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Die Kollateralschäden des billigen Geldes werden sichtbar

EZB-Chef Mario Dragi hat den Euro gerettet, musste aber dafür einen hohen Preis zahlen. Nun wird er von Christine Lagarde abgelöst. Was wird sich dadurch ändern? Was bedeutet das für die Anleger?

ARCHIV - 13.06.2019, Hessen, Frankfurt/Main: Nach Sonnenuntergang spiegeln sich die Lichter der Bankentürme und Hochhäuser im Wasser des Main, während im Vordergrund die Europäische Zentralbank (EZB) in die Höhe ragt. Trotz einer schwächeren Konjunktur sind die Verbraucher in Deutschland weiter in Kauflaune. Der vom Nürnberger Marktforschungsinstitut GfK monatlich erstellte Konsumklimaindex legte im September erstmals seit mehr als einem halben Jahr wieder zu. Grund für das Plus sei eine deutlich gestiegene Anschaffungsneigung der Bürger in Folge der weiteren Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank (EZB), sagte der GfK-Experte Bürkl. Foto: Boris Roessler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa

Der Oktober 2019 wird das Ende einer historischen Amtszeit sehen: Mario Draghi, Chef der Europäischen Notenbank EZB, wird nach acht Jahren auf dem Chefsessel ausscheiden. Sein Satz „ Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein“, leitete das Ende der Euro-/Verschuldungskrise ein. Die aus dem Ruder gelaufenen Spreads verengten sich danach, Draghi gilt nicht zu Unrecht als „Retter des Euro“.

Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass Mario Draghi bis an die Grenzen seines Mandates ging, dass die EZB eine immer größere Machtfülle an sich zog, dass zuletzt auch nicht nur einzelne Großaktionäre, sondern wahrscheinlich auch die Mehrheit des Kapitals überstimmt wurde. Anders als in den USA ist in der Eurozone die Amtszeit eines Notenbankpräsidenten auf acht Jahre limitiert, dies sollte die Unabhängigkeit der Institution von den Begehrlichkeiten der Politik sicherstellen. In der Tradition der Bundesbank wollten die Gründungsväter eine Notenbank, die sich von den Begehrlichkeiten einer staatlichen Ausgabenpolitik nicht unter Druck setzen lässt. Wenn nun zum Ende der Amtszeit Draghis die Notenbank ihrerseits mehr Fiskalpolitik fordert und gleichzeitig signalisiert, mit neuen expansiven geldpolitischen Maßnahmen diese Fiskalpolitik „billig“ geschehen zu lassen, liegt sicherlich eine Ironie der Geschichte vor.

Gerhard Schröder, der die Agenda 2010 durchgesetzt hatte, konnte die Früchte seiner Arbeit nicht mehr ernten. Als Mario Draghi die extreme Niedrigzinspolitik verankerte, durfte er davon ausgehen, dass mit den sichtbaren Kollateralschäden seiner Notenbankpolitik seine Nachfolger respektive Nachfolgerinnen zurechtkommen müssen. Die bisherigen Folgen der Notenbank waren ja nicht schmerzhaft, jedenfalls nicht für die Kapitalmarktteilnehmer. Die EZB löste in den letzten Jahren eine „Jagd nach Rendite“ aus, indem sie durch extrem niedrige Kurzfristzinsen und Staatsanleihekäufe die Renditen, die mit „sicheren“ Staatsanleihen dauerhaft erzielbar sind, in den negativen Bereich brachte. In diesem Umfeld lieferten fast alle Assetklassen eine positive Performance, Immobilienpreise stiegen und selbst die niedrig verzinslichen langlaufenden Staatsanleihen lieferten, zuletzt in diesem Jahr, sehr positive Kursgewinne auf Jahressicht.

Aber langsam werden auch die Kollateralschäden der Politik des billigen Geldes sichtbar, die die reale Wirtschaft betreffen und die mit zunehmendem zeitlichen Abstand stärker in die Diskussion geraten werden, als sie es derzeit sind. Die größte und die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone, Deutschland und Italien, flirten aktuell mit einer Rezession, und das, obgleich die Notenbankzinsen in der Eurozone so niedrig wie nie sind, wir einen guten Arbeitsmarkt und einen festen US Dollar haben.

Natürlich belastet der ungelöste US-Handelskrieg mit China und die Angst vor weiteren Zöllen auch auf weitere europäische Produkte – dies drückt auf die Zuversicht und mindert die Investitionsbereitschaft. Aber es ist wohl noch mehr, was in der Fixierung der EZB auf den Kapitalmarkt bezogen auf die Investitionen in die Realwirtschaft ausgeblendet wurde. Karl Schiller, einer der erfolgreichsten deutschen Wirtschaftsminister sagte einmal in Anlehnung an Keynes „Man kann die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie aber selber“. Spielt man diesen Gedanken weiter, so schien es in den letzten Jahren bei der EZB den Glauben zu geben, wenn sie das ganze Feld unter Wasser setzten, würden die Pferde schon saufen müssen.

Offensichtlich wurde mit Blick auf die Realwirtschaft vieles vergessen: die Förderung von Unternehmertum, Eigenverantwortung und Wettbewerbsfähigkeit, die Notwendigkeit, Scheitern zuzulassen, „Zombie“-Unternehmen zu verhindern oder aber auch jungen Leuten ohne Kapital nicht die Zukunftsperspektive zu nehmen. Die Rufe nach zusätzlicher Fiskalpolitik signalisieren, dass die EZB am Ende ihres Lateins angelangt sein könnte, auch sie ist kein „Master of the Universe“. Sie adressieren aber nicht die durch die EZB-Politik mitverursachten strukturellen Ungereimtheiten, die derzeit verantwortlich sind für die Rezessionsängste.

Erwarten wir, dass Frau Lagarde die EZB Politik radikal ändert? Nein. Was bedeutet dies für den Anleger? Die Niedrigzinsphase wird anhalten. Die Suche nach Rendite wird weitergehen. Rendite zu finden, wird schwieriger werden und höchste professionelle Anstrengungen verlangen. Zinswenden dürften eher durch die FED oder stark steigende Inflationsdaten ausgelöst werden, als durch eine Änderung der EZB Zinspolitik.

Der Fokus wird sich stärker auf die Selektion der Einzeltitel verschieben, denen man auch Profitabilität in widrigeren ökonomischen Gegebenheiten zutraut und auf eine immer stärkere internationale Diversifikation. Bleiben wir beim Weiterspinnen von Karl Schillers Spruch: Man wird auf Pferde setzen müssen, die nicht im Morast stecken bleiben und Weiden suchen, die noch nicht geflutet sind.

Die Verantwortung aus der (weiteren) Überflutung der Weiden wird die EZB aber nicht los, die Abhängigkeit von der Politik, die man einst vermeiden wollte, auch nicht. Und mehr Wasser auf Weiden, die schon unter Wasser stehen, wird die Pferde kaum dazu bewegen, mehr zu trinken.