trübe bei manchen den Blick für die Notwendigkeit eines Schulwechsels, bedauert Wetzler.

Während die Zahl der Privatschüler in Deutschland seit Jahren steigt, tun sich die Internate schon seit geraumer Zeit schwer. „Seit der Jahrtausendwende sinkt die Bettenzahl um durchschnittlich etwa drei Prozent pro Jahr“, sagt Jens Buttkereit, Geschäftsführer der Privatschule Birklehof und der Marketinggesellschaft „Die Internate-Vereinigung“. Einen besonders deutlichen Einbruch gab es nach 2010, als die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule und am Bonner Aloysiuskolleg aufgedeckt wurden.

Dass die Zahlen der Konkurrenz auf den britischen Inseln noch schlechter aussehen, ist da nur ein schwacher Trost. Deutschland ist nach Großbritannien und der Schweiz der drittgrößte Internatsstandort in Europa.

Doch Buttkereit und viele andere Schulleiter sind überzeugt, dass sich der Negativtrend umkehren lässt – und zwar durch die Coronakrise. „Die Schulschließungen und Unterrichtsausfälle lassen das Interesse an verlässlichen Alternativen steigen.“

Bildungsunternehmer Lehmann stimmt zu: „Eltern und Schüler sehen nun den Unterschied zwischen uns und den öffentlichen Schulen.“ Während vielerorts das Homeschooling aufgrund mangelnder technischer und personeller Ausstattung mehr schlecht als recht gelaufen sei, sei an den Internaten der Unterricht digital und ohne Unterbrechung weitergegangen. „Um die Nachfrage im nächsten Jahr mache ich mir keine Sorgen.“

Viel Wunschdenken, wenig Fakten

Auch wenn der Optimismus mancherorts mehr auf Wunschdenken als auf harten Fakten beruht: Für einen mittelfristigen Aufschwung spricht auch eine Erhebung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Die Forscher haben ermittelt, dass in der Mehrzahl der Bundesländer die privaten Schulen finanziell besser ausgestattet sind als die öffentlichen.

Je nach Bundesland und Schulform zahlen die Landesregierungen den Privaten einen Zuschuss zwischen 45 und 99,5 Prozent dessen, was staatlichen Schulen an Budget pro Schüler und Schuljahr zur Verfügung steht. Hinzu kommen: der Eigenanteil des Schulträgers, etwa finanziert aus Spenden, und das von den Eltern entrichtete Schulgeld von nicht selten 30.000 Euro und mehr. Unter dem Strich stehen so oft mehr Finanzmittel pro Schüler zur Verfügung – und diese können für digitale Ausstattung und bessere Betreuung ausgegeben werden.

Ein direkter Vergleich staatlicher und privater Schulen ist allerdings schwierig, wie auch die Autoren des WZB in ihrer Studie anführen. Längst nicht alle Privatschulen lieferten Daten, zudem seien diese nicht überprüfbar. Auch berechneten die Bundesländer ihre Landeszuschüsse zum Teil auf Grundlage unterschiedlicher Datenbasen.

Immerhin: einen Anhaltspunkt im Systemvergleich bieten zwei Zahlen, die allerdings nicht mehr ganz aktuell sind: 2016 gaben die öffentlichen allgemeinbildenden Schulen im bundesweiten Durchschnitt 7700 Euro pro Schuljahr und Schüler aus. Die Privatschulen meldeten bereits 2013 ein durchschnittliches Budget von 8200 Euro.

Unter dem Strich könnte die Corona-Pandemie wie in anderen Branchen dazu führen, dass sich bestehende Trends beschleunigen: Kleinere, eher schwach finanzierte Häuser haben es immer schwerer, sich zu behaupten – die Marktbereinigung dürfte sich fortsetzen. Kapitalkräftige und digitalisierte Institute dagegen können die Vorteile von Privatschulen gegenüber dem vernachlässigten öffentlichen Bildungssystem noch stärker ausspielen als vor der Krise.

Internationale Schülerklientel

Eine besonders gute Ausgangsposition haben Häuser, die frühzeitig auf eine internationale Schülerklientel gesetzt haben, insbesondere auf jene aus dem Fernen Osten. „Noch vor 15 Jahren beschränkte sich die Zielgruppe überwiegend auf deutsche Eltern inklusive derer, die im Ausland lebten und arbeiteten“, sagt Branchenkenner Buttkereit vom Internat Birklehof im Schwarzwald. Heute komme ein wichtiger Teil der Schüler aus China, Südkorea, den Staaten der früheren Sowjetunion sowie aus Süd- und Mittelamerika.

Der Impuls, sich einer internationalen Kundschaft zuzuwenden, kam für viele Internate, als die meisten Bundesländer die Zahl der Schuljahre bis zum Abitur von 13 auf zwölf Jahre verkürzten. Dass sich öffnende China habe die Möglichkeit geboten, den durch die G8-Umstellung ausgelösten Schülerschwund auszugleichen, so Buttkereit. Am Birklehof sei der Anteil chinesischer Schüler von einem Prozent 2009 auf derzeit sieben Prozent gestiegen – was im Vergleich zu anderen deutschen Internaten noch wenig ist.

Daher dürften viele Schulleiter hoffen, dass der aktuelle Lockdown light dazu führt, die zweite Corona-Welle ebenso rasch in den Griff zu bekommen wie die erste. Nicht auszudenken, wenn Deutschland zum dauerhaften Risikogebiet würde, während in Südostasien das normale Leben zurückkehrt – und viele chinesische Eltern noch einmal neu darüber nachdenken, ob sie ihre Kinder wirklich in einem Corona-Hotspot zur Schule schicken wollen. Dann dürfte sich die gute Laune von Schulleitern wie Burkhard Werner schnell wieder verflüchtigen. Wegen Corona – nicht trotz.