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Coronakrise könnte „Deindustrialisierung 2.0“ auslösen

Eine IW-Studie zeigt, dass energieintensive Industriezweige schon vor der Krise im Vergleich wenig investiert haben. Das Problem verschärft sich nun.

Energieintensive Branchen wie Chemie, Papier und Metallerzeugung haben in der Coronakrise besonders zu leiden. Foto: dpa

Energieintensiven Branchen wie Stahl, Chemie, Papier und Glas hat schon die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 schwer zu schaffen gemacht. Es dauerte lange, ehe die Unternehmen wieder Tritt gefasst hatten. Und selbst in den wirtschaftlich starken Jahren vor der Coronakrise blieben die energieintensiven regelmäßig hinter anderen Industriebereichen zurück: Sie hätten hinsichtlich ihrer Investitionen „systematisch schlechter abgeschnitten“, schreibt das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) in einem noch unveröffentlichten Papier, das dem Handelsblatt vorliegt.

„Selbst während der investitionsstarken Jahre mit ansteigendem Kapitalstock der Industrie insgesamt nahmen die energieintensiven Branchen weiter ab. 2017 stieg der Kapitalstock des verarbeitenden Gewerbes um 1,0 Prozent an, die energieintensiven Branchen gingen um 0,9 Prozent zurück“, schreibt das IW.

Auch ein weiterer Anstieg der Investitionen in der Zeit vor Eintritt der von der Coronakrise ausgelösten Industrierezession dürfte nicht zu einem wachsenden Kapitalstock der Branchen mit hohem Energieverbrauch geführt haben, heißt es in dem IW-Papier.

Schon jetzt ist der Substanzverzehr in den von den Kölner Wirtschaftsforschern untersuchten energieintensiven Branchen dramatisch. Demnach ist das Bruttoanlagevermögen der Branchen Chemie, Metallerzeugung und Metallverarbeitung, Glas, Keramik und Papier seit 2010 um 8,7 Prozent gefallen, verglichen mit 2000 gingen demnach sogar 18 Prozent verloren.

„Für die weitere Entwicklung lässt diese Zwischenbilanz nicht viel Gutes erwarten“, sagte IW-Geschäftsführer Hubertus Bardt dem Handelsblatt. Bei insgesamt stark fallenden Investitionen sei mit einem deutlichen Rückgang des Kapitalstocks energieintensiver Industrien zu rechnen, sagte er.

„Die schon länger anhaltende Industrierezession, die schwere Coronakrise und die drohenden strengeren Vorgaben im europäischen Klimaschutz nehmen viele Unternehmen in die Zange. Das Resultat könnte eine Beschleunigung der ohnehin seit Jahren zu beobachtenden Deindustrialisierung sein“, sagte Bardt. Die energieintensiven Branchen seien „akut gefährdet“. Die Bundesregierung sei gefordert, „verlässliche Rahmenbedingungen für die betroffenen Unternehmen zu schaffen“, sagte Bardt.

Voraussetzungen für grüne Investitionen müssen stimmen

Tatsächlich gehört beispielsweise eine Verschärfung der EU-Klimaziele zu den Bestandteilen des von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vorgestellten „Green Deal“. Bestandteil des Konzeptes ist es, das EU-Ziel einer Treibhausgasreduktion von 40 Prozent bis 2030 auf 50 bis 55 Prozent zu erhöhen. Das würde zwangsläufig zu einer weiteren Verschärfung des europäischen Emissionshandelssystems führen. Der Emissionshandel, an dem auch die energieintensive Industrie teilnimmt, wird ohnehin ab 2021 deutlich ambitionierter ausfallen.

In dem IW-Papier heißt es, strengere europäische Vorgaben könnten zu höheren CO2-Preisen führen und den Abstand zu anderen Industrieländern vergrößern. „Auch Investitionen in klimafreundliche Anlagen sind nur dann möglich, wenn diese preislich langfristig wettbewerbsfähig genutzt werden können“, schreibt das IW. Seien die Voraussetzungen dafür nicht gesichert, weil etwa Ausnahmen von Kostenbelastungen infrage stünden und der Aufbau von Klimaschutzinfrastrukturen wie Strom- und Wasserstoffnetzen nicht vorankomme, würden die erhofften Investitionen nicht in dem notwendigen Maß getätigt.

Über die Verschärfung des Emissionshandels hinaus gibt es eine Reihe drohender Gefahren für bestimmte energieintensive Branchen. So will die EU-Kommission die Erstattung emissionshandelsbedingter Mehrkosten beim Strompreis drastisch zusammenstreichen, die Zahl der von dieser Erstattung profitierenden Branchen soll deutlich sinken.

Eine Verzögerung der Modernisierung stelle ganze Produktionsnetzwerke in Deutschland infrage, warnt das IW. „Damit energieintensive Branchen in klimafreundliche Verfahren und die Nutzbarkeit emissionsarmer Energieträger investieren können, muss schnell Klarheit über die zukünftigen Perspektiven und verlässliche Rahmenbedingungen geschaffen werden“, fordert das IW. „Anderenfalls droht ein Verlust dieser Unternehmen für den Standort Deutschland und Europa, der die Treibhausgasemissionen nicht reduziert, sondern nur verlagert.“

Quotenregelungen sind denkbar

Die Debatte darüber, wie die Rahmenbedingungen langfristig verlässlich ausgestaltet werden können, sodass die betroffenen Branchen eine Zukunftsperspektive sehen und weiter in Deutschland oder anderen europäischen Ländern investieren, ist in vollem Gange. Denn ohne massive Investitionen ist der Umbau ganzer Produktionsprozesse hin zur Klimaneutralität nicht möglich. So müssen etwa Stahl- und Chemiebranche künftig in großem Umfang CO2-neutralen Wasserstoff einsetzen.

So erwägt die Bundesregierung etwa, bestimmten Branchen mit „Carbon Contracts for Difference“-Modellen zu helfen. Dahinter verbergen sich staatliche Garantien für eine bestimmte Höhe des CO2-Preises für Unternehmen, die in Klimaschutz investieren. Auch Quotenregelungen für die Verwendung von Produkten wie grünem Stahl sind denkbar, ebenso Grenzausgleichsabgaben bei der Einfuhr von Produkten von außerhalb der EU, deren Höhe sich an der CO2-Bilanz der Produkte bemisst.

Allerdings sind diese Modelle alle noch in einem frühen Stadium. Vielen Unternehmen rennt die Zeit davon. Sie müssen angesichts wachsender Klimaschutzanforderungen massiv in neue Verfahren investieren, wissen aber nicht sicher, ob und wie ihnen dabei langfristig und verlässlich geholfen wird.

Mehr Mit diesem Konzept will die Große Koalition die Stahlbranchen retten.