Deutsche Märkte geschlossen

Ei ohne Huhn: Dieses US-Start-up macht das Rührei vegan

Nach Erfolgen in den USA bringt Just sein veganes Ei nun nach Europa. Die Kalifornier forschen auch an Laborfleisch und sind ein heiß gehandelter Börsenkandidat.

Was war zuerst da – die Henne oder das Ei? Diese Frage stellt sich für Just Egg nicht.

„Made from plants not chickens“ lautet das Motto des Start-ups Just aus San Francisco, das seit diesem Jahr mit seinem veganen Flüssigei den amerikanischen Markt aufrollt. Just Egg sieht aus wie Rührei, schmeckt angeblich wie Ei, kommt aber aus der Flasche statt aus der Schale. Eine Flasche mit umgerechnet rund 340 Millilitern kostet im Laden oder online 7,99 Dollar und soll acht Eier ersetzen.

„Wir haben schon 16 Millionen Eier durch unsere pflanzliche Alternative ersetzt“, erzählt Matt Riley, globaler Vertriebschef von Just. Die Pläne der US-Firma sind ehrgeizig: „In fünf Jahren wollen wir zehn Prozent des globalen Marktes für Frischeier mit unserem Vegan-Ei beliefern.“ Unrealistisch sei das nicht, schließlich habe pflanzliche Milch aus Soja oder Hafer inzwischen einen Marktanteil von 13 Prozent.

Anfang nächsten Jahres soll Just Egg auch nach Europa und damit auf den deutschen Markt kommen. Hergestellt wird das Flüssigei ausgerechnet vom italienischen Eierkonzern Eurovo, mit 1,2 Millionen Legehennen Marktführer in Europa.

Vertrieben wird das pflanzliche Flüssigei von der Wiesenhof-Mutter PHW, bekannt für ihr Hähnchenfleisch. Just Egg sei ein Produkt, das alle Erwartungen in den USA übertroffen habe und dem herkömmlichen Ei gleichwertig sei, meint Peter Wesjohann, Vorstandschef der PHW-Gruppe.

Der Geflügelkonzern zeigt sich Alternativen zu Tierprodukten gegenüber sehr aufgeschlossen. PHW vertreibt nicht nur die gehypten Veganburger von Beyond Meat. Das Unternehmen ist auch in Good Catch, ein US-Start-up für veganen Fisch, investiert ebenso wie in Supermeat, das Fleisch aus Zellkulturen züchtet.

Just wurde 2011 unter dem Namen Hampton Creek von Josh Balk und dem heutigen CEO Josh Tetrick gegründet. Beide kommen aus der Entwicklungshilfe und wollten eine pflanzliche Alternative zu Ei entwickeln, um die Umwelt weniger zu belasten.

Zwei Billionen Eier wurden 2018 weltweit gegessen, allein in Deutschland wurden zwölf Milliarden Eier produziert. Dafür werden laut Tierschutzorganisation Peta hierzulande im Jahr 50 Millionen überflüssige männliche Küken kurz nach dem Schlüpfen vergast oder geschreddert. Die Legehennen würden oft nach einem Jahr schon geschlachtet.

Prominente Geldgeber

Das Start-up Just will tier- und klimaschonende Alternative bieten. Die Gründer entdeckten, dass sich Protein aus der Mungobohne, die seit mehr als 4000 Jahren in Asien genutzt wird, wie Ei aufschlagen lässt. Mit Rapsöl, Wasser, Aromen und Stabilisatoren gemischt entsteht ein flüssiger Ei-Ersatz. Der enthält genauso viel Eiweiß wie ein Hühnerei, dafür aber kein Cholesterin. Zudem sei der CO₂-Fußabdruck deutlich geringer.

„Die meisten unserer Kunden sind keine Veganer, sondern Flexitarier, die etwas Gutes für sich und die Umwelt tun wollen“, erzählt Vertriebschef Riley. „Nach einem Jahr sind wir bereits die Nummer eins im Markt.“

Wettbewerber sind etwa Vegg aus den USA. Das Start-up produziert seit einigen Jahren ebenfalls Flüssigei aus Pflanzen. Dutzende andere Veganhersteller bieten tierfreies Ei in Pulverform. Bis Jahresende will Just Egg in den Regalen von 9000 Supermärkten in den USA stehen von Walmart bis Kroger.

Auch wenn das Start-up anfangs in Misskredit geriet, weil es angeblich seine Produkte in den Läden aufkaufte, um hohe Nachfrage zu suggerieren. Inzwischen konnten die Gründer viele prominente Geldgeber überzeugen. Dazu gehören Yahoo-Gründer Jerry Yang, die Heineken Familie und Multimilliardär Li Ka-shing. Insgesamt hat Just bisher mehr als 230 Millionen Dollar eingesammelt.

Auch in Kanada, Singapur und Hongkong gibt es Just Egg bereits zu kaufen. China ist mit riesigem Abstand weltgrößter Eierproduzent vor den USA.

Im Ausland hat Just Produktionspartner, die das Ersatzei in Pulverform geliefert bekommen und weiterverarbeiten. „Mit solchen Spezialisten für Massenfertigung und Vertrieb können wir günstiger und viel schneller skalieren – und mit weniger Risiko“, erklärt Riley die Strategie. „Und wir können uns ganz auf Forschung und Markenbildung konzentrieren.“

Chicken Nuggets aus dem Labor

Denn im Geheimen tüftelt Just schon länger an Fleisch aus Zellkulturen. Aus einer Hühnerfederzelle wird Fleisch im Labor gezüchtet. Just hat dafür eine pflanzliche Nährlösung und spezielle Applikationen entwickelt.

Dennoch ist die Zucht mühsam und aufwendig. Die Kosten für ein Invitro-Nugget konnte Just von 10.000 auf 100 Dollar drücken. Noch in diesem Jahr soll Hühnchenfleisch aus dem Labor in Restaurants in Asien testweise angeboten werden.

Das soll nur der erste Schritt sein, denn Just hat Großes vor. „Wir wollen nicht nur Nuggets züchten, sondern eines Tages auch Steaks in Wagyu-Qualität“, sagt Just-Manager Riley. „Das soll genauso viel kosten wie ein normales Rindersteak. Aber unser Laborfleisch schadet weder Tieren noch Umwelt.“

Just will damit einen Fuß in einen viel versprechenden Zukunftsmarkt setzen. Bereits 2040 soll der globale Markt für Invitro-Fleisch mit 630 Milliarden Dollar größer sein als der für Fleischersatzprodukte mit 450 Milliarden Dollar. Das prognostiziert zumindest die Beratung AT Kearney.

Auch Mosa Meat aus den Niederlanden, Memphis Meat aus Berkeley oder Aleph Farms aus Israel forschen an Invitro-Fleisch. Bisher kann keiner marktreife und vor allem bezahlbare Produkte anbieten.

Neben den Kosten sind die regulatorischen Anforderungen derzeit noch die größte Hürde für Laborfleisch. „Invitro-Fleisch fällt bisher durch alle bisherigen Kategorien“, so Riley. Mit Wettbewerbern arbeitet Just hier eng zusammen. „Wir sind im Moment noch mit der Bearbeitung der regulatorischen Anforderungen (Novel Food-Verordnung) beschäftigt, um Just Egg in der EU auf den Markt zu bringen“, lässt Vertriebspartner PHW wissen.

Für seine ehrgeizigen Pläne braucht Just mittelfristig noch mehr Kapital. „Wir wollen irgendwann an die Börse gehen“, sagt Riley. „Bald, aber nicht morgen.“ Die Gründer und Mitarbeiter seien weiter Mehrheitseigner. „Für uns ist wichtig, die Kontrolle zu behalten, deshalb wollen wir die Firma nicht verkaufen, sondern an die Börse bringen.“

Der Hype um Beyond Meat bereite Just den Weg - auch bei den Verbrauchern. Riley betont: „Wir stehen erst ganz am Anfang.“