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Warum sich die Deutschen im Netz weniger sicher fühlen

Eine Studie zeigt: Obwohl sich die Sicherheitslage im Internet in Deutschland leicht verbesserte, wächst die Unsicherheit der Verbraucher.

Für Verunsicherung in der digitalen Welt sorgen vor allem das sogenannte Phishing und der Onlinebetrug. Foto: dpa

Verbraucher fühlen sich im Internet so verunsichert wie nie zuvor. Das ist ein Ergebnis des neuen Sicherheitsindexes, den der Verein „Deutschland sicher im Netz“ (DSIN) am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat. „Obwohl die registrierten Sicherheitsvorfälle abgenommen haben, steigt das subjektive Gefühl einer Verunsicherung bezüglich möglicher IT-Risiken an“, heißt es in der Studie.

Der Index, den der Verein gemeinsam mit dem Bundesverbraucherschutzministerium in Auftrag gibt, bildet die digitale Sicherheitslage der Bevölkerung in einer Kennzahl ab. Das Verunsicherungsgefühl ist demnach in diesem Jahr um 0,9 Punkte auf 29,6 Punkte angestiegen. Es erreicht damit seinen bisher höchsten Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2014.

„Es gibt eine digitale Verunsicherung in Deutschland, die weiter zunimmt“, sagte Thomas Tschersich, DSIN-Vorstand und Leiter des Bereichs Cyberabwehr bei der Deutschen Telekom. „Wir brauchen ein Gesamtpaket, das Vertrauen schafft. Es geht um nachhaltige Unterstützerstrukturen, bis in jedes Dorf.“

Niemand dürfe digital abgehängt werden, sagte die parlamentarische Staatssekretärin im Verbraucherschutzministerium, Rita Hagl-Kehl (SPD). Der Index liefere hier konkrete Anknüpfungspunkte, welche Nutzergruppen zusätzlicher Aufklärungsmaßnahmen bedürfen – und worauf diese abzielen. „Wir verstehen die Ergebnisse des DSIN-Sicherheitsindex aber auch als Signal für eine Aufklärungsarbeit, die geeignete und wirksame Maßnahmen erfordert.“ Dabei sei entscheidend, dass Akteure aus Wirtschaft, Gesellschaft und Staat zusammenarbeiteten und ihre jeweiligen Stärken einbrächten.

Die Studie zeigt, dass das Verunsicherungsgefühl im Internet bei rund zwei Drittel der Online-Aktivitäten gestiegen ist. An erster Stelle steht das Öffnen von Anhängen in E-Mails. Auf den zweiten Platz vorgerückt ist der Austausch vertraulicher Inhalte, gefolgt von den sozialen Netzwerken. Deutlich weniger gefährlich als im Vorjahr stufen die Onliner dagegen die Messenger-Nutzung auf mobilen Geräten ein (minus 4,6 Punkte).

Schulen sollen über Risiken aufklären

Bei den Top fünf der häufigsten Sicherheitsvorfälle sind Szenarien wie das sogenannte Phishing und der Onlinebetrug im Jahr 2020 erneut Spitzenreiter. Beim Phishing versuchen Betrüger mit gefälschten E-Mails, sogenannten Phishing-Mails, Daten abzugreifen. Hinzugekommen ist der Betrug beim Bezahlen im Internet: Während dieser Aspekt 2019 noch auf Platz 14 der Sicherheitsvorfälle rangierte, liegt er nun auf Platz fünf. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Gesamtzahl aller Angriffe leicht zurückgegangen (minus 1,3 Punkte).

Die Gesamtziffer verbesserte sich in diesem Jahr minimal auf 62,8 Punkte (2019: 62,3 Punkte). 100 Punkte sind der bestmögliche Wert. Die Gründe liegen laut Studie zum einen im Rückgang der durch die Befragten registrierten Sicherheitsvorfälle, zum anderen steigt das Sicherheitswissen bei Verbrauchern weiter an.

Dass andererseits die Unsicherheit der Menschen im Netz so stark gestiegen ist, führt die Studie auf eine „Entkopplung von tatsächlich erlebter IT-Sicherheit und dem subjektiven Gefühl einer Gefährdung“ zurück. „Auch entwickelt sich das hohe Verunsicherungsempfinden gegenläufig zur gestiegenen Sicherheitskompetenz der Verbraucher, die 2020 einen Höchstwert erzielt hat.“

Als Konsequenz fordern Verbraucher laut Untersuchung eine „Stärkung des Risikobewusstseins“. Hier steht die Forderung nach einem bewussteren Umgang mit Risiken und Chancen in der Schule an erster Stelle (68 Prozent). Außerdem wünschen sich zwei Drittel der Verbraucher, dass Anbieter von Diensten und Programmen besser über Risiken aufklären.

Digitale Bürgerportale hoch im Kurs

Der Studie zufolge gibt es teilweise eine deutliche Diskrepanz zwischen der Zunahme an IT-Sicherheitswissen und der Art und Weise, wie die Verbraucher dieses für sich nutzen. So kennen beispielsweise neun von zehn Nutzern die Absicherung von Passwörtern mit einer Zwei-Faktor-Authentifizierung, doch nutzt diese nur etwa jeder zweite Nutzer auch wirklich aktiv. Und von den rund 90 Prozent der Onliner, die vom Passwort-Manager wissen, verwenden ihn sogar nur 30 Prozent.

In diesem Jahr wurde bei der repräsentativen Befragung für die Studie ein Schwerpunkt auf digitale Bürgerportale gesetzt. Dabei geht es um Informationsangebote und Dienste von Behörden sowie öffentlichen Einrichtungen. Sie ermöglichen es beispielsweise, sich digital umzumelden, Kindergeld zu beantragen oder die Steuererklärung auf elektronischem Weg einzureichen. In den nächsten Jahren sieht das Onlinezugangsgesetz eine Vielzahl neuer Verwaltungsleistungen vor.

„Die Studie zeigt: Aktuell wünscht sich die große Mehrheit der Befragten, dass mehr Dienstleistungen der öffentlichen Hand online zugänglich gemacht werden. Angebote sollen jedoch weiterhin auch offline verfügbar bleiben“, erläuterte Tobias Weber vom Studienpartner Kantar. Obwohl sich eine knappe Mehrheit sogar ein ausschließliches Online-Angebot der Verwaltung vorstellen könne, wollten die meisten nicht komplett auf herkömmliche Behördengänge verzichten. „Einem gleichberechtigten Mix aus Online- und Offline-Angeboten stimmen vier von fünf Internetnutzenden in Deutschland zu.“

Zugleich ist laut der Studie das Vertrauen von Bürger in digitale Dienste der öffentlichen Hand hoch. Über 80 Prozent halten sie insgesamt für sicher, jeder Dritte davon sogar für „sicher bis sehr sicher“: „Es gibt einen großen Vertrauensvorsprung bei digitalen Angeboten des Staates“, betonte Thomas Tschersich von der Deutschen Telekom. „Das ist eine Chance und ein Weckruf für Politik und Behörden, Ernst zu machen mit der Digitalisierung der Verwaltung.“