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„Dann haben wir eben mal drei Monate weniger Wirtschaftswachstum“

Die britische Lloyd’s ist durch Versicherungsschäden und Börsenverluste von der Coronakrise doppelt betroffen. Der CFO sieht keinen Grund zur Panik.

Die Coronakrise wird in den Führungsetagen kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite stehen Manager wie Private-Equity-Mann Alexander Dibelius, die das Staatshandeln für überzogen halten und um die Wirtschaft fürchten. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die zuallererst eine humanitäre Krise sehen und den Experten vertrauen.

Burkhard Keese zählt zum zweiten Lager. „Ich halte mich an die Aussage von unserem Jürgen Klopp“, sagt der Finanzvorstand des britischen Versicherungsmarkts Lloyd’s of London. „Ich bin Experte für Finanzen, nicht für öffentliche Ordnung oder Epidemien.“ Der Trainer des FC Liverpool hatte sich mit einem ähnlichen Spruch für nicht zuständig erklärt, als ihm eine Frage zum Virus gestellt wurde.

Die Coronakrise sei eine humanitäre Krise, die ihn persönlich betroffen mache, sagt der frühere Allianz-Manager, der seit vergangenem Jahr in London arbeitet. Man müsse alles tun, was einem die Experten raten. Und wenn das weniger Wirtschaftswachstum bedeute, „dann haben wir eben mal drei Monate weniger Wirtschaftswachstum“.

Der britische Versicherungskonzern wird den Coronaschock auch in der eigenen Bilanz spüren. Da ist zum einen der Börsenabsturz. Bis zum Tiefpunkt am 19. März seien die Kapitalanlagen von Lloyd’s um 1,8 Milliarden Pfund gesunken, sagt Keese. Das sei viel Geld, aber angesichts des gesamten Anlagevermögens von 70 Milliarden Pfund „kein Drama“. Und es seien bisher nur Verluste auf dem Papier, betont er.

Zum anderen dürften auf Lloyd’s auch erhebliche Versicherungsforderungen zukommen. Den Schaden könne man noch nicht abschätzen, sagt Keese. Denn anders als Retail-Policen seien Unternehmensverträge alle individuell unterschiedlich. „Alle Syndikate bei Lloyd’s gehen jetzt durch ihre Bestände und gucken, wo wir wirklich getroffen sind“, sagt er. Das Ergebnis dieser Prüfung sei nicht vor Mai zu erwarten.

Betroffen sind Reiseversicherungen, Event-Ausfallversicherungen und möglicherweise Betriebsunterbrechungsversicherungen. Bei Letzteren gibt es häufig eine Pandemie-Ausschlussklausel. Deshalb komme es auf jeden Vertrag und jedes Wort an, sagt Keese. Bei Event-Ausfallversicherungen müsse man zudem fragen, ob wirklich ein Schaden entstanden ist, wenn das Event nur verschoben wird. So wie etwa die Olympischen Spiele in Tokio, die nun ein Jahr später 2021 stattfinden sollen.

Ein Wirbelsturm trifft Versicherer härter

Ob am Ende der Börsenschaden oder der Versicherungsschaden größer sein wird, lässt sich laut Keese noch nicht abschätzen. Es komme auch darauf an, was die Politik mache, sagt er. In den USA werde etwa bereits diskutiert, per Gesetz rückwirkend in Versicherungsverträge einzugreifen.

Die Pandemie wird jedoch für Versicherer voraussichtlich nicht so teuer wie ein großer Wirbelsturm. Die Swiss Re schätzte die Kosten bei den Event-Ausfallversicherungen kürzlich auf sechs Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der Sturm „Dorian“ im vergangenen Jahr habe zehn Milliarden Euro gekostet, sagt Keese. „Und das war ein kleiner Sturm.“

Lloyd’s steht jedenfalls gut gerüstet da in der Coronakrise, wie die am Donnerstag vorgelegten Zahlen für das abgelaufene Jahr zeigen. So kehrte das Unternehmen nach zwei Verlustjahren in die Gewinnzone zurück. Der Gewinn belief sich auf 2,5 Milliarden Pfund – satte 3,5 Milliarden mehr als im Vorjahr. Der Konzern profitierte vor allem vom Börsenaufschwung und der guten Performance der Kapitalanlagen. Das Versicherungsgeschäft hingegen machte erneut Verlust.

Die Solvabilitätsquote, mit der die Kapitalstärke eines Unternehmens gemessen wird, stand Ende des Jahres bei guten 238 Prozent. Bis zum 19. März sackte sie aufgrund der Börsenturbulenzen jedoch auf 205 Prozent ab. Das sei kein Grund zur Sorge, sagt Keese. „Wir wollen bei 200 bleiben und könnten maximal bis 150 runtergehen.“

Wenn es eng wird, kann Lloyd’s jedoch jederzeit seine Mitglieder auffordern, die Verluste auszugleichen. Das sei der Vorteil eines Versicherungsmarktes, sagt Keese. „Wir können viel schneller rekapitalisieren als jeder andere Versicherer.“