Deutsche Märkte geschlossen
  • DAX

    11.560,51
    -503,09 (-4,17%)
     
  • Euro Stoxx 50

    2.963,54
    -107,06 (-3,49%)
     
  • Dow Jones 30

    26.617,03
    -846,16 (-3,08%)
     
  • Gold

    1.879,70
    -32,20 (-1,68%)
     
  • EUR/USD

    1,1756
    -0,0033 (-0,2822%)
     
  • BTC-EUR

    11.188,17
    -435,83 (-3,75%)
     
  • CMC Crypto 200

    260,08
    -12,61 (-4,63%)
     
  • Öl (Brent)

    37,27
    -2,30 (-5,81%)
     
  • MDAX

    25.884,13
    -720,67 (-2,71%)
     
  • TecDAX

    2.829,31
    -85,15 (-2,92%)
     
  • SDAX

    11.456,52
    -409,88 (-3,45%)
     
  • Nikkei 225

    23.418,51
    -75,79 (-0,32%)
     
  • FTSE 100

    5.582,80
    -146,19 (-2,55%)
     
  • CAC 40

    4.571,12
    -159,54 (-3,37%)
     
  • Nasdaq Compositive

    11.075,50
    -355,90 (-3,11%)
     

Zukunft durch Bildung: Diese Schulen sind Vorbilder für Deutschland

·Lesedauer: 23 Min.

Der Unterrichtsausfall wegen der Corona-Pandemie wird langfristige Folgen haben. Aber es gibt erste Konzepte, wie die Schule der Zukunft aussehen könnte.

Die Lehrer sorgen sich wegen Ansteckungsmöglichkeiten. Foto: dpa
Die Lehrer sorgen sich wegen Ansteckungsmöglichkeiten. Foto: dpa
  • Jahrelang ging die Digitalisierung an deutschen Schulen nur schleppend voran. Nun zahlt die aktuelle Schülergeneration die Rechnung.

  • Schülerinnen und Schüler müssen wegen des ausgefallenen Unterrichts Wissensdefizite hinnehmen – und später womöglich geringere Einkommen.

  • Doch es gibt auch Lichtblicke. Vorbildliche Schulen zeigen inmitten der Krise, wie die Bildung der Zukunft aussehen könnte.

  • Die CDU-Bildungspolitikerin Susanne Eisenmann erzählt im Interview von wütenden E-Mails von Eltern und fordert, deutsche Schulen schneller zu digitalisieren.

  • Magdalena Rogl erlebt die Coronakrise als Microsoft-Managerin und als Mutter. Wie gut funktioniert in ihren Augen der digitale Unterricht?

Auf einmal waren die Klassenzimmer leer. Keine Schüler, keine Lehrer, alle blieben zu Hause. „Das ging von einem Tag auf den anderen“, sagt Schulleiter Bernd Ruddat, „ohne dass wir für den digitalen Fernunterricht vorbereitet waren.“

Der Corona-Lockdown im März traf das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Leverkusen völlig unvorbereitet. Als Notlösung verschickten die Lehrer ihre Aufgaben per E-Mail an die Schüler. Und dann? Dann kam nicht mehr viel. „Das ist eine Unmöglichkeit“, regten sich viele Eltern in Klassenumfragen der Schule über den fehlenden Unterricht auf.

Die Empörung teilen viele Mütter und Väter in ganz Deutschland. Was die betroffenen Eltern in Leverkusen besonders quält: In der direkten Nachbarschaft lief es ganz anders, nämlich viel besser, genauer am Nicolaus-Cusanus-Gymnasium in Bergisch Gladbach. „Dort findet ganz normaler Unterricht statt“, staunt eine Mutter, deren Kind im kaum 15 Kilometer entfernten Leverkusen zur Schule geht und die jetzt den Tag über damit beschäftigt ist, ihrem Kind die Hausaufgaben zu erklären – während sie wie so viele andere Eltern im Homeoffice arbeitet.

Was das Nicolaus-Cusanus-Gymnasium auszeichnet: eine gute technische Ausrüstung. Anfangs mussten die Lehrer dort wie die Kollegen in Leverkusen improvisieren. Aber schnell lief der „gesamte Lernprozess online“, wie Schulleiter Sven Hees erzählt. „Das hat gut geklappt.“ Es war das Glück der Vorausschauenden: Die Stadt Bergisch Gladbach hatte bereits einen allgemeinen Digital-Entwicklungsplan für Schulen ausgearbeitet und das Gymnasium entsprechend mit Software und IT ausgestattet.

Zwei Schulen in Deutschland, zwei verschiedene Erfahrungen – in direkt benachbarten Kommunen. Leidvolle und örtlich sehr unterschiedliche Erfahrungen machten viele Eltern in Deutschland, Bildung wurde auf einmal zur Glückssache – abhängig vom Wohnort und der Schule. „Im Nachhinein ist es immer leicht, Entscheidungen zu kritisieren“, beschwichtigt Susanne Eisenmann, Kultusministerin in Baden-Württemberg.

Viele Wochen lang drehte sich die öffentliche Debatte nahezu ausschließlich um den Kampf gegen das Virus, die Schäden für die Wirtschaft und ihre milliardenschwere Rettung, die historisch ohne Vorbild ist. „Wir kümmern uns um Kneipen und Schwimmbäder, aber schließen Schulen über Monate“, schimpfte der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr. „Was ist das für eine Prioritätensetzung?!“

An der Bedeutung des Problems kann es nicht liegen. Es gibt in Deutschland elf Millionen Schülern und fast vier Millionen Kitakinder, mit ihren Eltern ist fast die Hälfte der Bevölkerung direkt betroffen.

Und doch ohne starke Stimme. Das Problem ist die geringe Organisationstiefe: Große Gruppen wie Schüler oder Eltern können sich nur schwer öffentlich artikulieren, zu divers sind die Interessen der Mitglieder, zu verbreitet die Trittbrettfahrerei. So meldeten sich die Elternverbände erst mit deutlicher Verzögerung zu Wort.

Ganz anders die Lehrer, deren Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gekonnt und lautstark die Interessen ihrer Klientel betreut – und Veränderungen mitunter argwöhnisch beäugt. Warum ein 55-jähriger Oberstudienrat vom Unterricht befreit wird, aber eine gleichaltrige Kassiererin zur Arbeit im Supermarkt muss – darauf weiß auch Kultusministerin Eisenmann keine Antwort: „Eine berechtigte Frage, die wir mit den Gewerkschaften in der ganzen Republik diskutieren müssen.“

Schwer wiegt auch in der öffentlichen Debatte, dass Schüler und Familien im Coronakabinett der Bundesregierung nicht ständig vertreten waren. Schulen sind in Deutschland Ländersache. Immerhin kommt jetzt Bewegung in das Thema, die Kultusministerkonferenz beschloss eine Rückkehr zum Regelbetrieb der Schulen nach den großen Ferien.

Eine für viele überfällige Entscheidung, die aber eine zweite Corona-Welle schnell wieder aushebeln könnte. Die Schwächen der deutschen Schulausbildung müssen dringend behoben werden: zu viel Bürokratie, zu wenig Freiraum und Verantwortungsbewusstsein und eine viel zu schlechte Ausrüstung mit Computern und Technik.

„Das Problem gibt es nicht erst seit drei Monaten. Wir sprechen schon seit Jahren über mehr Digitalisierung an der Schule“, sagt Gero Steinmetz. Dessen beide Söhne gehen zum Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Leverkusen, wo der Vater als Vorsitzender der Schulpflegschaft amtiert.

Die Rechnung für all diese Versäumnisse zahlt die Corona-Generation. Die ökonomischen Folgen ihres Wissensverlustes werden gigantisch sein. Jedes zusätzliche Schuljahr erhöht laut Experten das Lebenseinkommen eines Schülers im Schnitt um rund zehn Prozent. Im Umkehrschluss bedeutet das: Geht ein Drittel des Schuljahres verloren, schrumpft das Einkommen um drei bis vier Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, liegt zudem höher.

Der Lernausfall summiert sich im späteren Arbeitsleben nach Rechnung des Ifo-Instituts auf einen gesamtwirtschaftlichen Verlust von 5,4 Billionen Euro. Die geringere Bildung der künftigen Erwerbstätigen schmälert das Sozialprodukt über viele Jahre um rund 2,8 Prozent.

Dazu kommt der Arbeitsausfall von Millionen Eltern, die zu Hause nebenbei Ersatzlehrer spielen müssen. Damit könnten Deutschland laut IfW-Chef Felbermayr zwei bis drei Prozent an Wirtschaftsleistung entgehen.

Weniger Schule kostet viel Geld, und einen Großteil müssen die Schüler tragen – ohne es zu wissen. Das ist mitnichten eine theoretische Spielerei, denn „nichts ist so gut belegt wie der Zusammenhang von Bildung und Wachstum“, sagt Ifo-Bildungsexperte Ludger Wössmann.

Wie kann sich der Bildungsökonom da so sicher sein? Weil es nicht das erste Mal ist, dass es gravierende Eingriffe ins Schulwesen gab.

Pausen sind Gift für das Lernen

Nicht viele Bürger werden sich daran noch erinnern: Einst fingen die Schuljahre in Deutschland nach Ostern an. Einzige Ausnahme war Bayern, dort hatten die amerikanischen Besatzungstruppen nach dem Zweiten Weltkrieg den September als Anfangsdatum festgesetzt – ganz so wie in ihrer Heimat.

Dreimal wurden Reformen angegangen, aber erst 1966 verlegte Deutschland den Schulbeginn einheitlich auf den frühen Herbst. Lehrer, Eltern, Schüler, alle liefen damals Sturm, beschwerten sich über die komplizierten Übergangsregelungen, die je nach Bundesland mit Kurzschuljahren und Langschuljahren anders ausfielen. „Das kapiert keiner, warum mer des mache“, schimpfte damals Eduard Orth, Kultusminister von Rheinland-Pfalz, im schönsten Dialekt seiner Heimat.

Das historische Beispiel zeigt: Veränderungen im Schulwesen sind komplex. Für Ökonomen waren die Kurzschuljahre in Deutschland – mit deren Hilfe die Einschulung vom Frühjahr auf den Herbst verschoben wurde – Gold wert. Weil es für sie wie ein Experiment in Echtzeit war, dessen Folgen sie für die betroffenen Jahrgänge, denen ein Dreiviertel-Schuljahr fehlte, präzise nachverfolgen konnten.

Das „Erwachsenen-Pisa“ der OECD ergab für die Schüler selbst im Alter von über 50 messbar weniger Mathekenntnisse – und insgesamt ein um fünf Prozent geschmälertes Lebenseinkommen.

Und es gibt weitere Beispiele. Bildungsökonomen untersuchten auch Lehrerstreiks etwa in Argentinien, der kanadischen Provinz Ontario oder in Belgien. Im westlichen Nachbarland beispielsweise streikten die Lehrer im Landesteil Wallonien einst monatelang, während es im flämischen Teil ganz normal weiterging. Die Konsequenz: Die Schüler in Wallonien mussten in der Folge weit häufiger Klassen wiederholen und erzielten schlechtere Schulabschlüsse.

Auch in Deutschland wird die Corona-Generation Nachteile haben. Der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft Felbermayr prophezeit, dass die Schulschließungen viele Schüler „in ihrem ganzen Berufsleben teuer zu stehen kommen wird“ – der Ausfall betrage „bis zu 50.000 Euro pro Schüler“, sagt er.

Lange Pausen sind Gift für das Lernen. Der negative Effekt lässt sich besonders gut in den USA nachweisen, die zwei bis drei Monate Sommerferien haben. Die Gründe liegen dafür in der Landesgeschichte, Kinder sollten bei der Ernte helfen können. Diverse wissenschaftliche Untersuchungen zeigen den „summer learning loss“: Es kommt nicht nur zum Stillstand beim Wissensstand, sondern zum Rückschritt.

Das gilt in besonders großem Ausmaß für Schüler aus benachteiligten Familien. Die Altersgenossen jedoch, die von ihren Eltern gefördert werden und etwa eine Sommerschule besuchen, sind am Ferienende zumeist vitaler als zu Beginn.

Die Coronakrise verschärft auch in Deutschland ein Grundproblem des Schulsystems: die Ungleichheit. Gut situierte und akademisch geprägte Familien können laut Jugendforscher Klaus Hurrelmann „mithalten“, da falle die Lernpause „nicht so sehr ins Gewicht“. Der Professor für Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin warnt: „Bei Kindern aus schlechter situierten oder bildungsfernen Familien sieht das anders aus.“

Das Phänomen ist nicht neu, wurde erstmals 2001 in der ersten Pisa-Studie benannt – aber in den folgenden zwei Jahrzehnten kaum aus der Welt geschafft. Fast alle OECD-Länder schaffen es weit besser als Deutschland, Nachteile durch das Elternhaus auszugleichen. Also den Schwächeren, die zu Hause wenig Hilfe erfahren, den Weg durch die Schule zu ebnen – und sie so für den Arbeitsmarkt besser vorzubereiten.

In Deutschland zählt jeder fünfte Schüler zur Problemgruppe der Risikoschüler, die nicht mal die Mindestanforderungen erfüllen. Zwischenzeitlich verbesserten sich die Zahlen, doch bei der jüngsten Pisastudie 2018 zeigte der Trend wieder nach unten.

Und es sind leistungsschwächere Schüler, die nun in der Coronakrise noch weiter zurückfallen. Wenn die Bundesländer nicht gewaltig gegensteuern, „werden diese Kinder den Rückstand nicht mehr aufholen können“, sagte Jutta Allmendinger, Chefin des Wissenschaftszentrums Berlin.

Und der Rückstand ist nach allen Umfragen und Experten-Einschätzungen gewaltig. Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger prophezeite schon zu Beginn der Pandemie im Handelsblatt-Interview: „Wenn wir es schaffen, mit digitalen Mitteln auch nur ein Viertel des Präsenzunterrichts zu ersetzen, können wir schon froh sein. Ich fürchte, es wird an vielen Schulen noch viel weniger sein.“

Vom Aufholen oder Nachbessern kann aber keine Rede sein. Extrakurse in den Ferien – die mancherorts schon in wenigen Wochen beginnen – sind bisher fast kein Thema in den Kultusministerien, zeigte eine Umfrage des Handelsblatts. Also werden die allermeisten Schüler weitere sechs Wochen verlieren.

Die Schulminister sind zu sehr damit beschäftigt, die schrittweise Wiedereröffnung zu organisieren – und haben zudem zu viel Angst, die Lehrerschaft mit Zusatzaufgaben zu verprellen. Die GEW hatte bereits sehr klar gemacht, dass sie von Extraeinsätzen in den Sommerferien gar nichts hält. Und das, obwohl zumindest der weniger engagierte Teil der Pädagogen definitiv mehr Freizeit hatte durch den ausgefallenen Präsenzunterricht.

Wenn es etwas Gutes an Corona und den Schulschließungen gab, dann das: Es wurden die Schwachstellen in unserem Schulsystem aufgedeckt, Reformen könnten endlich eine Chance haben. Doch muss erst einmal festgestellt werden: Wo überall hakt es?

Schneckentempo bei Digitalisierung

Die Krise, in die Corona unsere Schulen gestürzt hat, hat vielfältige Gründe. Während Millionen von Arbeitnehmern weitgehend problemlos von zu Hause arbeiteten, kamen aus den Schulen vor allem Chaos-Meldungen. Schulen ohne eigene IT-Plattform, Lehrer, von denen 90 Prozent ihre eigenen Computer nutzen müssen, andere, die zu Beginn lediglich in der Schule Aufgabenblätter zum Abholen auslegten und sich dann wochenlang nicht mehr bei ihren Schülern meldeten.

Aufseiten der Schüler verschwanden ganze Heerscharen über Wochen, weil sie weder über Laptop noch Handy verfügten oder schlicht abtauchten. Einzelnen Umfragen zufolge verloren Lehrer teilweise zu einem Viertel der Schüler vollständig den Kontakt, vor allem in den Grundschulen.

Schlagartig wurde klar, wie weit Deutschlands Schulen in der Digitalisierung hinterherhinken. Dabei war die Misere lange bekannt: Noch bei der jüngsten Pisa-Studie 2018 gab mehr als die Hälfte der 15-Jährigen an, dass im Unterricht keinerlei Notebooks oder Tablets eingesetzt würden. Nach einer Studie der Uni Paderborn hat ein Drittel der Achtklässler nur Minimalkenntnisse, sie können gerade mal E-Mails öffnen, Links anklicken oder ein Wort in einen Text einfügen.

Die technische Ausstattung war danach 2018 nur unwesentlich besser als 2013: Im Schnitt mussten sich zehn Schüler ein Tablet teilen, 2013 waren es 11,5. Und nur etwas mehr als ein Viertel der Achtklässler besuchte eine Schule, in der sowohl die Lehrer als auch die Schüler Zugang zu einem schulischen WLAN haben.

Am Geld kann es kaum liegen. Zwar hatte der Bund schon im Frühsommer 2019 fünf Milliarden Euro für den Digitalpakt bereitgestellt, jetzt wird er um eine halbe Milliarde für Endgeräte aufgestockt, die nach den Sommerferien einsetzbar sein sollen. Aber die Erfahrung lehrt: Die Mittel kommen nicht schnell genug bei den Schulen an. Nach einer Umfrage des Magazins „Focus“ bei den 16 Bundesländern wurden bis heute insgesamt weniger als 300 Millionen Euro bewilligt. Anders ausgedrückt: Nur sechs Prozent der Fördermittel wurden abgerufen.

Das Schneckentempo wird immer wieder damit begründet, dass die Schulen und ihre Träger, die Kommunen, zunächst schlüssige Konzepte vorlegen müssen. Zudem waren in manchen Ländern erst Ende 2019 die nötigen Förderrichtlinien fertig. Bildungsministerin Anja Karliczek hatte wiederholt gesagt, Qualität gehe eben vor Schnelligkeit. Dringlichkeit sieht anders aus, doch könnte Corona jetzt den nötigen Schub auslösen.

Das wäre auch mehr als nötig: Selbst die Digitalpakt-Milliarden können den Mangel an IT-Infrastruktur laut dem Lehrerverband allenfalls verwalten und nicht beheben. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland mit seinen Ausgaben für Bildung, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, nach den Daten der OECD ohnehin regelmäßig nur im Mittelfeld.

Viel Energie geht zudem seit Jahrzehnten für anhaltende Schulstrukturänderungen verloren, die noch dazu in jedem Bundesland anders ausfallen. Das gilt vor allem für die Einführung des achtjährigen Gymnasiums, das mittlerweile vielfach wieder zurückgenommen wurde.

Zuvor tobte jahrelang der Streit um Gemeinschaftsschulen, fast überall wurden Haupt- und Realschulen fusioniert, das Gymnasium konnte seine Sonderstellung hingegen weitgehend behaupten. Auch der Streit über den schleppenden Ausbau der Ganztagsschulen – die als besonders wertvoll gelten, um vor allem benachteiligte Schüler zu fördern – kostet das System enorm viel Kraft und Energie.

Der Föderalismus verschärft die Probleme: Ungezählte Runden waren nötig, um etwa bundesweit einheitliche Bildungsstandards zu verabreden, eine echte Vergleichbarkeit des Abiturs liegt noch in weiter Ferne. Auch in der Pandemie stritt die Kultusministerkonferenz beispielsweise vehement und wochenlang darüber, ob Prüfungen wie das Abitur überhaupt stattfinden sollten.

Die Sorgen der Lehrer

Am Anfang der Corona-Pandemie galten Schüler als Virenschleudern, die seltener erkranken, dafür aber umso gefährlicher für ihre Mitmenschen sind, weil sie sich unbedachter bewegen als Erwachsene. Das hat sich geändert: Diverse Studien aus dem Ausland deuten darauf hin, dass Kinder und Jugendliche das Virus weit weniger verbreiten als Erwachsene.

Eine neue Studie aus Baden-Württemberg, an der vier Unikliniken beteiligt waren, bezog gezielt Kinder ein, die in Notbetreuungen der Schulen oder Kitas waren. Auch hier fanden die Wissenschaftler keinen Hinweis, dass Kinder Treiber des Infektionsgeschehens sind – sie sind deutlich seltener infiziert als ihre Eltern.

Diese Erkenntnisse machen nun den Weg frei für eine breite Öffnung der Schulen – wenn auch vielfach mit Abstandsregeln und kleineren Klassen. Es bleibt allerdings die Gefährdung der Lehrer am Arbeitsplatz: Je nach Bundesland wird die Gruppe der Pädagogen, die entweder älter als 60 sind oder Vorerkrankungen haben und daher zur Risikogruppe zählen, auf bis zu 30 Prozent geschätzt. Diese können allenfalls freiwillig eingesetzt werden.

Viele der übrigen Pädagogen fühlten sich aktuell „wie Teilnehmer eines Experiments“ und verfolgten die Schulpolitik „mit großem Misstrauen“, kritisiert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Diese hatte massiv die Rückkehr in den Unterricht ohne Abstandsregeln kritisiert. Es könne auch nicht sein, dass sich die Kultusministerkonferenz für die Öffnungsbeschlüsse nur von Virologen und Bildungswissenschaftlern beraten lasse, nicht aber mit den Vertretern der Lehrer spreche, wetterte GEW-Vorstand Ilka Hoffmann.

Sollten die Schulen nach den Ferien wie geplant für alle Jahrgänge wieder ganz öffnen, müssten die Lehrer vorsorglich auch ohne Symptome einmal pro Woche auf Corona getestet werden, fordert Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger. Das ist meilenweit von den Vorstellungen der Minister entfernt: Die meisten sehen nur Stichproben-Tests vor. Brandenburg will die ersten drei Monate alle zwei Wochen testen. Und auch manche Eltern sorgen sich. Im Sommer reist Deutschland wieder durch die Welt, das Virus könnte ins Land geschleppt werden und sich wieder ausbreiten – pünktlich zum geplanten Schulbeginn.

Aber auch, wenn alles glatt läuft und die zweite Welle ausbleibt, muss sich das Schulsystem gründlich verändern. Die alte Schule reicht nicht mehr für neue Zeiten. Mehr als 50 Prozent der Schulleiter sahen digitale Bildung 2018 als eine sehr wichtige Aufgabe an – das hört sich gut an, heißt aber auch: Fast die Hälfte sah das damals noch nicht so.

Nun spricht vieles dafür, dass sich das Denken mit Corona radikal geändert hat. „Wir wollen dringend digitaler werden“, sagt beispielsweise Schulleiter Raddat vom Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Leverkusen.

Das Interesse der Schüler ist sowieso groß. Wie eine Studie des IW aus der Corona-Zeit zeigt, lernen zumindest Ältere lieber digital: Bei einer Befragung unter 17-Jährigen sagten 42 Prozent, sie lernten am besten mit Videos aus dem Internet – normalen Unterricht bevorzugten lediglich 27 Prozent.

Aber: Videos auf Tablets schauen, so einfach geht digitaler Unterricht nicht. Lehrer und Schüler berichten von vielen Fallstricken und Einschränkungen. Wie kann die Zukunft mit Bildung gut gestaltet werden?

So könnte die Zukunft aussehen

Die Ernst-Reuter-Schule in Karlsruhe ist anders als herkömmliche Schulen. Beispielsweise finden sich interaktive Tafeln oder Whiteboards in den Klassenräumen. „Digitalisierung ist ein Riesenvorteil für alle Arten des Lernens“, sagt Micha Pallesche, Rektor der vielfach für ihr digitales Konzept prämierten Medienschule. Die im Ganztag organisierte Gemeinschaftsschule wurde als erste in Baden-Württemberg vom Branchenverband Bitkom als „smart school“ ausgezeichnet.

Pallesche erklärt den Ansatz der Schule. Die Schüler hätten mit dem Smartphone „das Wissen der Welt quasi in der Hosentasche“, der Lehrer sei nicht mehr alleiniger Wissensvermittler. Die Schüler könnten sich Sachverhalte durch „Youtube-Videos, Tutorials oder durch eine Recherche im Internet“ aneignen. Dabei spiele der Lehrer eine andere und zugleich entscheidende Rolle: Er müsse Medienkompetenz vermitteln, mit deren Hilfe die Kinder qualitativ hochwertiges Wissen herausfiltern können.

An der Ernst-Reuter-Schule ist das Lernen mobil und nicht auf das Klassenzimmer beschränkt. „Wir haben dort viel weniger Phasen, in denen frontal unterrichtet wird, und einen sehr viel höheren Anteil an Selbstlernphasen“, sagt Pallesche.

Die Schüler lernen zu je einem Drittel in herkömmlichem Unterricht, in Selbstlernphasen und in Gruppen. In Coronazeiten können Schüler aber nicht so einfach zusammensitzen. Also wird wie im Büro mehr virtueller Austausch gefördert, „Gruppenarbeit etwa geht überhaupt nur, wenn Schüler Daten, Dateien, Filme, Texte austauschen können“, sagt Pallesche.

Voraussetzung ist natürlich die technische Ausstattung: Selbst in der Karlsruher Vorzeige-Medienschule hatten zu Beginn des Corona-Lockdowns fünf bis zehn Prozent der Schüler keine Laptops, um von zu Hause aus zu lernen. Sie alle aber bekamen einen von der Schule geliehen.

Digitale Bildung geschieht in Karlsruhe nicht zum Selbstzweck. Es geht um die „möglichst optimale und effektive Nutzung der „Ressource“ Schüler“, heißt es in den Statuten der Schule. Um die zu heben, produzieren die Kinder beispielsweise Erklärvideos für ihre Mitschüler. Dabei erlernen und vermitteln sie zugleich Wissen. Auch eignen sie sich wichtige Medienkompetenz an: Was ist wichtig? Welche Quelle ist vertrauenswürdig?

Es entsteht ein Wir-Gefühl, eine positive Grundstimmung, die althergebrachte Hierarchiestrukturen aufbricht: „Unsere Schüler leiten Fortbildungen für die Lehrer und die Nachbarschulen“, erzählt Pallesche, dessen Konzept bundesweit Beachtung findet.

Neulich hat die Gesamtlehrerkonferenz eine „Fishbowl“ organisiert – eine auch in vielen Unternehmen beliebte Diskussionsmethode für große Gruppen, bei der wenige aktive in der Mitte die Diskussion vorantreiben und die Masse drumherum sitzt. „Bei uns saßen die Schüler in der Mitte – und wir haben über deren Visionen gestaunt“, erzählt Pallesche.

Auf absehbare Zeit können natürlich nicht alle Schulen Leuchtturm-Niveau erreichen. Bisher hat der Branchenverband Bitkom erst 41 Smart Schools in 14 Bundesländern ausgezeichnet. „Aber alle Schulen können sich weiter in diese Richtung bewegen“, sagt Jacob Chammon, Vorstand des Forums Bildung Digitalisierung.

Dafür brauche es aber auch dringend die entsprechende Ausbildung von Studenten und Referendaren – „das ist viel wichtiger als die Technik selbst“. Und natürlich schnell Zeit und Geld, um die Masse der aktiven Lehrer fortzubilden – fordert auch der Bildungsaufruf der Wissenschaftler.

Die Weiterbildung muss dabei keinesfalls umfänglich sein und auch nicht zwingend außerhalb der Schule stattfinden. Laut Chammon seien vielfache Mikrofortbildungen im Schulalltag ausgesprochen sinnvoll. Das sei eine Daueraufgabe: „Das Einmaleins lernt man schließlich auch nicht an einem Tag.“

Entscheidend sei für den ganzen Prozess die „Haltung der Schulleitung“, die die Digitalisierung zur Chefsache erklären müsse. Wenn Schulleiter oder Rektorin jedoch so gar nicht IT-affin sind, kann auch ein Trupp engagierter Lehrer den Prozess antreiben – aber sie bräuchten den Rückhalt der Leitung.

Die Chance zum Neubeginn

Dass sich das deutsche System so langsam verändert, könnte sogar zum Vorteil werden – indem es von den Fehlern anderer Länder lernt. Als Vorreiter bei der Digitalisierung der Schulen gelten vor allem Skandinavien, Holland und Estland. So hat etwa in seinem Heimatland Dänemark fast jeder Schüler ab der 1. Klasse heute einen Laptop oder Tablet.

„Aber das ist nicht immer gut, denn viele sitzen allein davor“, sagt Digitalexperte Chammon. „Gerade kollaborative und kooperative Lernprozesse mit digitalen Medien gelingen nicht von allein, das müssen die Lehrer ihnen erst beibringen.“ Deutschland könne hier von Anfang an also vieles besser machen.

Auch Daniel Jung warnt in seinem Buch „Let’s rock education“ davor, „Geld über die Schulen auszuschütten, damit die ihre Klassen mit Tablets ausstatten“. Damit würden die Schulen keinen Deut besser.

Vor allem bei den Jüngsten macht ihm eine überbordende Digitalisierung Sorgen. Er verweist auf die Hirnforschung: „Damit das kindliche Gehirn sich entwickelt, braucht es die haptischen Sinneseindrücke, den Geruch, das Gewicht, die Form.“ Jung muss es wissen: Er führt die erfolgreiche Lernplattform Mathefragen.de mit 670.000 Abonnenten und mehr als 2500 Videos. In seiner Arbeit stellte Jung fest: Das digitale Lernen im Netz funktioniert erst richtig für Schüler ab dem Alter zwischen elf und 14 Jahren.

Der Karlsruher Pionier Pallesche sieht in der Pandemie auch Positives: „Ganz zynisch formuliert, könnte man sagen: Corona war fast zu kurz, um das ganze System zu ändern.“ Er hofft jedenfalls inständig, dass die Mehrheit der Schulen und Lehrer „sich nicht die Vor-Corona-Zeit zurückwünscht und in den alten Trott verfällt“. Die Sehnsucht nach Veränderung, „nach mehr Flexibilität und Agilität“ sei bei vielen sehr groß.

Dafür müsste allerdings die Politik „den Schulen mehr Freiheit geben“ – auch das eine alte Forderung der Bildungsexperten – und etwa die Curricula entrümpeln. Dass das Bundeskanzleramt an diesem Samstag gemeinsam mit der LMU München anlässlich des nationalen Digitaltages ein „Online-Barcamp Schule neu denken“ organisiert, ist jedenfalls ermutigend.

Dort sollen Lehrkräfte, Schüler, Eltern und alle Interessierten über die Schule von morgen diskutieren. Es geht voran, die Pandemie hat einiges aufgebrochen, meint Pallesche: „Die Reformpädagogik erlebt durch die Digitalisierung jedenfalls gerade eine Renaissance.“

Eine erfreuliche Entwicklung. Laut dem Digitalexperten Chammons kommt nun „Beschleunigung ins System“. Bei Lehrern würden sich weit verbreitete Ängste vor den fremden digitalen Medien in Luft auflösen, die Schreckensvisionen von Künstlicher Intelligenz und Robotern, die den Lehrer ersetzen, verschwinden. Im Gegenteil: „Viele Lehrer haben gelernt, dass es nicht so schwer ist, eine digitale Unterrichtseinheit zu organisieren.“ Zugleich habe Corona aber auch gezeigt, „wie wichtig Schule als sozialer Lernort ist“.

Das weiß auch ein Schulpraktiker, der schon lange vor Corona die Chancen der Digitalisierung nutzte: Kai Schmidt. Er ist Oberschulrektor und Mathelehrer an der Oberschule in Uelsen in Niedersachsen. Weitaus mehr Schüler kennen ihn aber als „Lehrerschmidt“ auf Youtube.

Auf der Video-Plattform erklärt er den Schulstoff von den Grundrechenarten über lineare Gleichungssysteme bis zur Stochastik in kleinen Häppchen – und zum Immer-wieder-Ansehen. Mehr als 540.000 Nutzer haben ihn schon abonniert.

Aber der digitale Unterricht funktioniert laut Schmidt in manchen Fächern besser als in anderen, beispielsweise sei Mathematik bestens dafür geeignet: „Die lineare Funktion sieht immer gleich aus.“ Seine Frau stehe da als Deutschlehrerin vor größeren Herausforderungen: „Es ist schwierig, im Video eine Gedichtanalyse zu erklären, und noch schwieriger, sie zu verbessern.“

Aber auch Mathematiklehrer Schmidt ist froh, dass die Kinder aller Klassenstufen wieder in den Unterricht kommen – wenn auch nur abwechselnd, jeweils in halber Klassenstärke. Endlich kann er sehen, wie aufmerksam die Klasse seinen Ausführungen folgt: „Natürlich gibt es die Möglichkeit, dass sich die Schüler in einer Videokonferenz mit etwas anderem beschäftigen“, sagt Schmidt. „Es ist ein anderes Lernen, viel schöner und direkter.“

Der Krise kann Schmidt etwas Gutes abgewinnen: „Das war der größte Feldversuch zur digitalen Schule aller Zeiten.“ Nun komme es darauf an, „zu bewerten, was sich bewährt hat und was man davon mitnimmt“. Der Oberschulrektor und sein Kollegium denken etwa darüber nach, künftig die Hausaufgaben häufiger digital zu kontrollieren und die Präsenszeit anders zu nutzen.

Außerdem könnten Lehrerkonferenzen häufiger digital stattfinden, auch Nachbesprechungen mit Schülern am Nachmittag über Onlinekonferenzen zieht Schmidt in Erwägung. „Ich glaube, dass wir im Thema digitale Medien einen riesigen Schritt nach vorn gemacht haben, weil wir gesehen haben, was funktioniert und was funktioniert nicht.“

Geklärt werden müssen schleunigst die Datenschutzprobleme, die sich engagierte Lehrer einhandeln können, wenn sie in Ermangelung schuleigener Dienste WhatsApp, Zoom, Microsoft-Teams oder private E-Mail-Konten nutzen, um mit ihren Schülern zu kommunizieren, und dafür im Zweifel nicht die Einwilligung aller Eltern haben. In Thüringen tobt ein erbitterter Streit, weil der

Landesdatenschutzbeauftragte Lehrern, die etwa WhatsApp nutzen, Bußgelder von bis zu 1000 Euro androht. Die Empörung ist groß, es ist vom „Schlag ins Gesicht engagierter Lehrer“ die Rede, von der CDU bis zur GEW.

Doch selbst wenn die Technik steht und rechtliche Fragen geklärt sind, „garantieren digitale Medien allein noch keinen guten oder gar besseren Unterricht, sondern es sind dafür gute pädagogische Konzepte und didaktisches Know-how vonnöten“, warnt Digitalexperte Chammon. Gleichwohl ist ihr Potenzial gigantisch: Vor allem die individuelle Förderung der Kinder, seit Jahren eine zentrale Forderung vieler Bildungsexperten, kann digital besser funktionieren.

Auch Schulleiter Ruddat aus Leverkusen gehört dazu. Noch heute hegt er zwar Vorbehalte bei Video-Unterricht, den er pädagogisch für nicht immer sinnvoll hält. Zu viele Schüler würden aus dem direkten Blickfeld der Lehrer verschwinden. „Da ist dann auf einmal das Bild weg, sie schalten sich weg oder werden abgelenkt.“ Der vollständige Präsenzunterricht, ist Ruddat überzeugt, kann nicht durch Videounterricht oder das Versenden von Materialen ersetzt werden.

Trotz dieser Bedenken will Ruddat sein Gymnasium deutlich digitaler machen. Zusammen mit Kollegen arbeitet er an einem Plan, digitale Systeme in den Unterricht zu integrieren. Auch mit der Stadt, dem Schulträger, seien sie im Gespräch. Die habe bereits angekündigt, das Gymnasium mit der Software Office 365 auszustatten, mit der künftig Videokonferenzen und Web-Chats mit den Schülern möglich wären. Der Schulleiter ist sich sicher: Auf eine zweite Infektionswelle wäre die Schule dann viel besser vorbereitet.

Mehr zum Thema:

  • Weg frei für regulären Schulbetrieb: Kultusminister übernehmen Feinarbeit

  • Magdalena Rogl: „Es reicht nicht, Schulen irgendwelche Tools zur Verfügung zu stellen“

  • US-Konzerne gegen deutsche Anbieter: Wettstreit um Digitalisierung der Schulen

  • Fernunterricht in Corona-Zeiten: Videokonferenzen können den Alltag im Internat nicht ersetzen

  • Wie eine Lehrerin aus Hürth Deutschlands Schulen digitaler macht

  • Kommentar: Für digitalen Aktionismus in der Bildung ist jetzt der falsche Zeitpunkt

  • Kommentar: Die Pandemiebekämpfung in Deutschland geht auf Kosten der Kinder

Regelbetrieb wird angestrebt. Foto: dpa
Regelbetrieb wird angestrebt. Foto: dpa