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3600 Jobs allein in Deutschland: Aufseher genehmigen Stellenabbau bei Conti

Der Autozulieferer Continental steht vor dem Umbruch. Dafür sollen weltweit Tausende Stellen abgebaut werden. In der Belegschaft wächst die Wut.

Der Autozulieferer will massiv Personal abbauen. Foto: dpa

Auf der Vahrenwalder Straße in Hannover ging am Mittwochmorgen nichts mehr. Die Polizei hatte die Umgebung abgesperrt, der Verkehr wurde weiträumig umgeleitet. Ausgelöst haben das Verkehrschaos etwa 1000 Continental-Mitarbeiter, die vor der Konzernzentrale zu einer Demonstration zusammengekommen sind. Die Demo-Teilnehmer sind sauer auf ihren Arbeitgeber. Denn Continental will die Werke, in denen sie arbeiten, schließen und ihre Jobs streichen.

Der Aufsichtsrat hat die Sparpläne, die der Konzern Ende September vorgestellt hatte, genehmigt. Das bedeutet für die deutschen Standorte: Das Werk im bayrischen Roding wird bis 2024 geschlossen. Im sächsischen Limbach-Oberfohna wird die Produktion bis 2028 eingestellt.

Ende 2025 wird zudem die Serienproduktion von analogen Tachometern im hessischen Babenhausen beendet. Insgesamt verlieren damit allein in Deutschland vorerst fast 3600 Conti-Mitarbeiter ihren Job. Weltweit sind es über 5000. „Mit den heutigen Beschlüssen unterstützt der Aufsichtsrat unseren dringend erforderlichen Technologieumstieg“, teilt Conti-Chef Elmar Degenhart in einem Schreiben mit.

Zur Kundgebung in Hannover unter dem Motto #FairConti“ hatte die IG Metall Niedersachsen aufgerufen. „Wir kämpfen für unsere Arbeitsplätze“, heißt es im Schreiben der Gewerkschaft, die im Vorfeld der außerordentlichen Aufsichtsratssitzung den Druck auf Conti erhöhen wollte. Ebenfalls vor Ort waren Konzernbetriebsrat Hasan Allak und Christiane Benner, stellvertretende IG-Metall-Chefin und Mitglied im Aufsichtsrat von Continental.

Die bisher vorgesehenen Qualifizierungsmaßnahmen reichten nicht aus, der Umbauplan selbst sei überhastet, kritisierte Benner: „Es müssen alle Beschäftigten mitgenommen werden.“ Die Veränderungen bei Continental bräuchten mehr Zeit. Sie vermutet auch reine Renditeinteressen hinter dem raschen Umbau, denn gleichzeitig taste man so manches Werk in günstigeren Ländern nicht an. „Globalisierung? Ja bitte. Lohndumping? Nein danke“, kritisiert Benner.

Auch Allak hält die Pläne für überhastet. „Das Management hat nicht einmal die Ergebnisse der von uns in Auftrag gegebenen Prüfungen und Validierungen an den einzelnen Standorten abwarten wollen. Das geht gar nicht“, teilt der Konzernbetriebsrat in einem Schreiben mit.
Personalvorständin Ariane Reinhart sei bewusst, dass ein Teil der Maßnahmen Schmerzen verursachen werde. Aber „angesichts der Transformation unserer Industrien und rückläufiger Märkte leiten wir vorausschauend über drei bis sieben Jahre die notwendigen Anpassungen ein.“
Seit Wochen bereits köchelt es bei Conti und in der gesamten Zuliefererbranche. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht von Werksschließungen und Arbeitsplatzabbau berichtet wird. Auch Bosch und ZF haben Sparmaßnahmen angekündigt.

Branchenweiter Aktionstag

Die IG Metall lässt mit der Kundgebung in Hannover nun erstmals die Muskeln spielen. Die Demo vor der Conti-Zentrale könnte der Beginn einer bundesweiten Demonstrationswelle der Gewerkschaften gegen die Kürzungspläne der Autohersteller und -zulieferer sein.

Bereits am Freitag ruft die Gesamt-IG-Metall in Stuttgart zu einem Aktionstag gegen die angekündigten Stellenstreichungen und Sparprogramme der Branche auf, an dem die Betriebsräte von Daimler, Bosch und Conti vor 10.000 Teilnehmern sprechen werden.

Im Aufsichtsrat von Continental haben die Arbeitnehmervertreter den Schließungen der Werke nicht zugestimmt. Laut Benner seien die Konzepte des Arbeitgebers keine Antwort auf die Herausforderungen der Transformation.

Für Hasan Allak verfalle der Conti-Vorstand in alte Managementmuster: „Werke schließen, Produktion verlagern, Geschäft aufgeben – und das, ohne den konkreten Handlungsbedarf ermessen zu können. Das sind Managementmethoden der Vergangenheit, die auf unseren entschiedenen Widerstand treffen werden.“

Doch der Widerstand der Arbeitnehmervertreter und der Einsatz der gewerkschaftsnahen Beratungsgesellschaften, die an den betroffenen Conti-Standorten nach sozial verträglichen Lösungen suchen, sind offenbar vergebens. Das legt die hohe Zahl der Entlassungen nahe.

Sie zeigt, dass bewährte Krisenwerkzeuge wie Kurzarbeit und Weiterbildung in einer strukturellen Krise an ihre Grenzen stoßen. Das limitiert nicht nur die Möglichkeiten des Vorstands, sondern auch die der Arbeitnehmervertreter.

Gewerkschaften und Betriebsrat kritisieren das Management des lange erfolgreichen Dax-Konzerns dafür, zu spät auf den weltweiten Wandel der Automobilbranche reagiert zu haben. Immerhin hatte der große Zulieferer ein Jahrzehnt lang Zeit gehabt, sich auf die neuen herausfordernden Zeiten mit der Elektromobilität und der Digitalisierung vorzubereiten.