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Europa soll wieder ein grenzüberschreitendes Bahnnetz erhalten

Dem legendären Trans-Europ-Express winkt ein Comeback: Berlin und Brüssel wollen den Eisenbahnverkehr zwischen den Metropolen des Kontinents fördern.

Die Idee einer Verbindung der Großstädte auf dem Kontinent mit einem Netz aus komfortablen und schnellen Fernverkehrszügen soll neu belebt werden. Foto: dpa

Vor 33 Jahren stellten die europäischen Staatseisenbahnen den Trans-Europ-Express ein. Nun soll eine Idee aus der Nachkriegszeit wiederbelebt werden: die Verbindung der Großstädte auf dem Kontinent mit einem Netz aus komfortablen und schnellen Fernverkehrszügen.

Dafür machen sich sowohl das Bundesverkehrsministerium als auch die Europäische Union (EU) stark. Aber auch Nachtzüge und die Einführung einer automatischen Kupplung stehen wieder auf der Agenda. Die Klimadebatte macht es möglich.

Die Bundesregierung übernimmt im Sommer die Ratspräsidentschaft in Brüssel. Dann werde sie auch das Thema transeuropäische Eisenbahnnetze auf die Tagesordnung setzten, kündigte Enak Ferlemann, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, an. Auf einem Eisenbahnsymposium in Berlin sagte Ferlemann „Wir brauchen nicht nur einen Deutschlandtakt, wir brauchen auch einen Europatakt.“

Es gebe ein europäisches Hochgeschwindigkeitsnetz, „wir müssen es nur verbinden.“ Ferlemann erinnerte an das einstige Netz mit dem legendären Trans-Europ-Express (TEE), der von 1957 bis 1987 verkehrte.

Der CDU-Politiker und Bahnbeauftragte der Bundesregierung sieht keinen Grund dafür, dass der Thalys von Brüssel nur bis Essen fährt und nicht bis Berlin. Genauso unverständlich sei es, dass kein ICE von Deutschland London ansteuere.

Diesen Plan hatte die Deutsche Bahn nach einem Probelauf 2012 fallenlassen, weil die Trassenmaut auf dieser Strecke, die unter anderem durch den Kanaltunnel führt, und auch die technischen Hürden zu hoch waren. Damals musste der Demonstrations-ICE von einer Diesellok nach London geschleppt werden.

Wirtschaftlich sei das nicht realisierbar gewesen, sagte Bahnchef Richard Lutz auf dem Symposium in Berlin. „Aber wenn es eine neue Initiative gibt, werden wir uns der nicht verschließen“.

Das Verkehrsministerium sieht auch die Chance, das Nachtzugsystem europaweit wieder aufleben zu lassen. „Wir könnten ein europäisches Nachtzugnetz haben“, sagte Ferlemann und griff unter anderem einen Vorschlag von Europaparlamentariern auf, zur Ratspräsidentschaft der Deutschen ab Sommer eine Schlafwagenverbindung zwischen Brüssel und Berlin einzurichten.

Automatisierte Kupplung steht wieder auf der Tagesordnung

Im Prinzip ist nur noch die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) in Westeuropa mit ihrem Nightjet in Europa unterwegs. Die meisten Verbindungen aus Deutschland, Frankreich, Italien und der Schweiz richten sich auf österreichische Ziele aus.

Die Deutsche Bahn war 2016 aus dem verlustreichen Geschäft ausgestiegen und hatte einen Teil der Fahrzeugflotte an die ÖBB verkauft. Die Staatseisenbahn wird allerdings mit einem zweistelligen Millionenbetrag von der Wiener Bundesregierung subventioniert, um diese Dienste anzubieten.

ÖBB-Chef Andreas Matthä versicherte vor einigen Wochen im Interview mit dem Handelsblatt, an weiteren Verbindungen interessiert zu sein. Dazu gebe es auch Gespräche mit der Deutschen Bahn. Gerade erst neu eröffnet hat die ÖBB zum Jahresauftakt die Verbindung Wien-Brüssel über Köln.

Auch eine alte, aber aus Kostengründen immer wieder abgesagte Idee zur Automatisierung des Zugverkehrs steht jetzt offenbar wieder auf der Tagesordnung: die automatische Mittelpufferkupplung. Bislang werden die Waggons, abgesehen von kompletten Triebzügen wie dem ICE, von Hand gekoppelt. Das ist vor allem im Güterverkehr ein erheblicher Grund für langwieriges und teures Rangieren.

Elisabeth Werner, Direktorin für Landverkehr der Europäischen Kommission, kündigte in Berlin an, dass Brüssel das Thema jetzt wieder vorantreiben werde. Zur Eisenbahnfachmesse Innotrans im September in Berlin wolle die Kommission ein „Business Case“ vorlegen, aber auch die Demoversion einer digitalen automatischen Kupplung, kündigte Werner an.

Die Einführung einer solchen Kupplung stand vor Jahrzehnten kurz bevor, wurde aber abgeblasen, unter anderem weil viele Staatsbahnen sich die Umrüstung ihrer Flotte nicht leisten konnten. Mit der Klimadebatte und dem daraus folgenden Ziel, mehr Verkehr auf die Schiene zu verlagern, nimmt Europa einen neuen Anlauf. „Wir stehen an einem Wendepunkt im europäischen Eisenbahnsektor,“ sagte Werner.