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Corona leitet eine Wende am Markt für Unternehmenskredite ein

Lange waren die Verhältnisse am deutschen Finanzierungsmarkt für Unternehmen paradiesisch. Jetzt kämpfen die Firmen mit höheren Zinsen und strengeren Standards.

Die Coronakrise hat die Verhältnisse am Markt für Unternehmenskredite praktisch über Nacht auf den Kopf gestellt. Gerade noch waren Banken kaum zu bremsen, wenn es um die Jagd nach neuen Firmenkunden ging. Die vergangene Woche bildete die Zäsur. In nur sieben Tagen sprang der durchschnittliche Zinssatz für einen fünfjährigen Unternehmenskredit von 1,18 Prozent auf 1,33 Prozent, wie eine Studie des Investmentbank- und Finanzierungsspezialisten FCF Fox Corporate Finance zeigt, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.
Im historischen Vergleich sind die Zinsen damit immer noch günstig. Beunruhigender ist das Tempo, in dem sich die Lage verändert hat. Mit den Zinsen haben die Banken auch die Kreditmargen erhöht, die für sie ein Sicherheitspuffer sind. „Und nach allem, was wir hören, wird sich dieser Trend weiter fortsetzen“, sagt Kai Frömert, Managing Director bei FCF.

Mehr Zins, mehr Marge

Auch die Deutsche Bank geht im Deutschland-Monitor Unternehmensfinanzierung davon aus, dass die Banken ihre „Margen jedenfalls beträchtlich anheben und die Kreditstandards verschärfen“, werden. „Noch vor einer Woche haben wir bei einigen Finanzierungstransaktionen mit den Banken um Konditionen gerungen, bei denen es darum ging, ob man ein Prozent zahlt“, erzählt FCF-Chef Arno Fuchs. Dann der Rückzieher. Die Institute teilten mit, dass ihre eigenen Refinanzierungskosten über Nacht gestiegen seien und dass sie auch weitere Anstiege mit einkalkulieren müssten. „Am Ende stehen bei solchen Transaktionen dann Konditionen von annähernd zwei Prozent im Raum.“

Längst reagieren die Unternehmen auf die sich abzeichnende Zeitenwende am Kreditmarkt – und fangen an zu horten. „Der kurzfristige Mittelbedarf einer Vielzahl von Unternehmen wird sprunghaft ansteigen, aller Voraussicht nach kräftiger als in der globalen Finanzkrise“, prognostiziert die Chefvolkswirtin der staatlichen Förderbank KfW, Fritzi Köhler-Geib.
Nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 hatten Banken schlagartig den Hahn für neue Kredite zugedreht. Ihre Unternehmenskunden hatten damals darauf reagiert, indem sie bestehende Kreditlinien zogen, über das sonst übliche Maß hinaus. Auslandsbanken hatten sich aus dem deutschen Markt zurückgezogen.

Die ersten Unternehmen horten Kredite

So dramatisch ist die Lage heute noch nicht. Doch FCF-Experte Frömert beobachtet bereits , dass Private-Equity-Fonds die von ihnen gekauften Firmen anweisen, ihre freien Kreditlinien komplett zu ziehen, um sich Liquidität zu sichern. „Selbst um den Preis, dass das Geld dann vielleicht zu negativen Zinssätzen anzulegen wäre. Das ist eine Schutzmaßnahme, für den Fall, dass Banken künftig ihre Linien kürzen oder aus anderen Gründen nicht mehr auszahlen“, sagt er. Man weiß ja nie.
Die Finanzchefin der Commerzbank, Bettina Orlopp, kennt dieses Phänomen. „Wir sehen, dass unsere Firmenkunden ihre Kreditlinien ziehen und neue Kredite aufnehmen“, sagt sie. Noch sei das Ganze nicht substanziell, aber der Trend sei da. Viele Kunden würden ihre Kreditlinien ziehen, die Liquidität dann aber gleich wieder auf ihren Konten parken, erklärte Orlopp. „Momentan handelt es sich also nur um eine Verschiebung von Liquidität.“

Auslandsbanken zögern

Es gibt noch mehr Indikatoren, die zeigen, dass sich die Kreditbonanza, von der viele Unternehmen bislang profitiert haben, dem Ende zuneigt. Den Auslandsbanken scheint das deutsche Firmenkundengeschäft seit dem vergangenen Sommer nicht mehr ganz geheuer zu sein. Denn seither ist bei vielen Instituten die Risikovorsorge für ausfallende Kredite und Darlehen, die schlicht risikoreicher werden, gestiegen. Die Konjunktur hatte sich schon vor Corona deutlich abgeschwächt.

Bis zum Sommer waren die Auslandsbanken noch die Institute mit den höchsten Zuwächsen im Kreditneugeschäft. Doch auf Jahressicht haben die Volks- und Raiffeisenbanken die Auslandsbanken überholt. Sie steigerten ihre Finanzierungszusagen an Unternehmen laut FCF mit 10,5 Prozent am deutlichsten, die Auslandsbanken fielen mit 7,2 Prozent auf den zweiten Rang zurück.
Mittlerweile scheint der Appetit auf Neues vielen Banken vergangen zu sein. „Seit Freitag letzter Woche fokussieren sie sich ganz deutlich und verständlicherweise auf ihre Bestandskunden, da deren Anfragen massiv ansteigen“, beobachtet FCF-Finanzierungsspezialist Fuchs.
Die KfW-Hilfsprogramme sollen genau diesen Krisenmustern entgegenwirken. Köhler-Geib spricht von einer „gemeinsamen Kraftanstrengung des gesamten deutschen Bankensystems“, die erforderlich sei. Stephan Ortolf, Bereichsleiter Firmenkundengeschäft der DZ Bank, ist sich sicher, dass die KfW-Hilfen die schwere Lage vieler Firmen abfedern können. „Ich gehe fest davon aus, dass das der Fall ist. Es ist hilfreich, wenn die KfW 80 Prozent der Haftungsrisiken bei diesen Krediten übernimmt“, sagt er.

Zuversichtliche Sparkassen

Und auch die Sparkassen geben sich krisengestählt. „Die Programme, die die Bundesregierung aufgelegt hat, sind geeignet, die Einschläge in der Wirtschaft zu begrenzen, sodass wir die Möglichkeit haben, die Firmenkunden zu begleiten“, sagt der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), Helmut Schleweis. Er verweist darauf, dass es ein ähnliches Szenario bereits im Zuge der Finanzkrise 2008 gab. Damals hätten die Sparkassen ihr Kreditportfolio um drei Prozent ausgeweitet. Da die Sparkassen die Institutsgruppe mit dem größten Marktanteil in der Unternehmensfinanzierung sind, ist das ein wichtiges Signal für viele Firmen.
So eine Haltung müssen sich Banken aber auch leisten können: Wie viele Kredite Banken vergeben können, hängt von ihrer Eigenkapitalausstattung ab. Je riskanter ein Kredit, desto mehr Eigenkapital benötigen sie für das Geschäft. Und im Konjunkturabschwung werden Kredite risikoreicher, benötigen also auch mehr Eigenkapital. Genau deshalb haben die Bankenaufseher ihre Kapitalauflagen für Banken zuletzt gelockert. Sie wissen ebenso wie KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib: „Die Bewältigung der Coronakrise ist für die Banken gleichermaßen Mammutaufgabe und Belastungstest.“