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Deutsche Börse setzt mit Milliardenzukauf auf Nachhaltigkeit – und geht ins Risiko

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Investoren und Politiker loben die Übernahme des US-Stimmrechtsberaters ISS. Dabei ist die Neuerwerbung alles andere als unumstritten.

Der Konzern kauft für rund 1,5 Milliarden Euro eine Mehrheitsbeteiligung an Institutional Shareholder Services (ISS). Foto: dpa
Der Konzern kauft für rund 1,5 Milliarden Euro eine Mehrheitsbeteiligung an Institutional Shareholder Services (ISS). Foto: dpa

Verhandlungen über Zukäufe in Corona-Zeiten sind schwierig, aber nicht unmöglich. Statt vieler Besuche vor Ort liefen große Teile der Gespräche zwischen der Deutschen Börse, dem US-Stimmrechtsberater ISS und dessen Eigentümern in den vergangenen Monaten per Videokonferenz ab.

Wenige Stunden vor der Präsentation seiner neuen Strategie am Mittwoch meldete Deutschlands größter Börsenbetreiber dann Vollzug: Die Hessen kaufen für rund 1,5 Milliarden Euro eine Mehrheitsbeteiligung am US-Konzern Institutional Shareholder Services (ISS).

Für die Deutsche Börse ist es die teuerste Übernahme seit der Finanzkrise – und eine große Wette auf das Geschäft mit nachhaltigen Investments. ISS ist in der Öffentlichkeit zwar vor allem als Stimmrechtsberater bekannt, an dessen Empfehlung sich viele Investoren bei Hauptversammlung orientieren. Darüber hinaus beraten die Amerikaner Firmen und Investoren jedoch auch bei den Themen Umwelt (Environment), Soziales (Social) und gute Unternehmensführung (Governance) – und verfügen in diesem stark wachsenden ESG-Segment über eine Vielzahl an Daten.

Aus Sicht von Stephan Leithner, der für das Geschäft im Vorstand der Deutschen Börse verantwortlich ist, hat der Zukauf auch politisch große Bedeutung. Nachhaltige Investments sind aus seiner Sicht ein Megatrend, der von Europa aus gestaltet werden kann.

„Viele halten Sonntagsreden zu dem Thema, aber wichtig ist, dass wir auch Finanzinstrumente entwickeln, damit Investoren nachhaltig investieren können, und dass wir die damit verbundenen Geschäftschancen konkret machen“, sagte Leithner dem Handelsblatt. „Sonst treibt Europa das Thema politisch voran – und am Ende sind wir bei der Definition, was nachhaltig ist, wieder abhängig von ausländischen Anbietern.“ Es sei wichtig, dass es – anders als beispielsweise bei den Ratingagenturen – in diesem Bereich einen starken Anbieter mit europäischem Hintergrund gebe.

Aktie legt kräftig zu

Bei Investoren kam die Übernahme gut an. Deutsche-Börse-Aktien legten zeitweise mehr als vier Prozent zu und waren damit größter Gewinner im Dax. „Die Deutsche Börse hat erkannt, dass Nachhaltigkeit ein großer Wachstumsmarkt ist und sich in der Breite am Kapitalmarkt durchsetzen wird“, sagt Ingo Speich, der für dieses Thema beim Fondsanbieter Deka verantwortlich ist. Er hofft, dass sich durch „die Akquisition auch die Diskussion zur Ausrichtung der Dax-Familie Richtung Nachhaltigkeit erleichtert“.

Die hessische Landesregierung betonte, Green Finance gewinne weltweit an Bedeutung. „Die Landesregierung sieht darin eine große Chance für den Finanzplatz Frankfurt und verfolgt schon lange das Ziel, ihn zu einem Zentrum eines nachhaltigen Wirtschafts- und Finanzsystems zu machen“, erklärten Finanzminister Michael Boddenberg (CDU) und Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) in einer Stellungnahme.

Aus Sicht von CDU-Finanzexperte Sepp Müller ist der Zukauf ein Zeichen für die Stärke des Finanzplatzes Deutschland. „Die Übernahme zeigt uns zudem eindrücklich, dass es keiner gesonderten staatlichen Regulierung für Nachhaltigkeit im Finanzsektor bedarf“, erklärte der Bundestagsabgeordnete. „Ganz im Gegenteil: Der Markt hat die Notwendigkeit sowie die Nachfrage selbstständig erkannt.“

Versicherer, Vermögensverwalter und Pensionskassen setzen seit einiger Zeit verstärkt auf nachhaltige Anlagen. Zudem üben Konzerne wie der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock Druck auf Unternehmen aus, mehr für Klimaschutz zu tun. Blackrock ist überzeugt, dass Klimarisiken immer auch Investmentrisiken sind – und dass man bessere Renditen erzielt, wenn man Klimarisiken berücksichtigt.

Analysten loben, dass die Deutsche Börse mit der Übernahme ihre Position in einem Wachstumsmarkt stärkt und zudem weniger abhängig vom Auf und Ab an den Börsen wird. „Durch den Zukauf erhöht sich die Stabilität unseres Geschäfts weiter, und wir stärken die Geschäftsbereiche, die unabhängig von Marktschwankungen sind“, betont auch Vorstandsmitglied Leithner. „90 Prozent der institutionellen Investoren, die ISS als Stimmrechtsberater nutzen, erneuern ihr Abonnement jedes Jahr.“

Kritisch sehen manche Analysten jedoch den hohen Kaufpreis sowie die Risiken, die sich die Deutsche Börse durch die Übernahme ins Haus holt. Denn als Stimmrechtsberater sind ISS und sein kleinerer Rivale Glass Lewis alles andere als unumstritten. Viele Unternehmen finden, dass beide Konzerne bei sensiblen Themen wie der Managementvergütung, der Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat sowie der Ausrichtung von Unternehmen zu großen Einfluss haben.

Ölkonzerne stören sich beispielsweise daran, wie ISS und Glass Lewis ihre Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiativen bewerten. Jamie Dimon, der Chef von Amerikas größter Bank JP Morgan Chase, bezeichnete Aktionäre 2015 als „faul“, wenn sie dem Rat der Stimmrechtsberater folgten. Zuvor hatten ISS und Glass Lewis Investoren Dimons Vergütungsplan als zu üppig kritisiert.

Streit mit der US-Börsenaufsicht

Zur Freude der Kritiker hat die US-Börsenaufsicht in diesem Sommer strengere Regeln für Stimmrechtsberater beschlossen. Die sogenannten Proxy Advisors müssen bei ihren Empfehlungen nun explizit auf die Erwiderungen von betroffenen Unternehmen hinweisen. Zudem können sie unter Umständen haftbar gemacht werden, wenn ihnen faktische Fehler unterlaufen.

ISS habe mit einem Marktanteil von 63 Prozent eine dominante Stellung unter den Stimmrechtsberatern, doch durch die jüngsten Regeländerung der SEC habe sich das Risikoprofil des Unternehmens etwas erhöht, erklärten die Analysten von Berenberg. Möglicherweise müsse ISS mehr Personal einstellen und damit höhere Kosten akzeptieren, um den Anforderungen der Aufsichtsbehörden zu entsprechen.

ISS wehrt sich gegen die Einführung der neuen Regeln und geht vor Gericht gegen die SEC vor. Durch die geplanten Änderungen werde die Fähigkeit von ISS eingeschränkt, Investoren unabhängige Empfehlungen für ihr Abstimmungsverhalten auf Hauptversammlungen zu geben, klagt Vorstandschef Gary Retelny.

Die Deutsche Börse hat sich mit dem Thema im Rahmen des Übernahmeprozesses intensiv beschäftigt – und sieht dadurch offenbar keine großen Probleme auf sich zukommen. „ISS ist kein Start-up, sondern ein 35 Jahres altes Unternehmen, das sehr sorgfältig arbeitet und mit Risiken gut umgehen kann“, sagt Vorstand Leithner. Zudem sei es die Deutsche Börse grundsätzlich gewohnt, streng reguliert zu werden.

Für das Unternehmen ist ISS die teuerste Übernahme seit dem 2,8 Milliarden Dollar schweren Kauf der US-Optionsplattform ISE im Jahr 2007. Vorstandschef Theodor Weimer löst damit sein Versprechen ein, die Position der Deutschen Börse im internationalen Wettbewerb durch Übernahme zu stärken.

Der Aufholbedarf ist groß: Gemessen an der Marktkapitalisierung sind die Hessen, die 2008 noch der wertvollste Börsenbetreiber der Welt waren, inzwischen auf Platz fünf abgerutscht. Der Rückstand auf die größten drei Anbieter, die US-Börsen CME und ICE sowie die Hongkong Exchange, ist gewaltig.

Auch führende Indexanbieter wie Standard & Poor’s (S & P) und MSCI sind mehr wert als die Deutsche Börse und somit als Übernahmeziele außer Reichweite. Um in dem boomenden Geschäft nicht an den Rand gedrängt zu werden, wollen die Deutschen deshalb nun verstärkt auf ESG-konforme Produkte setzen.

„Wir wollen zusammen mit ISS noch mehr nachhaltige Indizes entwickeln“, kündigt Leithner an. „Für uns ist es wichtig, unsere Position in diesem Wachstumsmarkt zu stärken, in dem wir im Wettbewerb mit Spielern wie MSCI, S & P und Moody’s stehen.“

Die Börsen-Sparte Stoxx hat mit ISS bereits in der Vergangenheit Indizes zu klimaorientierten Investments entwickelt. Zudem nutzt die Tochter Clearstream ISS bei der Abwicklung von Stimmrechtsabgaben bei Hauptversammlungen. Auch im Fondsgeschäft gibt es bereits Berührungspunkte.

„In allen diesen Bereichen wollen wir künftig noch mehr zusammen machen“, sagte Leithner. „Deshalb sind wir auf Genstar zugegangen und haben mit ihnen dann exklusiv über den Kauf einer Mehrheitsbeteiligung verhandelt.“

Unabhängige Entscheidungen

Die Börse übernimmt nun circa 80 Prozent an ISS, wobei das komplette Unternehmen mit 2,275 Milliarden Dollar (1,925 Milliarden Euro) bewertet wird. Der bisherige Eigentümer, der Finanzinvestor Genstar Capital, und das ISS-Management halten die übrigen 20 Prozent. Das ISS-Führungsteam um CEO Retelny investiert im Rahmen der Transaktion in das Unternehmen – und soll auch nach dem Abschluss der Transaktion im ersten Halbjahr 2021 an Bord bleiben.

Genstar hatte ISS vor drei Jahren für 720 Millionen Dollar vom Finanzinvestor Vestar Capital Partners übernommen und das Unternehmen seitdem auch durch Übernahmen kräftig ausgebaut. Die Mitarbeiterzahl hat sich auf rund 2000 verdoppelt. ISS hat weltweit aktuell mehr als 4000 Kunden, darunter die größten Investoren der Welt. Im laufenden Jahr erwarte die Firma Nettoerlöse von mehr als 280 Millionen Dollar.

In der Vergangenheit hat ISS als Stimmrechtsberater auch die Deutsche Börse schon hart kritisiert. Vor zwei Jahren rieten die Amerikaner den Aktionären beispielsweise, Weimers Vorgänger Carsten Kengeter auf der Hauptversammlung die Entlastung zu verweigern.

Dass ISS auch künftig noch Empfehlungen zum Abstimmungsverhalten bei der Deutschen Börse abgibt, ist jedoch unwahrscheinlich. Die zuständigen Gremien von ISS würden sich damit in den kommenden Monaten beschäftigen und dann entscheiden, sagte Leithner. Die Deutsche Börse mische sich dabei nicht ein. „ISS ist in diesem Bereich unabhängig.“